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Privacy 4.0

November 25, 2017

1. Ein möglicher Ansatz zu einer soziologischen Rekonstruktion von “privacy” unter den Bedingungen einer nächsten, “digitalisierten” Gesellschaft besteht darin, Privatheit als eine kulturelle Errungenschaft und “Einmalerfindung” der Menschheitsgeschichte zu sehen, die historisch, regional und medial variiert.

Thesen zum Vortrag “Eine Privatangelegenheit: Zum Begriff und Phänomen der privacy” auf der Themenwoche “Reflecting Privacy” des Collegium Helveticum, Zürich, 25. November 2017

2. Die regionalen Variationen lasse ich im Folgenden beiseite und konzentriere mich statt dessen auf die medialen Variationen, die zugleich einen ersten, wenn auch groben historischen Zugriff motivieren. Ich unterscheide wie auch andernorts vier Medienepochen der Gesellschaft, die als diese Epochen jeweils Formen der Bewältigung einer Medienkatastrophe sind. Im Anschluss an Marshall McLuhan und andere unterscheiden die Kulturwissenschaften vier Medienepochen der Menschheitsgeschichte: die tribale als Reaktion auf die Einführung und Durchsetzung der Sprache, die antike als Reaktion auf die Einführung und Durchsetzung der Schrift, die moderne als Reaktion auf die Einführung und Durchsetzung des Buchdrucks und die nächste als Reaktion auf die Einführung und Durchsetzung der Elektrizität inklusive des Computers als Form ihrer Ausbeutung und Zähmung. Als eine “Katastrophe” lässt sich das Auftauchen eines neuen Verbreitungsmediums der Kommunikation beschreiben, wenn (a) das jeweils neue Medium wie von außen in der Gesellschaft auftritt und daher (b) die bisherigen Formen der Verbreitung (“Struktur”) und Verdichtung (“Kultur”) der Kommunikation überfordert. Jedes neue Medium produziert, so die Ausgangsthese mit Niklas Luhmann (Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main, 1997, S. 405ff.), einen Überschusssinn, der abgelehnt werden müsste – und vielfach auch abgelehnt wird –, könnte er nicht in neuen Formen der Verteilung und Verdichtung aufgefangen werden. (Ich lasse im Folgenden außen vor, dass man auch das Auftreten bzw. die Ausdifferenzierung von Erfolgsmedien wie Macht, Geld, Liebe, Wahrheit, Glauben, Kunst einen Überschusssinn erzeugen, auf den sich die Gesellschaft erst einstellen muss, um mit diesen Medien einen Umgang zu finden.) Die uns überlieferten Medienepochen sind Formen der Bewältigung von Medienkatastrophen. Jeder von ihnen ist es gelungen, eine Strukturform sowie eine Kulturform auszubilden: die tribale Gesellschaft im Umgang mit dem Referenzüberschuss der mündlichen Sprache die Strukturform des Stamms und die Kulturform der Grenze, die antike Gesellschaft im Umgang mit dem Symbolüberschuss der Schrift die Strukturform der Stratikation und die Kulturform des Telos und die moderne Gesellschaft im Umgang mit dem Kritiküberschuss des Buchdrucks die Strukturform der funktionalen Differenzierung und die Kulturform des unruhig selbstreferentiellen Gleichgewichts. Dreimal ist es gut gegangen. Die nächste Gesellschaft experimentiert, so weit das bislang erkennbar ist, im Umgang mit dem Kontrollüberschuss des Computers mit der Strukturform des Netzwerks und der Kulturform der Komplexität. Ich referiere das hier holzschnittartig, weil es andernorts ausgeführt ist.

3. Institutionen oder auch soziale Formen der Kommunikation wie die Privatheit variieren mit den medialen Bedingungen der Gesellschaft, auf die sie sich einstellen müssen, und gewinnen daraus ihre historischen Formen. Vielfache andere Einflüsse bedingen regionale Differenzen, die jedoch, so die These, Differenzen innerhalb der Form sind.

