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Europa im Widerspruch mit sich selbst

February 15, 2017

Im Vergleich der Kontinente untereinander herrscht kein Mangel an Reflexion über Europa. Swissbib, der Katalog aller Schweizer Hochschulbibliotheken, listet mit rund 121.000 Titeln fast doppelt so viele Publikationen über Europa wie über Afrika, dreimal so viele wie über Asien, sechsmal so viele wie über Australien und fast zehnmal so viele wie über Amerika.

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Vortrag auf den Thementagen „Erfindung Europa“, Schauspiel Frankfurt, Frankfurt am Main, 11. Februar 2017 blog

One Comment
  1. Diese Formulierung macht mir Sorgen;
    „ (…) je mehr sich die sogenannte Nachkriegszeit als ein europäisches Sonderphänomen innerhalb einer nach wie vor kriegerischen Weltgesellschaft entpuppt.“

    War der erste haltbare Glühlampenfaden nach 3 000 Fehlversuchen mit der Legierung nicht auch ein Sonderphänomen?
    „Ich bin nicht entmutigt, weil jeder als falsch verworfene Versuch ein weiterer Schritt vorwärts ist.“
    Ist Edisons Perspektive für die teilnehmenden Beobachter in der Soziologie nicht übertragbar?

    In der lösungsfokussierten Arbeit nach de Shazer und Kim Berg hat es sich bewährt, nach prototypischen Ausnahmen vom Problem zu suchen, diese zu modellieren, um solcherart mehr daraus zu machen.
    Insulaner im Pazifik haben auf ihren abgelegenen Inseln im Pazifik über die Jahrhunderte gelernt, suffizient zu leben. Es wird nicht nur alles recycelt, man hat es auch geschafft, länger als 70 miteinander friedlich zu leben. Zugegeben, die Ökonomen sind nicht auf eine solch lange Zeit an Frieden eingestellt. Aber muss man deren Blindheit für Alternativen übernehmen, wenn doch die Ethnologen hinreichend Ausnahmen von der behaupteten „Regel“ kriegerischer Weltgesellschaft kennen?

    Zumal es ja auch außerhalb exotischer Gefilde Ausnahmen vom Übel gibt. Obschon bspw. die Spezies der Soziologen theoretisch nicht auf Inseln lebt, ist es in der Wissenschaftsgeschichte bislang noch niemals beobachtet worden, dass Soziologen untereinander Konflikte bis hin zum Krieg eskaliert hätten. (Die Geschichte von Wittgensteins Angriff mit dem Feuerhaken, mal beiseite gelassen.) Offenbar ist es auch innerhalb des Soziotops der Soziologie gelungen, eine Lebensform zu kultivieren, welche außerhalb der postulieren Regel notorisch kriegerischer Weltgesellschaft steht. Ein Hoffnungsschimmer, der womöglich modellierbar, ausbaufähig und verallgemeinerbar ist. Was befähigt Soziologen dazu, einander nicht den Schädel einzuhauen? Was unterscheidet ihre Spezies von anderen?
    Auch bei vielen höheren Tieren finden sich bereits Ansätze zu einer Kultur der Konfliktdeeskalation. Berühmt geworden dafür sind außer den Ozeaniern und Soziologen bspw. auch die Bonobos.

    Unbestreitbarer Fakt ist, dass Konflikte nicht zwangsläufig eskalieren müssen sondern in der Zivilisationsgeschichte mit Hilfe von Mediatoren immer wieder rechtzeitig deeskaliert werden konnten. Von daher sehe ich nicht, wie der Kulturpessimismus wissenschaftlich begründbar sein sollte. Falsifikationen zur behaupteten Alternativlosigkeit von Krieg und anderen Symptomen des Kulturverfalls gibt es zuhauf – selbst im Alltag. Es gibt bspw. auch Menschen, die aus dem Mund riechen oder in ungeputzten Wohnungen leben. Die Mehrheit aber putzt sich die Zähne und bewältigt den stetig anfallenden Schmutz. Mit vereinten Kräften kann man das offenbar schaffen, sogar bei noch etwas weniger kultivierten Mitspielern unserer Gesellschaft wie bspw. den kleinen Kindern.

    Bzgl. der Frage, wie man Kulturstandards erlernt, die von Frieden als erreichbarem, kultivierbarem Normalfall ausgehen anstatt von Krieg, muss ich an die Zigarettenwerbung an der Supermarktkasse denken. Hat der Anteil der Raucher sich folge der Kampagnen drastisch verringert oder hat er es nicht? Genau in der gleichen Weise wie der Staat Verantwortung übernimmt für die Bildung des Gesundheitsbewusstseins seiner Bürger, kann er unser aller Staat auch Verantwortung für das Bewusstsein um die Risiken und Nebenwirkungen bestimmter sozialer Praktiken übernehmen. Die Bilder der Folgen aus dem Ruder gelaufener Konflikte sind mindestens so schrecklich wie die auf den Packungen der Zigarettenschachteln. Wie aber soll man von Staats wegen auf die Idee kommen, von der sozialen Verwahrlosung der Bürger abzulassen, wenn schon die fachlich führenden Soziologen Krieg für alternativlos halten?

    Von daher sehe ich ein, dass wir es akzeptieren müssen, dass die Unbedarftheit in Fragen der Kulturreflexion sich regeneriert wie Zahnbelag. Aber wir müssen nicht akzeptieren, dass Krieg alternativlos ist. So wie wir die Zähne putzen können, kann soziologische Aufklärung durch stetes Bemühen auch etwas ausrichten gegenüber Dekadenzsymptomen wie Krieg. Die Rede über die Alternativlosigkeit von Krieg erscheint als Verrat an den Chancen der Aufklärung.

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