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Folgen operativer Schliessung

April 20, 2015

„Die Folgen operativer Schließung sind von verschiedenen theoretischen Ausgangspunkten mit verschiedenen Begriffen, im Ergebnis aber übereinstimmend beschrieben worden. Im Formenkalkül von George Spencer Brown erscheinen sie als re-entry der Unterscheidung (hier: System und Umwelt) in sich selbst.  Das System produziert operativ die Differenz von System und Umwelt und kann dann, wenn komplex genug, die Differenz selbst verwenden, um sich selbst von seiner Umwelt zu unterscheiden. Die Folgen sind, daß die eigenen Operationen (bei Spencer Brown: Arithmetik und Algebra) nicht mehr ausreichen, um das System zu berechnen. Es kommt zu einer ‘unresolvable indeterminacy’ des Systems für sich selbst und für andere. Die Operationen müssen, um beobachtbar zu sein, temporalisiert, also zeitlich auseinandergezogen werden. Die Vergangenheit muß über eine Gedächtnisfunktion präsentiert werden, die (wird man wohl hinzufügen dürfen) Vergessen und Erinnern diskriminiert; und die Zukunft ist dem Oszillieren eines bistabilen Systems ausgesetzt, das heißt: sie kann eher im Anschluß an die Umwelt oder im Anschluß an das System selbst, also eher fremdreferentiell oder eher selbstreferentiell festgelegt werden, wobei die eine Option von der anderen unterschieden und durch die andere korrigiert werden muß und jeder erreichte Systemzustand seinerseits vergessen und erinnert werden kann und den Ausgangspunkt für ein weiteres Oszillieren bietet.

In Heinz von Foersters Kybernetik zweiter Ordnung erscheint dasselbe Problem als Unterscheidung von trivialen und nichttrivialen Systemen. Triviale Maschinen arbeiten zuverlässig, sie erzeugen (wenn sie nicht kaputt sind) auf einen bestimmten Input immer denselben Output. Nichttriviale Maschinen erzeugen durch Rückführung des Output in das System, durch Kombination mehrerer derartiger Maschinen und durch doppelte / Schließung von mehreren, Irritation durch die Umwelt einbeziehenden Kreisläufen so viel Komplexität, daß sie nur noch als historische Maschinen, also abhängig vom jeweils durch die eigenen Operationen erreichten Zustand und in diesem Sinne strukturdeterminiert operieren können. Schon bei sehr wenigen Variablen oder strukturellen Kopplungen, die das System mit seiner Umwelt verbinden, wird das System mathematisch so komplex, das selbst die mächtigsten Computer nicht mehr mithalten können. Das System wird unberechenbar, also unzuverlässig, also nur mit Hilfe der Unterstellung von Entscheidungsfreiheit beschreibbar.

Gotthard Günther war von subjekttheoretischen Überlegungen ausgegangen und hatte sich die Frage gestellt, wie (und vor allem: mit welcher Logik) eine Welt beschrieben werden könne, die eine Mehrheit von Reflexionszentren (Subjekten) enthalte, aber selbst nicht reflexionsfähig sei. In einem für unsere Zwecke besonders wichtigen Beitrag wird die klassische Einteilung von Vernunft (Erkennen) und Willen (Handeln) als unterscheidbaren Subjektfähigkeiten in diese Fragestellung eingebaut und als eine gleichsam ontologische Einteilung subjektiver Fähigkeiten dekonstruiert und rekonstruiert.  Ausgangspunkt ist auch hier die Annahme einer operativen Schließung des Systems, also die Beständigkeit einer Grenze zwischen System und Umwelt. Ein System, das unter der Bedingung der Geschlossenheit operiert, muß sich eben deshalb um seine Umwelt kümmern.  Die Systemgrenze bricht die traditionelle Annahme, die Welt müsse entweder determiniert oder mit Subjekten durchsetzt und insofern indeterminiert sein. Statt dessen kommt es auf die systeminterne Disposition über Unterscheidungen an. Nimmt das System sich selbst die Freiheit, zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden, operiert es im Modus der Kognition, wobei es die / Umwelt als Einheit, als Sein wie es ist, voraussetzt. Nimmt das System dagegen sich selbst als Einheit, die in der Umwelt eine Differenz erzeugen will, so begreift es sich, in klassischer Terminologie, als Wille. Es sind demnach nicht objektive Gegebenheiten, sondern Prozesse der Selbstreflexion oder genauer: Prozesse der internen Disposition über Identität und Differenz, die Anlaß dazu geben, trotz unentwirrbarer wechselseitiger Bedingtheiten Verstand und Willen zu unterscheiden. Das Zusammenwirken von Kognition und Wille zu einer ‘image-induced’ causality kann weder als determiniert, noch als unerklärbare Spontaneität begriffen werden, sondern nur als überdeterminiert durch Komplexität: ‘(…) free will cannot be called lack of determination but is actually a plus of formal determinating factors on the basis of increased structural complexity of the event’, und das lebenslange Interesse Günthers galt dann der Entwicklung einer ‘mehrwertigen’ Logik als komplexitätsadäquatem Beschreibungsinstrument.“