4. Zuvor ist jedoch zu klären, welche Form die Privatheit, verstanden als institutionelle Einmalerfindung der Gesellschaft hat. Das Wort “Privatheit” leitet sich vom lateinischen “privatio”, die Beraubung, aber auch die Befreiung, das Befreitsein, und vom griechischen “stéresis”, das Fehlen, der Mangel, die Negativität, die unbestimmte Zweiheit und Abwesenheit (Platon), das Nichtvorhandensein und Nichtzugänglichsein (Aristoteles) ab. Aristoteles widmet der stéresis einige Überlegungen im Zusammenhang seiner Unterscheidung von Form (morphe) und Materie (hyle) und bestimmt stéresis als Fehlen-der-Bestimmtheit und Entgegensetzung, die zwischen Form und Materie erst eine gewisse Beweglichkeit schafft (Physik, 191a). Nimmt man dies als Ausgangspunkt eines möglichen Verständnisses von Privatheit, so ist diese als Adresse einer Distanznahme, gewonnen aus der Fähigkeit der Negation, zu verstehen, die ihre Pointe in der Unbestimmtheit hat, da jede Bestimmtheit bereits wieder Gesellschaft (“Öffentlichkeit”) in Anspruch nehmen müsste.

5. Akzeptiert man dies, ist Privatheit 1.0 in der tribalen Gesellschaft die Fähigkeit, der unvermeidbaren Präsenz der Körper (des eigenen und des der anderen) und der Aufdringlichkeit des Blicks etwas entgegenzusetzen. Was könnte das sein? Zunächst wohl das, was die Griechen später einen idiotes nennen, nämlich jemanden, der sich aus Angelegenheiten, die alle angehen, heraushält. Privat ist in der tribalen Gesellschaft – und bleibt bis heute – jemand, der für Kommunikation zwar erreichbar ist, aber durch Kommunikation nicht gebunden werden kann. In den dichten Situationen der Stammesgesellschaft dürfte das die Ausnahme gewesen sein, doch geben zum Beispiel Marcel Mauss’ Beobachtungen des “jahreszeitlichen Wandels der Eskimogesellschaften” (Soziologie und Anthropologie, Bd I, Frankfurt am Main, 1978) einige Aufschlüsse darüber, dass der Rückzug aus den “heißen” Situationen des winterlichen Iglus in die sommerlichen Weiten der Fischgründe, in denen die Familien getrennt voneinander unterwegs und in diesem Sinne “privat” unterwegs waren, als “deprimierend” erlebt wurden. Privatheit ist ein Unglück, dessen Glück erst einmal entdeckt werden muss.

6. Privatheit 2.0 in der antiken Gesellschaft ist, wenn wir der Einfachheit halber beim griechischen Beispiel bleiben, stéresis unter den Bedingungen von Psyche, Oikos, Polis und Kosmos. Was kann das heißen? Ich würde vermuten, dass hierzu individuelle Leistungen gehören, die sich weder dem Strukturschema der sozialen Schicht noch dem Kulturschema des Telos fügen. Wer der Distinktion der sozialen Schicht und der Bestimmung des angemessenen Platzes entgeht, hat eine Chance, privat zu sein. Diese Privatheit erhält im Oikos eine gewisse Form, geht darin jedoch nicht auf, da die Rechte und Pflichten des Oikos der Polis zwar entgegenstehen, deswegen aber nicht weniger geregelt waren. Ein Gentleman, wie er von Xenophon im Dialog Oikonomikos geschildert wird, ist auch zuhause nicht privat. Erst recht ist das Schicksal, das ein Individuum ereilen kann und es erst zum Individuum macht, kein privates. Ist Diogenes in seiner Tonne privat? Sicher nicht, er philosophiert. Am ehesten berichten alle jene Geschichten, in denen sich Menschen, die es sich leisten können, allein oder in Gesellschaft von anderen beim Baden oder beim Jagen und Spazierengehen im Wald vergnügen, von privaten Situationen. Und auch die Positionen, aus denen heraus in der Akademie argumentiert wird, haben etwas Privates, sobald es eng wird und die Argumente nur noch aus der eigenen Negationsbereitschaft gewonnen werden können, dort jedoch überraschend fündig werden.

7. In der modernen Privatheit 3.0 wird das Bild wieder klarer. Die Privatheit wird unter Rechtssubjekten, Eigentümern und in der Form der subjektiven Meinung, ja überhaupt des Subjekts, eine der zentralen Errungenschaften der modernen Gesellschaft. Parallel zur Erfindung des Individuums, das als zunehmend entscheidunsgfähige Adresse der Funktionssysteme und der Organisationen institutionalisiert wird, ist Privatheit das Korrelat eines Kalküls der Unberechenbarkeit, das man braucht, um die Entscheidungsfähigkeit des Individuums überhaupt in Rechnung stellen zu können. Privatheit ist der leere Pol einer Kommunikation, an deren anderem Ende die Komplexität gesellschaftlicher Erwartungen und Möglichkeiten steht. Aus dieser Leere heraus reagiert das Individuum nur auf das, was in seinem Interesse steht. Sicherlich wird das Private mehr oder minder komfortabel ausstaffiert und möbliert, es bekommt seine eigenen Merkmale in der Kleidung, im Tonfall und in der Mimik und Gestik. Aber jede dieser Ausdrucksformen gefährdet es, weil es ihm widerspricht. Privat ist man auch zuhause nur dann und nur deswegen, wenn man in die Unbestimmtheit geht, sie aushält und aus ihr heraus Entscheidungen trifft, die dann schon wieder gesellschaftlich sind.

