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Hardware. Software. Wetware.

June 19, 2019

Hardware braucht Software, Software braucht Wetware und Wetware braucht Hardware. Niemand hat diese Schleifen in der Hand, so gerne wir das manchmal glauben möchten. Sie haben uns in der Hand, bestehen aber aus nichts anderem als aus weiteren Schleifen, die die Erde mit den Menschen und die Menschen mit ihren Apparaten verknüpfen.

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Erschienen in: Castor&&Pollux: Multimediales Musiktheater für Ensemble, Videokunst und “4DSound”, Programmheft Internationales Musikfestival Heidelberger Frühling 2019, S. 34–37

4 Comments
  1. Peter Bormann permalink

    1) “Es gibt gar keine Software, hat der Medientheoretiker Friedrich Kittler im Stanford Literature Review schon 1992 behauptet.”
    So anregend ich Friedrich Kittler stets fand, aber sein “Hardware-Determinismus” schien mir -insbesondere für jemand, der selbst in Assembler programmiert hat – schon immer eine “strange loop of idiosyncrasy” zu sein 🙂

    a) “Elektrizität” alleine kann´s dabei letztlich nicht sein.Denn sonst wären bspw. Zitteraale die
    Elite-“Programmierer” der natürlichen Evolution (https://de.wikipedia.org/wiki/Zitteraal). Aber zu
    mehr als zum Beutefang scheint´s bei ihnen nicht zu reichen.

    Zentral ist eher, dass es möglich ist, “Maschinen durch Schaltanweisungen zu steuern.”
    Und das setzt sowohl eine Schaltalgebra als auch Schaltnetze (bestehend aus einfacheren logischen Schaltgliedern) voraus, für die heutzutage Transistoren verwendet werden. Und erst hier kommt die Steuerung niederer elektrischer Spannungen zum Tragen. Doch die technische Realisierung auf der Basis von Elektrizität würde ich schon als eine “spätere” Entwicklungsstufe ansehen (siehe unten).

    b) Programmieren kann man vor diesem Hintergrund jedenfalls als das “Aufstellen von Schaltanweisungen” definieren, “die maschinell zu Steuerungszwecken exekutiert werden können”. Dieses Aufstellen ist dabei letztlich immer in soziale Kommunikationsprozesse (indirekt: als Lesen von Handbüchern, Dokumentationen oder direkt: als Lesen von Code) eingebettet. Und ohne diese social embeddedness ist Programmieren (aber auch der Bau von Hardware, der selbst Programmieraspekte beinhaltet) kaum vorstellbar – auch wenn bspw. Rolf Todesco das seit vielen Jahren nicht wahrhaben will, um seine materialistische Position durchhalten zu können 🙂

    Warum ist diese Perspektive der Programmierung “wichtig”? Weil die Rede von Software zu sehr einem unterspezifizierten “Kompaktbegriff” gleicht. Der Blick auf Programmieren als das Aufstellen von Schaltanweisungen übergreift dabei mit Blick auf die Leitunterscheidung “notwendig – kontingent” die Hardware / Software-Unterscheidung als Sonderfall.

    Denn das Spiel der simultanen Reduzierung “und” Steigerung von Komplexität auf unterschiedlichen Abstraktionsstufen kann dabei wie folgt skizziert werden:
    * Zeichne Low-Level-Komplexität (als Hardware, als Maschinensprache, als Assembler, als höhere Programmiersprache der x.ten-Generation bis hin zu Programmen der visuellen Programmierung / Modellierung) als “notwendig” bzw. “invariant” aus.

    * Abstrahiere von dieser Low-Level-Komplexität auf einer höheren Abstraktionsebene.

    * Steigere die Komplexität auf der höheren Abstraktionsebene, was zur weiteren Iteration von simultaner Komplexitätsreduzierung und -steigerung auf der nächsten Abstraktionsebene führen kann.

