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Designvertrauen

May 25, 2015

Stammeskulturen hatten Vertrauen in die Magie, antike Hochkulturen in die Götter und die Moderne in die Technik. Die nächste Gesellschaft hat nur noch Vertrauen in das Design.

Weiterlesen in: Merkur 69, Nr. 799 (Dezember 2015), S. 89–97

Thesenpapier zum Symposium “System: Design zwischen Chaos und Alltag”, Museum für angewandte Künste Köln, 15. Mai 2015

8 Comments
  1. Reblogged this on Strenge Jacke!.

  2. Ein schöner Beitrag, der zum Weiterdenken einlädt. „Schön“ auch deshalb, weil er in seinem Kern auf Ästhetik zielt.

    Design sehe ich als ein Muster: als ein in ein Medium gezeichnetes Schema, dessen ‚passende’ (d. h. sich stimmig anfühlende) Regel von einem Beobachter in iterativen Schleifen erst noch ge- oder erfunden werden muss. Bei Design wäre das ein mimetischer Dialog (mit dem eigenen Körper, mit anderen Beobachtern sowie mit Dingen, Geräten und Maschinen), bei dem der Beobachter auf Ähnlichkeiten achtet ebenso wie auf Unterschiede, die einen Unterschied machen.

    Design könnte in der „nächsten Gesellschaft“ möglicherweise als ein symbolisch generalisiertes Kommunikations-Medium fungieren, das durch den Code schön/hässlich oder stimmig/nicht-stimmig gesellschaftliche ebenso wie personale Synthesis a priori (Autopoiesis) ermöglicht. Denn es erlaubt, – ähnlich wie Technik, Geld, Macht bzw. in prähistorischen Zeiten Fetisch, und zugleich auf diesen früheren Medien aufbauend – den Wechsel von der angezeigten (der gezeichneten) Seite des Musters zu seinem imaginär bleibenden Hintergrund und wieder zurück als IM-HINTERGRUND-IMMER-SCHON-ALLLGEMEINGÜLTIG-VOLLZOGEN zu unterstellen bzw. im Fall einer Krise als IMMER-WIEDER-ERNEUERBAR. Design ermöglicht darüberhinaus aber auch, diesen Wechsel immer wieder neu zu gestalten, Technik, Geld, Macht und Fetische aller Art zu unterlaufen bzw. zu begrenzen, ohne dass Gesellschaft bzw. personale Identität deshalb gleich auseinander brechen müssten.

    Dazu bräuchte es aber Akteure (Beobachter), die gemeinsam eine Haltung einüben und kultivieren, die den spontan-lustvollen, aber nicht willkürlichen Wechsel zwischen einem ANALYTISCHEN (fest-stellenden) und einem ÄSTHETISCHEN BLICK zulässt.

    „Nicht willkürlich“ meint acht-sam zu handeln, d. h. so, dass das psycho-soziale und das physische Gewebe, das kommunikatives Handeln erst möglich macht und zugleich auch begrenzt, nicht verschleißt, sondern ‚genährt’ wird.

    Und „ästhetischer Blick“ heißt: seinen Wünschen zu folgen und dabei im Dialog mit seiner Umwelt zu sein. Man sieht dann keine isolierten Dinge, sondern erfasst ein Phänomen jeweils als ein kohärentes Ganzes: gefühlsmäßig, intuitiv, durch unmittelbare Anschauung, also ohne zwischen Information und Mitteilung (Erkennen und Wollen) und zwischen Mitteilung und Verstehen (Subjektivem und Objektivem) zu unterscheiden. Bei Kant heißt das „Geschmacksurteil“: das Vermögen, die Mitteilbarkeit der mit einer Vorstellung unmittelbar (d. h. ohne Vermittlung eines Begriffs) verbundenen Gefühle a priori zu beurteilen. (KUK § 40 „Vom Geschmacke als einer Art von sensus communis“)

    Meiner Ansicht nach könnte die gesamte Kritik der Urteilskraft (die Kritik der ästhetischen ebenso wie die der teleologischen Urteilskraft) dem Diskurs der Systemtheorie fruchtbare Impulse geben; ebenso wie die Systemtheorie ihrerseits dazu beitragen könnte, Kant auf eine der „nächsten Gesellschaft“ angemessene Weise neu zu lesen.

