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Kein Ende in Sicht

March 13, 2019

In Werner Plumpes großartigen Geschichte des Kapitalismus hat dieser einen entscheidenden Defekt. Er erkauft die Vorteile einer immer kapitalintensiveren Produktion mit den Nachteilen der Abhängigkeit der Arbeit vom Markt und daher meist auch, wenn man nicht die Selbständigkeit riskiert, von einem Arbeitgeber.

weiterlesen: Die permanente Revolution, Süddeutsche Zeitung, 13. März 2019, S. 12 und online

Nachtrag:

Es ist kein Ende des Kapitalismus in Sicht, zumal auch die Alternative des Sozialismus sich ausgerechnet dort versündigt hat, wo der Kapitalismus seine Stärken hat: in der Entwicklung von Märkten, die angebotselastisch mit Unterbeschäftigung und Überschussnachfrage umgehen können. Bedenklich ist allerdings, dass der Kapitalismus gegenwärtig dank weiterer technologischer Fortschritte auf eine neue Unterbeschäftigungskrise zuzugehen scheint, von der vollkommen unklar ist, ob sie mit dem Angebot neuer Arbeitsplätze behoben werden kann. Denn das ist sei Henry Ford die Moral des Kapitalismus: Arbeiter verdienen in abhängiger Beschäftigung das Geld, um die Produkte kaufen zu können, die sie herstellen. An dieser Moral ändert sich auch dann nichts, wenn die Kapitalintensität immer größer, die Umwegproduktion immer länger und die Substitution marktwirtschaftlicher durch staatliche Aktivitäten immer verlockender wird. Nur eines kann diesem Kapitalismus tatsächlich Sorgen bereiten: ein Ende der Kapitalknappheit, denn dann wären Skaleneffekte nicht mehr ausschlaggebend und wir bekämen es tatsächlich mit einem neuen wirtschaftlichen Regime zu tun.

Plumpe gelingt es in seiner ungemein reichhaltig erzählten Geschichte, Erfolg und Ambivalenz des Kapitalismus gleichermaßen auf den Punkt zu bringen. Das hat allerdings auch seinen Preis. Plumpe hält hinreichend weiten Abstand zur Soziologie, um seinen Gegenstand als einen einheitlichen Gegenstand behaupten zu können. Es gibt Soziologen, die ihm darin zustimmen, es gibt allerdings auch Soziologen, die den Kapitalismus für ein wirtschaftliches Phänomen mit erheblichen gesellschaftlichen Voraussetzungen und Folgen halten, ohne das eine mit dem anderen gleichzusetzen. Leben wir in einer kapitalistischen Gesellschaft? Sind allgemeine Schulbildung, demokratische Politik, empirische Wissenschaft, positives Recht, säkulare Religion, autonome Kunst oder auch die freie Liebe ‚kapitalistische‘ Phänomene? Im buchstäblich letzten Satz des Textes dieses Buches (vor einem umfangreichen Fußnotenapparat, der seinerseits eine aufmerksame Lektüre lohnt) benennt Plumpe als Außenseite der Ökonomie den Menschen. Das scheint mir nicht genug, steht auch nicht im Einklang um eine Bemühung des Verständnisses der bürgerlichen Gesellschaft von Hobbes, Smith und Hegel bis zu Parsons, Luhmann und Castells.

Dieser blinde Fleck hat in Plumpes Buch im letzten Kapitel auch eine recht dramatische Konsequenz. Hier versucht er sich dann doch an einer Erklärung des Kapitalismus und nutzt dazu die Evolutionstheorie Luhmanns. Aber hier verschätzt er sich und hier rächt sich die relative Unterschätzung des unternehmerischen Handelns in fast allen Kapiteln des Buches. Im Anschluss an Darwin, doch ohne Spencers Akzentuierung eines Sozialdarwinismus spricht Luhmann von drei Mechanismen der Evolution: Variation, Selektion und Restabilisierung. Plumpe hält sich hier an ökonomische Modelle der Marktwirtschaft und besetzt den Variationsmechanismus mit Unternehmern, die auf der Grundlage von Privateigentum ihre Verfügungsrechte ausnutzen, um neue Dinge auszuprobieren, und den Selektionsmechanismus mit den Märkten, auf denen sich der Erfolg oder Misserfolg dieser Variationen erweist. Im Anschluss daran sind politische Institutionen damit beschäftigt, die neuen Produktionsverhältnisse zu restabilisieren.