    Das liesse sich auch elegant mit der Unterscheidung von “Medium” – “Form” – nicht zuletzt mit Blick auf verschiedene “Programmierparadigmen” (siehe unten) – formulieren!

    c) Den Begriff “Datum” würde ich vor diesem Hintergrund nicht einfach mit elektrischen Spannungen
    (genauer: Signalen) gleichsetzen, sondern innerhalb der Digitalität als Schachtelung von Medien -Formen-Zusammenhängen verorten – und zwar wiederum mit Blick auf die Unterscheidung “notwendig – kontingent”, hier interpretiert als “(Programm-)Code / Datum”.
    * Der invariante Code operiert demnach auf den als veränderlich angesehenen “Daten”

    * Kompliziert wird das dadurch, dass es dabei – je nach Programmierparadigma (imperativ-prozedural, objektorientiert, funktional, etc.) – zu autologischen Re-Entries kommen kann:
    – Re-entry 1 (Data (Code / Data), d.h. “Data-As-Code (Daten, z.B. Konfigurationsdateien, die selbst als Code fungieren)

    – Re-entry 2: (Code (Data / Code), d.h. “Code-As-Data”
    Beispiel 1: Code-As-Data bedeutet bspw., dass Pro­gramm­texte (Code) im Falle von Me­ta­programmierungswerkzeugen (Compilern, Interpre­tern, etc.) auf anderen Pro­gramm­texten oder sich selbst (Bei­spiele: die refle­xi­ve, meta­datengetriebene oder as­pekt­orientierte Programmierung) operieren.

    Beispiel 2: Da auch die “funktionale Programmierung” dem Code-As-Data-Prinzip folgt, können auch Funk­tionen als Daten für andere Funktionen fungieren (Functions-As-Data). Das be­deu­tet: Funktionen können in Variablen gespeichert, anderen Funktionen als Argumente übergeben oder von diesen als Ergebnisse zurückgeliefert werden.

    MEIN FAZIT:
    Wahrscheinlich ist die “medientheoretische Geschichte” der Programmierung (bspw. im obigen Sinne und unter Einbeziehung von AI!) erst noch zu schreiben – wenn ich mich nicht täusche.

    Hardwaredeterministische Ansätze à la Kittler, materialistische Positionen à la Todesco oder einfach nur die Rede von Software als Kompaktbegriff blenden dann nicht nur diese “Geschichte(n) des Digitalitätsmediums bzw. der Programmierung”, sondern mitunter auch noch die “voraussetzungsreichen” Bewussteins- und Kommunikationsprozesse aus, ohne die das Prozessieren der digitalen Medienformen undenkbar ist (womit ich jetzt freilich nicht Sie, Herr Prof. Baecker, meine :-)). Manche mögen dann mitunter bei einem technischen Apriori, technischem Determinismus, A-Humanität, whatever landen. Freilich um den Preis der eingangs erwähnten strange loop of idiosyncrasy 🙂

    2) Den tieferen Sinn von “Digitalisierung” würde ich nun weniger in der Digital-Analog-Umwandlung verorten, wie Sie das in Ihrem Text nahelegen, sondern vielmehr in der Entdeckung, dass man die “!njunktivität” von Medienformen nicht nur für konstative Realitätskonstruktionen und zu performativen Handlungen nutzen kann, sondern auch dazu, Schaltanweisungen aufzustellen, die via ihre Exekution zur Maschinensteuerung eingesetzt werden können.
    Das setzt Vorgängermedien (Drehwalzen in Spieldosen und anderen Automaten, die Lochkartensteuerung von Webstühlen, Drehorgeln, etc.) voraus. Aber das hat zunächst weder etwas mit Elektrizität noch mit Digital-Analog-Transformationen zu tun, sondern vor allem mit maschineller Injunktivität – so zumindest meine These.

    Wie diese maschinelle Injunktivität dann technisch realisiert wird (mechanisch, elektrisch, mit Analogrechnern, mit Digitalrechnern, mit von-Neumann-Rechnern, mit Quantencomputern, mit oder ohne AIs, etc.) ist demgegenüber sekundär – und abhängig von den konkreten Technologien, die je nach Stand der Technik viabel eingesetzt werden können.