(Niklas Luhmann, Die Politik der Gesellschaft, 2000, S. 107–109)

6 Comments
  1. Diese Synopsis gefällt mir mit ihrer Knappheit und Präzision.
    Ich habe mal versucht, die drei Perspektiven übereinanderzulegen, um zu sehen, ob sich so Maturanas Autopoiesis-Begriff reformulieren lässt.

    Wie wäre es, wenn wir lebende Systeme als nicht-triviale Maschinen sähen,
    – die ein Sensorium (Kognition, Unterschiede registrieren) und ein Motorium (Emotionieren, Unterschiede bewirken) rekursiv-zirkulär verkoppeln und so fortlaufend Unterschiede zwischen System und Umwelt erzeugen;
    – und die – „von Natur aus“, d. h. als dissipative Strukturen i. S. von Prigogine – dazu tendieren, immer wieder in den Modus kooperierenden Emotionierens zu fallen, sodass sich zwei sekundäre Regelkreise herausbilden können: eine Gedächtnis- und eine Oszillator-Funktion, deren Zusammenspiel den Unterschied System/Umwelt mimetisch (d. h. über Ähnlichkeiten) so variiert, dass er in Form von Bildern festgehalten werden kann, die fortlaufend passende Anschlussoperationen – und damit Autopoiesis – möglich machen?

    Können Sie damit etwas anfangen, Herr Baecker? Über eine Antwort würde ich mich freuen.

    • Stimmt, Maturanas Konzept der Autopoiesis würde die Reihe vervollständigen. Insbesondere der Begriff eines Netzwerks von Elementen, in dem ein Netzwerk von Elementen reproduziert werden kann, ergänzt glücklich von Foersters Konzept der doppelten Schließung. Aber in Ihrem zweiten Punkt werden Sie auf der allgemeinen Ebene, die hier angesprochen ist, zu inhaltlich. “Emotionen” und “Bilder” hätten es verdient, im Kontext (a) von Polykontexturalität und (b) der expliziten Referenz auf eine Beobachterposition rekonstruiert zu werden.

  2. Ja, da gebe ich Ihnen recht, Herr Baecker. Ich weiß nur nicht, wie sich das in dieser Kürze darstellen ließe. Ich habe mich noch mal hingesetzt und meine kleine Skizze ein wenig ergänzt. Das Ganze ist jetzt natürlich etwas ausführlicher. Ich bitte um Nachsicht und hoffe dennoch auf das gewohnt präzise, klarsichtige Feedback.

    EMOTIONIEREN begreife ich im Sinne Maturanas: aus der Innensicht bezeichnet dieser Begriff die strukturelle (physisch-physiologische) Dynamik, mit der ein Organismus seine KÖRPERLICHKEIT verwirklicht. Aus der Außensicht bezeichnet er das Fließen des Organismus von einem Verhaltensbereich zum anderen (z. B. Fliehen, Kämpfen, Kooperieren), mit dem er seine RELATIONEN verwirklicht.