  3. Lieber Herr Baecker, in meinem obigen Beitrag unterscheide ich, anders als Sie, Epochen nicht nach den jeweils dominierenden Verbreitungsmedien, sondern nach dem jeweils zugrunde liegenden symbolisch generalisierten Kommunikationsmedium. Das ist, wenn ich das richtig sehe, im gegenwärtigen systemtheoretischen Diskurs eher ungewöhnlich, bietet aber die Chance, die Koproduktion gesellschaftlicher und personaler Synthesis a priori (oder Autopoiesis) in den Blick zu bekommen. Eine Beobachtungsweise, die m. E. gerade heute immer wichtiger wird. Mich würde interessieren, wie Sie das sehen.

    Ich frage mich schon länger, was das sgKM der „nächsten Gesellschaft“ sein könnte. Erst Ihr Artikel hat mir gezeigt, dass dies das Design sein könnte.

    • Lieber Herr Friczewski, der Einbau der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien in eine Kulturtheorie (Luhmann, GdG, S. 409) ist in der Tat eines der großen Desiderate gegenwärtiger soziologisch-systemtheoretischer Forschung (immerhin als solches markiert auch im Anhang meines Kulturkalküls, Berlin 2014). Ob man für die nächste Gesellschaft insgesamt von einem symbolisch generalisierten Kommunikationsmedium sprechen kann, würde ich eher bezweifeln. Mit der Referenz auf “Gesellschaft” ist der Begriff bislang nicht ausgearbeitet. Und wenn, dann würde ich eher so etwas wie die Einheit der Differenz von Identität und Kontrolle (im Sinne von H.C. White) vermuten.

    • Herr Baecker, ich glaube, es geht weniger darum, ob man “für die nächste Gesellschaft insgesamt von einem symbolisch generalisierten Kommunikationsmedium sprechen KANN”, sondern darum, ob man, oder besser: ob WIR es WÄHLEN, ein Sprachspiel zu entwickeln, das es der sich globalisierenden Gesellschaft ermöglicht, wieder in den “Dialog mit der Natur” (Prigogine) zu treten. Und das heißt: als Beobachter und gleichzeitig Spieler dieses Spiels die erwähnte Ko-Produktion in den Blick zu nehmen.

      Ein Sprach-Spiel hält sich im Gebrauch der Worte an bestimmte Spielregeln, sodass es im Rahmen einer bestimmten (auch kollektiven, (welt-)gesellschaftlichen) Praxis möglich wird, sinnvoll Operation an Operation anzuschließen, d.h. ohne sich selber aus Versehen den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Wie jedes Spiel kann das überraschende, kreative Resultate zeitigen.
      Wir brauchen dieses Spiel heute notwendiger denn je.

      Ich verstehe nicht, wieso Design (als paradoxe Einheit der Differenz von Identität und Kontrolle) in dem bewussten Spielen dieses Sprach-Spiels nicht die Rolle eines sgKM übernehmen könnte.

      • Die soziologische Forschung bindet ihr Sprachspiel an die empirische Forschung. Das reduziert ihre Freiheitsgrade. Sie will nichts erfinden oder entwickeln, sondern herausfinden, was in der Gesellschaft erfunden und entwickelt wird — muss dazu allerdings sehr erfinderisch und entwicklungsfreudig vorgehen. Der Umweg über die Empirie, die Beobachtung von Beobachtern, lässt sich nicht vermeiden.

      • ja, o.k. aber ist nicht Design immer auch Forschung? Soziologen sind doch Beobachter und Akteure gleichzeitig. Design als Forschung zu begreifen und Forschung als Design, ermöglicht es, BEIDES im Blick zu behalten.

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