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Bewertungskriterien für Prüfungsleistungen

March 29, 2015

Drei Punkte vorab: (1) Bachelor- und Master-Thesis heißen deswegen so, weil sie eine These entwickeln und vertreten sollen. Diese Anforderung hilft dabei, in der gesamten Arbeit argumentative Stringenz zu entwickeln und sich nicht mit Punkten aufzuhalten, die keinen Beitrag zur Entwicklung der These leisten. Wer sich dennoch mit einem oder mehreren solcher Punkte beschäftigen möchte, sollte sie als Exkurse markieren.

Analoges gilt für Hausarbeiten, die in dieser Hinsicht Übungen für die spätere Thesis sind. Und Gleiches gilt für eine Dissertation, das Gesellenstück der Wissenschaft.

Für die Suche nach einer Leitidee für die These gilt im Übrigen: “Anything goes”, denn auch der kreativste und persönlichste Einstieg verwickelt gleich anschließend in die Komplexität sowohl des Arguments als auch des Materials. Das ist der Sinn der Formel “anything goes” (Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang, Frankfurt am Main 1983, S. 12ff.), die nicht etwa zur Beliebigkeit aufruft, sondern dazu, sich ohne Vorurteile – und seien sie methodologischer Art – einem komplexen, also labyrinthischen Gegenstand zu stellen. Zwischen dem Zustandekommen eines Einfalls, so auch Karl Popper (Logik der Forschung, Wien 1935, 11. Aufl. Tübingen 2005, S. 7), und den Methoden seiner Diskussion und Überprüfung im Argument und Material muss streng unterschieden werden. Für den Einfall und die These gilt im Zweifel Peirces Logik der Abduktion: der laterale Sprung, die Assoziation, das glückliche Finden (serendipity) einer Idee (siehe auch Klaus Oehler, Charles Sanders Peirce, München 1993, S. 123ff.); erst die Verifikation oder Falsifikation ist dann der Gegenstand einer Methodologie. Die Publikation, so Heinz von Foerster bei Gelegenheit, ist dann der Hilferuf eines Wissenschaftlers an die Kollegen, ihm bei der Suche nach seinem Irrtum zu helfen.

(2) Eine der Hauptleistungen einer Hausarbeit, Bachelor- oder Master-Thesis besteht darin, die gestellten Anforderungen pragmatisch und ökonomisch, soll heißen: sparsam, zu erfüllen. An maximalen Anforderungen kann man nur scheitern.

(3) Und in Puncto Wissenschaftsverständnis halten wir uns an Gilles Deleuze (Unterhandlungen 1972–1990, dt. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993, S. 178f.): Die Kunst arbeitet an alten und neuen Bildern, alten und neuen Wahrnehmungen, die Philosophie an alten und neuen Begriffen und die Wissenschaft an alten und neuen Funktionen. Prüfungsleistungen im Rahmen eines Universitätsstudiums sind Übungen zur Wissenschaft. Das schließt die künstlerische Arbeit an Bildern und Wahrnehmungen und die philosophische Arbeit an Begriffen nicht aus, verleiht ihnen jedoch einen sekundären Status. – Herausragende wissenschaftliche Arbeiten messen sich am Versuch der Bestimmung neuer Funktionen, sind philosophisch reflektiert und künstlerisch gestaltet. Sie präsentieren sich Beobachtern als Beobachtungen.

In der Wissenschaft geht es primär um Funktionen, das heißt um die Entdeckung und Überprüfung von Zusammenhängen zwischen Variablen. Wir können uns auf Variablen beschränken, denn Konstante gibt es in den Sozial-, Kultur- und Kommunikationswissenschaften nicht. Wohl aber: Limitationen, die jedoch schwer zu finden sind. Deswegen, nebenbei gesagt, haben wir an diesem Lehrstuhl eine Präferenz für Kalküle, die Erforschung eines Zusammenhangs zwischen Variablen, die sich wechselseitig einschränken. Überdies haben wir es nicht mit eindeutigen, gar kausalen Beziehungen zwischen Variablen, sondern mit ambivalenten, meist kommunikativen Beziehungen zu tun. Und nicht zuletzt weisen die Variablen sozial-, kultur- und kommunikationswissenschaftlicher Modelle selten numerische, sondern meist semantische Werte auf. Sie sind daher häufiger qualitativ als quantitativ zu fassen. Das ändert jedoch nichts am wesentlichen Punkt, das sich die Arbeit in den genannten Wissenschaften um die Modellierung eines empirisch belegbaren Materials auf der Suche nach möglichen Funktionen handelt.

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Zu den Kriterien für Prüfungsleistungen im engeren Sinne:

Für schriftliche Prüfungsleistungen (Hausarbeiten, BA- und MA-Arbeiten) gelten die folgenden Bewertungskriterien:

  • Präzision der Fragestellung,
  • Qualität der Empirie: Quellen, Belege, Daten, Fälle in Primär- und/oder Sekundärauswertung,
  • Qualität des theoretischen Zugangs: Metadaten, Codes, Modelle,
  • Klarheit der Gliederung: Evidenz und Überprüfung der Argumentation,
  • Sorgfalt der textlichen Gestaltung: Diskussion, Stil, Orthografie,
  • Kritische Reflexion: fachliche Einbettung, gesellschaftliche Relevanz, persönliches Interesse.