    Eingesetzt in die nicht-triviale Maschine „Organismus“ erscheint Emotionieren als die SELBST-referenziell operierende strukturelle Dynamik eines MOTORIUMS – zirkulär gekoppelt mit einem FREMD-referenziell operierenden SENSORIUM (Kognition).
    Allein in einem solchen (primären) Regelkreis würde ein Organismus allerdings zwischen Skylla und Charybdis oszillieren: er blockierte sich entweder selbst oder liefe aus dem Ruder. Er könnte keine Grenze zu einer Umwelt aufrechterhalten. Seine Operationen wären nicht anschluss-fähig, geschweige denn anschluss-sicher.

    Autopoiesis wird erst möglich und denkbar, wenn wir als Beobachter auch die Außensicht einnehmen und in Betracht ziehen, dass Organismen sich durch ihr Verhalten gegenseitig irritieren. Die Irritationen bewirken Symmetriebrüche, die den Organismus zu internen Umstrukturierungen zwingen.
    Organismen verhalten sich dabei wie dissipative Strukturen, d. h. sie suchen „von Natur aus“ den Ort, an dem ein minimaler Ressourcenverbrauch und eine maximale Zahl von Anschlussmöglichkeiten zusammenfallen und grenzen sich so von einer (ihrer) Umwelt ab.
    Unter diesen Bedingungen bilden Organismen zwei sekundäre Regelkreise aus: eine Gedächtnis- und eine Oszillatorfunktion.

    GEDÄCHTNIS-funktion ist die ver-körperte Geschichte eines Organismus: ein generatives Beobachtungs-SCHEMA, das sich unter den Bedingungen bewährt hat, unter denen es entstanden ist. Es verknüpft in jedem Moment in bestimmter, festgelegter Weise – wie eine triviale Maschine – selbst- und fremd-referenzielles Operieren (also Emotionieren und Kognition).
    OSZILLATOR-funktion ist die Beobachterfunktion eines Organismus: Oszillieren zwischen Selbst- und Fremdreferenz auf der Suche nach anschluss-fähigen MUSTERN / BILDERN. Irritationen werden für mimetisch-tastende Anschlussversuche genutzt.

    • Als SCHEMA bezeichne ich die Anweisung an eine triviale Maschine, nach einer gegebenen Regel eine Relation zwischen mindestens zwei Punkten zu ziehen und physisch zu verwirklichen.
    • Bei einem MUSTER muss die Regel von einer Beobachterfunktion erst noch ge- oder er-funden werden.
    • Von einem BILD spreche ich, wenn eine Beobachterfunktion (im freien Zusammen-Spiel mit Ein-Bildungs-kraft i. S. von I. Kant) ein Muster solange variiert, bis eine Regel ge- oder erfunden ist, die sich als resistent gegen Irritationen erweist; das Muster wird dann von einem Beobachter als Objekt erkannt und fungiert als  Zeichen.
    • ZEICHEN lösen in einem Organismus Emotionieren aus, also eine interne strukturelle Dynamik.
    • Aus der Außensicht erkennen wir als Beobachter dann konsensuell koordiniertes, „sinn-volles“ Verhalten.

    Damit sind die Operationen des Organismus zwar anschluss-fähig, aber noch nicht anschluss-SICHER. Anschluss-sicher sind sie erst dann, wenn Organismen als dissipative Strukturen fungieren, die (im Unterschied zu nicht-lebenden Systemen) ihre eigenen Randbedingungen (re)produzieren (in Form einer Nische und sozialer Systeme) – sodass sie sich sozusagen immer wieder am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen können.

    Um das zu realisieren, müsste der Organismus (qua Beobachterfunktion) eigentlich Selbst- und Fremdreferenz gleichzeitig im Blick haben – ein Ding der Unmöglichkeit. Aus Sicht eines Beobachters dritter Ordnung wird das für einen Organismus aber dann möglich und kalkulierbar, wenn er (etwa qua Funktionsweise der Gene) a priori unterstellt, dass das Verhalten aller Organismen eine (nicht beobachtbare) „nährende“ oder „einbettende“, polykontexturale MATRIX generiert, die ihrerseits dann SOZIALE SYSTEME oder Netz-Werke möglich oder unmöglich macht, die als Medium für Autopoiesis fungieren.
    (Diese Matrix entspräche übrigens dem, was bei I. Kant „übersinnliches Substrat der Menschheit“ heißt – ein Begriff, der den logischen Schlussstein seiner drei Kritiken bildet.)