Mit Luhmann würde man hier anders optieren. Die Variationen stammen aus den Preisbewegungen des Marktes, auf dem Dinge nicht mehr gehen, die vorher noch gingen, oder Leistungen verlangt werden, die zuvor niemanden interessierten. Die Selektion wird von den Unternehmen vorgenommen, die positiv oder negativ und nicht ohne unter Umständen erhebliche interne Auseinandersetzungen auf die Variationen des Marktes reagieren. Schon deswegen ist es wichtig, sich über die Organisation von Unternehmen Gedanken zu machen. Und die Restabilisierung betrifft das Verhältnis von Märkten, Branchen und Arbeitnehmerschaft, an dem die Politik mit ihren Anregungen, Störungen und Vorgaben zwar Anteil hat, das sie aber nicht ersetzen kann. Mit Luhmann würde man nicht vom einen System des Kapitalismus, sondern von den zwei Systemen Wirtschaft und Politik (sowie weiteren) der Gesellschaft sprechen. Die evolutionäre Erklärung würde sich nur auf die Wirtschaft und getrennt davon auf die Politik beziehen, die ihre eigenen Probleme mit der Wirtschaft hat und diese mit allen Risiken für die Wirtschaft auch nur selbst lösen kann.

Tatsächlich hat sich Luhmann bei aller Bewunderung für Marx’ Gesellschaftstheorie kritisch mit dessen Kapitalismustheorie auseinandergesetzt und empfohlen, die Vorstellung des einen Kapitals durch die Differenz von Unternehmen und Märkten zu ersetzen. Plumpe würde dem zustimmen. „Das Kapital hat keine Interessen“, liest man bei ihm. Aber dementsprechend differenzierter müsste die evolutionäre Erklärung sowohl der Wirtschaft als auch der Gesellschaft sein und desto mehr Spielraum gewönne man, um das Faktum kapitalintensiver und skalenökonomischer Massenproduktion für den Massenkonsum in der Gesellschaft noch voraussetzungsreicher und variierbarer zu verankern. Plumpes bei allem Umfang brillant zugespitzte Geschichte des Kapitalismus verdient eine gesellschaftstheoretische Lektüre nicht zuletzt dort, wo er anregt, sich intensiv mit den neuen kapitalistischen Zentren in China und Indien zu beschäftigen.

2 Comments
  1. Peter Bormann permalink

    ‘” Doch warm ist das Herz des Kapitalismus, wenn man in Rechnung stellt, welches Bevölkerungswachstum und welchen Abschied von der Armut er ermöglicht hat.” (Dirk Baecker):

    Die “kaltes Herz / warmes Herz”-Unterscheidung ist doch sehr “moralisch” angehaucht, so dass ich ihr wenig abgewinnen kann. Dessen ungeachtet drei Anmerkungen zum Thema:

    1) Wenn man bei komplex-dynamischen Systemen wie dem modernen Wirtschaftssystem Power-Law-Verteilungen (80/20, 90/10, etc.) unterstellen kann, dann heisst das eher, dass hinsichtlich Armut und Reichtum die Kluft immer größer wird. Von einem Abschied an relativer Armut kann daher keine Rede sein.
    Das Funktionssystem, das dem (ein wenig) entgegensteuern kann, ist dann gerade “nicht” der Kapitalismus, sondern das Politiksystem in Gestalt starker Staaten (Stichworte: Wohlfahrts- und Sozialstaat, Steuern, etc.).
    Insofern sich in vielen Staaten aber zunehmend eine sehr enge Verflechtung von Big Business und Staaten / Staatenbünden konstatieren lässt (Lobbyismus,etc.), ergeben sich seit vielen Jahren massive Responsivitätsprobleme, Steuergerechtigkeitslücken und eine Unterminierung staatlicher Haushalte mit entsprechenden Folgen für die Sozialsysteme. Demzufolge klappt auch das “Entgegensteuern” beim Reichtum-Armut-Gefälle politisch immer weniger…

