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Wahr ist nur, dass alles falsch ist

February 11, 2016

Kritik ist, wenn wahr nur ist, dass alles falsch ist, inklusive dieses Satzes.

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Erschienen in: Kolja Möller und Jasmin Siri (Hrsg.), Systemtheorie und Gesellschaftskritik: Perspektiven der Kritischen Systemtheorie, Bielefeld: transcript, 2016, S. 223–241

5 Comments
  1. Sehr geehrter Herr Baecker,

    beim Lesen Ihres Textes sind bei mir zwei Fragen aufgekommen.

    Sie führen gleich auf der ersten Seite die Unterscheidung von binären und allgemeinen Negationen ein, ohne diese weiter zu erläutert oder durch einen Literaturhinweis kenntlich zu machen, wo sie herstammt. Eine ad-hoc-Internetrecherche blieb leider ergebnislos. Aus meiner eigenen Beschäftigung mit dem Thema kann ich mir auch nicht erschließen, was gemeint sein könnte. Könnten Sie diese Unterscheidung noch etwas genauer erläutert.

    Zum zweiten habe ich zum Ende des Textes den Eindruck gewonnen, dass Kritik und Negieren für Sie dasselbe ist. Sie bezeichnen Kritik als die Negativsprache der Gesellschaft. Ist dieser Eindruck zutreffend? Sofern mein Eindruck zutrifft, würde ich einwenden, dass Negieren allein noch keine Alternativen aufzeigt. Das müsste Kritik aber noch leisten, um überhaupt als Kritik erkennbar zu sein. Insofern würde ich Negieren und Kritik nicht als dieselbe Operation betrachten. Negieren gehört zum Kritisieren dazu. Kritisieren geht aber weit über bloßes Negieren hinaus.

    Dann noch ein kleiner Hinweis: In den »Laws Of Form« findet sich die Weder-Noch-Operation bereits im Gesetz des Kreuzens wieder, wenn es dort heißt: »…ist der Wert, der durch die zwei Absichten zusammen bezeichnet wird, der Wert, der durch keine der beiden bezeichnet wird.« Der Wert des nochmaligen Kreuzens ist also weder die eine noch die andere Absicht. Was durch das Kreuzen erreicht wird, ist zunächst einmal nur eine Aufhebung mit dem leeren Raum als Ergebnis der Operation (vgl. S. 10). Auch mit Spencer-Brown könnte man also argumentieren, dass Kritik mehr sein muss als bloßes Negieren.

    • ja, Sie haben Recht, die Referenz finden Sie nur im pdf. Ich habe den link jetzt repariert. Spencer-Brown hat 1961 ein Memorandum geschrieben, in dem er die zitiert These aufstellt und, so weit ich das überprüfen kann, auch nachweist.

      Und, ja, Ihr Hinweis auf dass Gesetz des Kreuzens spielt mir in die Hände. Kritik ist das eine, das Treffen einer neuen Unterscheidung als mögliches Ergebnis der Kritik aber ein anderes. Eine neue Unterscheidung fällt wieder in den Einzugsbereich von Codierung und Programmierung — und muss sich genau dort erneuter Kritik aussetzen.

      • Ich würde das Verhältnis von Code, Programm und Kritik ein bißchen anders beschreiben. Der Ansatzpunkt für Kritik ist durch den Rejektionswert im Code, der sich aus Reflexions- und Rejektionswert zusammensetzt, bereits enthalten. Kritik, wenn sie anschlussfähig sein will, muss sich auch am jeweiligen Code orientieren. Durch Kritik könnte dann nur die Programmierung verändert bzw. modifiziert werden. Von Code und Programm noch Kritik zu unterscheiden, erscheint mir daher nicht notwendig.

        Kritik erfüllt dann eine Art evolutionäre Funktion. Allein vom Veränderungsanspruch her, der mit der Kritik geäußert wird, umfasst sie sowohl Variation, Selektion und Restabilisierung. Für mich ist die spannende Frage hinsichtlich einer Gesellschaftskritik, ob dieser Anspruch überhaupt einzulösen ist. Sozialtechniker würden diese Frage wahrscheinlich positiv beantworten. Aus einer evolutionären Perspektive ist wohl eher Skepsis angebracht.

      • In der Soziologie kommt eine Komplikation hinzu. Wir brauchen einen empirischen Ort für die Initiierung und Ausübung von Kritik. Dieser Ort, die Interaktion, amplifiziert zur Protestbewegung mit Publikum, ergibt sich nicht bereits aus Code und Programm.

  2. Hinsichtlich der Möglichkeiten von Gesellschaftskritik müsste man grundsätzlicher fragen: welcher Code, welches Programm? Wir orientieren uns ja beide an einer Unterscheidung (Code/Programm), die sich auf Funktionssysteme bezieht. Ich bin aber skeptisch, ob sich die überhaupt auf Protestbewegungen übertragen lässt.

    Gleichwohl wird häufig in der Literatur der Eindruck erweckt als könnten Protestbewegungen in die Stellung eines Funktionssystems einrücken. Das forciert zugleich die Frage nach dem Code und Programm des Protests. Wenn man diesen Weg geht, stellt sich irgendwann auch die Frage nach der Notwendigkeit und den Chancen einer Fundamentalkritik der Gesellschaft. Politisch ergibt sich außerdem das Problem, dass Fundamentalkritik häufig einen stark totalitären Zug bekommt gerade weil sie fundamental ansetzt.

    In der Regel sind Protestbewegungen themenfokussiert und genau darin liegen auch ihre Chancen. Das bedeutet sich auf den Code und Programm des jeweiligen Funktionssystems einzulassen. Das gilt ja sogar für Liebesbeziehungen. Kritik wird dort von den beteiligten Partnern geübt. Erst wenn keiner die Kritik annehmen will, werden Dritte, z. B. Paartherapeuten hinzugeholt, oder die Beziehung wird beendet. Analog vollziehen sich Veränderungsprozesse, die durch Kritik angestoßen und begleitet werden, in formalen Organisationen. So sehr ich auch selbst für eine an Interaktion geschärfte Kommunikationstheorie bin, sehe ich nicht, warum man den empirischen Ort der Kritik auf Interaktion begrenzen sollte.

    Sicherlich kann Kritik unter Anwesenden besonders wirksam sein. Aber dazu muss der Kritisierte auch anwesend sein. Deswegen bewirken Demonstrationen vermutlich heute kaum noch etwas, sondern sind eher Happenings mit einer Ventilfunktion. Sie sind also nur noch eine folgenlose Möglichkeit mal rauszulassen, was einen stört. Auf der anderen Seite muss sich der Kritisiere nicht auf die Kritik einlassen, weil er sich keiner direkten Konfrontation stellen muss. Das ist in Organisationen etwas anders. Hier können sich die Kritisierten nicht einfach der Kritik entziehen, wenn sie über die offiziellen Wege läuft. Institutionalisierte Kritikmöglichkeiten innerhalb von Organisationen werden von Gesellschaftskritikern oft nicht mehr als solche wahrgenommen, weil sie bereits teil “des Systems” sind und damit schon unter Korruptionsverdacht stehen.

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