    Aus einer Position der Beobachtung dritter Ordnung gesehen kann ein Organismus drei Klassen von Relationen zu seiner Umwelt einnehmen:
    1. Ausbeutung: ein soziales System bildet sich erst gar nicht.
    2. Symbiose: die Organismen operieren im Modus kooperativen Emotionierens und stellen sich wechselseitig ihre Ressourcen zur Verfügung; es entsteht ein soziales System oder Netz, das alleine für sich genommen aber noch zum Verschleiß tendiert, zur Entropie.
    3. Ästhetischer Blick: Die Organismen operieren im Modus nicht-fest-stellenden Beobachtens, das Netz stabilisiert sich, Operationen werden anschluss-sicher.

    Es geht beim “ästhetischen Blick” (im Sinne des von Kant entwickelten Begriff des Geschmacksurteils) darum, a) mit dem Gegenstand (der auch als Alter Ego gesehen werden kann) in Resonanz zu bleiben und ihn daher nicht kognitiv festzulegen, ihn nicht unter Begriffe zu subsumieren; und b) keine bestimmten Zwecke zu verfolgen, zweckfrei oder „spielerisch“ zu operieren. Anders gesagt: Der Organismus operiert dann so, dass (im Sinne Heinz von Foersters) „mehr Anschluss-Möglichkeiten“ generiert werden als nötig.

    Genau das tun dissipative Systeme, also auch Organismen bereits „von Natur aus.“

    • Lieber Herr Friczewski, ich denke, mit dem Ausgangspunkt dissipativer Systeme im Netzwerk dissipativer Systeme kann ich sehr einverstanden sein. Aber wir müssen das empirisch zeigen und nicht nur theoretisch sagen. Prigogine hat uns das vorgeführt.

      • o.k., danke. Das empirische Aufzeigen ist eine wichtige Forschungsaufgabe.

        Aber Prigogine war Physiker, er hatte keinen Begriff von Kommunikation. Vielmehr beobachtete er die Elemente von dissipativen Systemen, „als ob“ sie kommunizierten.
        Die Matrix, die ich meine, umfasst sowohl den beobachtenden Prigogine als auch das beobachtete dissipative System. Sie ist selbst nicht beobachtbar. Aber das heißt doch nicht, dass es nicht sinnvoll sein könnte, theoretisch (und praktisch) eine polykontexturale, Möglichkeiten generierende Matrix zu unterstellen, um zu verstehen, wie Systeme möglich (oder unmöglich) sind. Insbesondere wo wir heute global dabei sind, unsere eigenen physischen und geistigen Existenzgrundlagen zu negieren und ganz konkret physisch zu untergraben.

        Erst so könnten wir doch die Komplementarität von fest-stellendem und nicht-fest-stellendem Beobachten beobachten (ich habe das gerade, wie Sie vielleicht gesehen haben, bei FBS gepostet, fürchte nur, dass die Meisten nicht viel damit anfangen können). Und: dass wir diese Matrix durch unser kommunikatives Handeln selber generieren. Und: die entsprechende Haltung, nämlich Achtsamkeit (mindfulness).

        Mal anders gefragt: Herr Baecker, wie würden SIE denn die Begriffe Emotionieren und Bild “im Kontext (a) von Polykontexturalität und (b) der expliziten Referenz auf eine Beobachterposition rekonstruieren”?

      • ich weiß, ich predige hier Wein, während ich selbst oft genug nur Wasser zu bieten habe, aber ich würde nach Beobachtungen im Medium des Verhaltens, des Handelns, der Kommunikation oder, ersatzweise, des Textes suchen und schauen, wie diese das Problem adressieren und lösen. Implizit tue ich das fast immer — freischwebende begriffliche Ableitungen sind auf ein Minimum zu beschränken –, aber es käme darauf an, dies zu explizieren und jeweils auszuweisen. Zurecht zählt nur das als “Empirie”.

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