    Wenn man dann von einer Leitmedien-Abfolge ausgeht, dann könnte sie vielleicht so lauten:
    * Wahrnehmungsmedien / Körpermedien
    * Oralität
    * Skripturalität / Printmedien
    * Technische Analogmedien (Photographie, Film, Radio, TV)
    * Medien der maschinellen Injunktivität, wobei hier heutzutage das “Digitalititätsmedium” mit der von Ihnen erwähnten Elektrizität und Digital-Analog-Transformation dominiert.

    3) Das Neue an der AI wäre dabei die “Selbst-Programmierung”, so dass für Software-Entwickler ein Fokuswechsel weg vom Code hin zu den Daten / Algorithmen erfolgt. Aber auch das wäre ein Teil der oben skizzierten Evolution der Programmierung vor dem allgemeinen Hintergrund maschineller Injunktivität und der dabei eingesetzten Medien-Formen-Zusammenhänge.

  2. Peter Bormann permalink

    Vielleicht um meine obige Position nochmals prägnant zusammenfassen:
    “Software im strengen Sinne des Wortes ist nur nötig … um in diese
    Rechenprozesse einzugreifen,” (D. Baecker)
    PB: Programmieren (vor dem Hintergrund: maschinelle Injunktivität, Schachtelung der Unterscheidung von “notwendig – kontingent” und simultane abstraktionsstufenspezifische Reduktion und Steigerung von Komplexität) übergreift nicht nur die Software-Hardware-Unterscheidung als Sonderfal), sie “konstituiert” und “steuert” erst die zugehörigen Schaltprozesse, und zwar bereits auf der Ebene der Bauteile oder, wie Kittler vielleicht formulieren: als in Silikon gegossene Schrift.

    • Vielen Dank, lieber Herr Bormann, für Ihre Kommentare. Und überdies gilt: die theoriegeleitete Beschreibung komplexer Sachverhalte sollte nicht komplizierter werden als diese selbst. Deswegen haben ich mir in einem eher feuilletonistischen Beitrag erlaubt, auf die Dreiheit von Hardware, Software und Wetware zu verweisen.

  3. Peter Bormann permalink

    “feuilletonistischen Beitrag”: Ja, kein Problem. Der Kontext, in dem Ihr Beitrag zu situieren ist, hat von vornherein eine gewisse Popularisierung nahgelegt. Dennoch meine ich, dass diese Trias nicht gut gewählt ist.
    * Die Unterscheidung “Hardware/Software” stellt nur zwei Seiten, derselben Komplexitäts- und Abstraktionsmedaille dar, also einer Entwicklung der simultanen Reduzierung und Erhöhung von Komplexität mittels des notwendig-kontingent-Schemas und dem Einziehen von unterschiedlichen Abstraktionsebenen.
    * Und die “Wetware” mündet direkt in einen obsoleten Humanismus ein, für den die Furcht vor der Technik vielleicht konstitutiv ist (siehe Hans-Dieter Bahr, “Über den Umgang mit Maschinen”).

    Natürlich ist klar, dass man die “Wetware” bspw. systemisch ausbuchstabieren kann: Soziale Systeme, Bewusstseinsprozessoren, Psychen (Emotionen / Wahrnehmungen), neuronale und biologische Systeme. Und dann kann man schauen, wie Medien und Techniken diese Systeme jeweils “affizieren” bzw. wie diese Systeme jeweils die Medien und Techniken designen / konstruieren / nutzen..

    Allerdings würde ich behaupten, dass nur “eine” einzige Mega-Schleife vorliegt (was freilich die Relevanz der anderen Systeme einschließt), mit der alles steht und fällt: die soziale Dimension.

    Mediales Prozessieren, wenn man von Wahrnehmungsmedien abstrahiert, funktioniert nur mit Blick auf das Soziale.Aber auch dem Technischen ist Soziales zutiefst eingeschrieben. Es gibt also weder eine eigenständige Medien(evolutions)schleife noch eine eigenständige Technik(evolutions)schleife, sondern nur eine Schleife: die Sozioevolution, die medialen und technischen Wandel umschließt.

    Das mag sich erst ändern mit einer technologischen (AI-)Singularität. Aber im Moment gleicht das eher Science Fiction. Freilich würde ich in dieser Hinsicht nichts ausschließen.

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