Interessant und relevant sind Arbeiten, die (1) Problemstellung, (2) empirische Erhebung qualitativer und quantitativer Daten sowie (3) Theorieauswahl aufeinander beziehen und kritisch reflektieren können. Wissenschaftliches Arbeiten besteht in der Auswahl von Metadaten (Konzepte, Themen, Theoreme, Probleme), die in der Lage sind, Daten (Geschichten, Fälle, Statistiken) so zu ordnen und beschreiben, dass Funktionen (Abhängigkeiten zwischen Variablen) identifiziert und überprüft werden können.

Es gelten die “Regeln einer guten wissenschaftlichen Praxis“, wie sie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) vertritt. Plagiate sind verboten. Wir befinden uns nicht in einer Kirche, sondern an einer Universität. Nicht so zu singen wie alle anderen, ist das Ziel, sondern an individuell zurechenbaren Erkenntnissen zu arbeiten. Je genauer man belegt, welche Fragestellungen, theoretischen Ansätze, methodischen Zugänge man übernimmt und von welchen man abweicht, desto argumentativ reicher wird der Text.

Für mündliche Prüfungsleistungen (Referate, Disputationen) gilt analog die intellektuelle Fähigkeit, sich gemäß den oben genannten Bewertungskriterien in Argumenten zu bewegen, die anhand von Konzepten und Perzepten Themen aufgreifen und Funktionen bestimmen.

Exposés geplanter schriftlicher Prüfungsleistungen sollten sich in etwa an die folgende Gliederung halten:

  • Thema und These,
  • Problemstellung und Zusammenfassung,
  • Überblick über die bereits gesichtete bzw. zu sichtende Literatur,
  • ausführlichere Projektbeschreibung,
  • methodischer Zugang,
  • erwartete wissenschaftliche Ergebnisse,
  • Förderung und Finanzierung,
  • Vernetzung,
  • Zeitplan,
  • Literaturverzeichnis

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Die Bewertung der Prüfungsleistungen orientiert sich am gängigen Benotungssystem und neigt dazu, die Noten wörtlich zu nehmen: sehr gut, gut, befriedigend, ausreichend, mangelhaft, ungenügend.

Für die Formatierung schriftlicher Arbeiten (Schrifttyp, Zeilenabstand, Randbreite etc.) gilt, dass die Arbeit angenehm lesbar sein sollte. Der Umfang von Bachelor- und Masterarbeiten sollte sich an den Vorgaben der Prüfungsordnung orientieren. Für Hausarbeiten (Term Papiers) gilt, dass sie 5 Seiten im Fall einer Modulteilprüfung (MTP) und 10 Seiten im Fall einer Modulabschlussprüfung umfassen sollten, jeweils exklusive Titelblatt und Literaturverzeichnis und orientiert an einer Standardseite im Umfang von 1800 Anschlägen. In der Kürze liegt die Würze, in der Konzentration auf das Entscheidende die Stärke des Gedankens.

Siehe nützliche Hinweise zu Anforderungen an wissenschaftliches Arbeiten auch Markus Krajewski, Lesen Schreiben Denken: Zur wissenschaftlichen Abschlussarbeit in 7 Schritten, Köln: Böhlau, 2013; Valentin Groebner, Wissenschaftssprache: Eine Gebrauchsanweisung, Konstanz: UVK, 2012; ders., Wissenschaftssprache digital: Die Zukunft von gestern, Konstanz: UVK, 2014; und die Website Wissenschaftliches Arbeiten.

Siehe zum wissenschaftlichen Arbeiten einführend zu Zettelkästen: Frank Berzbach und zu einer digitalen Version eines Zettelkastens: Daniel Lüdecke, beide am Exempel des Zettelkastens Niklas Luhmanns.

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Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass man spätestens seit der Figur Salvatore in Umberto Ecos Roman Der Name der Rose großen Respekt vor sprachlichen, syntaktischen und orthografischen Eigenwilligkeiten haben kann, die sich in studentischen Arbeiten häufig finden. Präferiert jedoch werden Arbeiten, die auch im Hinblick auf Grammatik und Rechtschreibung nicht am Bildschirm (der Bildschirm suggeriert Perfektion; man übersieht viele Fehler), sondern im Papierausdruck noch einmal einen letzten Korrekturdurchgang erfahren haben, bevor sie eingereicht werden. Auf sprachliche Korrektheit zu achten, ist dank der Komplexität, die in unserem Sprachgebrauch zu finden ist, Teil der Arbeit an einer gedanklichen Präzision. Sehr zu empfehlen ist in diesem Zusammenhang ein Blick in Harald Weinrichs aufregende Textgrammatik der deutschen Sprache (Hildesheim: Olms Verlag, 1992, 4. rev. Aufl. 2007).

Siehe auch The Form of a Paper, pdf

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