8. In der Privatheit 4.0 der nächsten Gesellschaft scheint sich all dies unter dem scharfen Blick der prädiktiven Algorithmen in Wohlgefallen aufzulösen. Online wie offline scheinen alle unseren Handlungen, ja sogar unsere Wünsche, bevor sie uns selbst bewusst werden, bereits bestimmt zu sein. Eine Einflussmatrix, wie sie Alex Pentland aufgestellt hat (Social Physics: How Good Ideas Spread – The Lessons from a New Science, New York, 2014), bestimmt unsere Handlungen aus nur zwei Einflussvariablen, nämlich unseren vorherigen Handlungen und unseren sozialen Kontakten. Je umfassender diese statistisch erfasst werden können, desto leichter können wir bestimmt werden. Unser Online-Verhalten ist für die Register, Protokolle und Extrapolationen der Software, die unser Klick-, Surf-, Post- und Like-Verhalten auswerten, ein einziger Traum der Möglichkeit umfassender sozialer Experimente. Wer bisher dachte, sein und ihr Verhalten im Netz, als Surfer, als Voyeur oder als Troll, sei der Inbegriff idiotisch unbestimmten Verhaltens, hatte Recht und Unrecht zugleich. Was kann Privatheit jetzt noch sein?

9. Wir müssen genauer auf die mögliche Strukturform und mögliche Kulturform der nächsten Gesellschaft schauen, um diese Frage versuchsweise zu beantworten. Die Strukturform des Netzwerks ist mit Harrison C. White (Identity and Control: A Structural Theory of Action, Princeton, NJ, 1992) als Ungewissheitskalkül zu verstehen, das es jedem einzelnen Individuum ermöglicht, seine und ihre Chancen auf Vernetzung (mit wem und womit auch immer) an der Attraktivität zu messen, die man in der Lage ist aufrechtzuerhalten. Das Netzwerkereignis schlechthin ist ein Kontakt von mir, Person A, zu Person B, die dank meines Netzwerks Person C kennenlernt, die für sie interessanter ist, als ich es bin. Dann bin ich draußen. Jede Vernetzung enthält präzise dieses Risiko, dem ich nur durch eine Arbeit an meiner Identität im Spiegel des Netzwerks, das ich bewusst oder unbewusst nicht verlieren möchte, etwas entgegensetzen kann. Privat ist derjenige, der dies nicht nötig zu haben glaubt. Dummerweise bildet die Flucht in eine idiosynkratische Privatheit im Netz jedoch selbst schon wieder nicht nur Cluster, sondern ganze Milieus, so dass es schlecht steht um die stéresis, die sich hier noch verwirklichen soll.

10. Die Kulturform der nächsten Gesellschaft, soweit sich dies abschätzen lässt, ist die Komplexität. Sie verdichtet die Kontrolle unseres Verhaltens durch die Rechner und die Kontrolle der Rechner durch unser Verhalten (soweit uns dies an den Tastaturen, Mouse Pads, Touch Screens und Voice Interfaces möglich ist) auf eine wechselseitige Intransparenz der Begegnung zweier Black Boxes. Allerorten arbeiten wir an einem Design unserer Weltverhältnisse, das einfache Schnittstellen in eine Relation zu Körpern, Bewusstsein, Maschine und Gesellschaft setzt, die wir zunehmend den Mut haben, als komplexe Gegenstände ernst zu nehmen. Die Schnittstellen liefern uns genau die Transparenz, die es uns erlaubt, die prinzipielle Intransparenz unserer Weltverhältnisse nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern sogar schätzen zu lernen. Wenn man so will, lauert und lockt das Private, die stéresis, jetzt überall, in der Unzugänglichkeit unserer Körper, unseres Bewusstseins, aber auch der Gesellschaft und der Maschinen. Privat sind jedes Ereignis und jeder Ort, aus dem und an dem sich eine unkalkulierbare Negation, eine Entgegensetzung gewinnen lässt. Was ist das konkret? Finden Sie es heraus.

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