    2) Das hier ist für die zukünftige Dynamik des Kapitalismus, also: des modernen Wirtschaftssystems, aber ein entscheidende Punkt: “Bedenklich ist allerdings, dass der Kapitalismus gegenwärtig dank weiterer technologischer Fortschritte auf eine neue Unterbeschäftigungskrise zuzugehen scheint, von der vollkommen unklar ist, ob sie mit dem Angebot neuer Arbeitsplätze behoben werden kann.” (Dirk Baecker)

    AI / Robotics als sich selbst programmierbare Maschinen kann man (wie zuvor einfache Tools, nicht-programmierbare einfache / kompliziertere und programmierbare Maschinen) als “Game-Changer-Technologien” in Analogie zum heuristischen Modell der Informationskatastrophen induzierenden Leitmedien einstufen.

    AI / Robotics haben dabei das Potenzial, eine Massenarbeitslosigkeit eines Ausmaßes zu erzeugen, wie sie in der Geschichte des frühmodernen / modernen Kapitalismus noch nie dagewesen ist – und zwar sowohl bei Low-Skilled- als auch bei High-Skilled-Jobs (Beispiele für Letztere: Software-Entwickler, Radiologien, etc.).

    Im Worst Case stünde dann eine geringe Zahl von Elite-Workers (Arbeitnehmern / Selbständigen) einem riesigen Bevölkerungsheer gegenüber, das zumindest für bezahlte Tätigkeiten nicht mehr benötigt wird, aber zugleich durch die irgendwie alimentiert werden muss (Stichwort: bedingungsloses Grundeinkommen, u.ä.). Auch das wäre dann eine Power-Law-Verteilung mit Blick auf den Arbeitsmarkt.

    3) Eine weitere Power-Law-Verteilung ergäbe sich bei Unternehmen mit Blick auf spezifische Märkte. Auch hier läßt sich, insbesondere in IT-nahen Sektoren, eine Power-Law-Verteilung konstatieren. Beispiele: Plattformen als Infrastrukturen, soziale Netzwerke, App-Entwicklung, etc.). Das heisst: Es handelt sich um “Winner-takes-it-all”-Märkte…

    Angesichts von komplex-dynamischer Power-Law-Konstellationen im Hinblick auf die skizzierte Distribution von Reichtum, Arbeitsplätzen und Marktpositionen stellt sich dann die Frage, ob hier der Kapitalismus nicht mit Problemen konfrontiert ist, die weder warm noch kalt, sondern (aus aktueller Sicht) “unlösbar” sind.

    Das ermuntert natürlich zu genuinen sozioevolutionären Problemlösungen. Aber derzeit sind solche Problemlösungen kaum in Ansätzen existent, und die Politik (insbesondere in der Bundesrepublik) wirkt in Sachen AI / Robotik derart “hilflos”, dass einen das kalte Grausen erfasst.

    Vor diesem Hintergrund könnte es sein, dass der Text von Werner Plumpe (den ich bislang leider noch nicht lesen konnte) vielleicht einfach nur ein nostalgischer Rückblick darstellt, der freilich wenig über die kapitalistische Zukunft verrät…

  2. Peter Bormann permalink

    Nachtrag bzw. Lektüretipp zu meinem vorherigen Kommentar:
    Martin Ford, 2016, “The Rise of the Robots: Technology and the Threat of Mass Unemployment.”

    Das kann man natürlich als “Alarmismus” abtun. Man kann sich freilich auch eine paranoide Einstellung zulegen, dass sich selbst programmierbare Maschinen (wie AIs / Robots) darauf abzielen, so viele von “Menschen” ausgeübte Blue-Collar- und White-Collar-Tätigkeiten wie
    möglich zu eliminieren.
    Ob´s dann so schlimm kommt, wird die Zukunft zeigen…

    .

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