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Es gibt keine sozialen Systeme

October 11, 2014

Niklas Luhmann hat den Versuch gemacht, mit seinem Grundriss einer allgemeinen Theorie sozialer Systeme – die Gesellschaftstheorie und die Theorie der Funktionssysteme der Gesellschaft sollten folgen – die “Theoriekrise” der Soziologie zu lösen. Doch gab und gibt es diese Theoriekrise?

Weiterlesen… pdf (preprint)

Thesen zum Vortrag auf dem 37. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Trier, 6.–10. Oktober 2014, Sektion Soziologische Theorie zum Thema “30 Jahre ‘Soziale Systeme’ – Ende einer Theoriekrise?”, online (wiederabgedruckt in: Dirk Baecker, Wozu Theorie? Aufsätze, Berlin: Suhrkamp, 2016, S. 194–209)

10 Comments
  1. Der Vorschlag (7) gefällt mir sehr gut, vielleicht weil ich ihn nicht deutlich von Kybernetik der Kybernetik im engeren Sinne unterscheiden kann: Der Beobachter, der sich durch die Kybernetik als kybernetisches System interpretiert, unterscheidet und bezeichnet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Interpretation N. Luhmann gefallen würde.

  2. Lieber Herr Baecker,

    ich kann leider Ihrer Lesart von Luhmanns Annahme, dass es Systeme gibt, nicht folgen. Wenn ich systemtheoretisch beobachte, was Luhmann damit macht, dann handelt es sich um die Unterscheidung eines Systems bzw. Beobachters – in diesem Fall Luhmann selbst – von seiner Umwelt bzw. den Systemen in seiner Umwelt, die er beobachten will. Dass erkenntnistheoretische Zweifel bei der Theoriebildung hinderlich sind, liegt einfach daran, dass ohne die Annahme einer Umwelt, von der sich ein System unterscheidet, auch die Unterscheidung von System und Umwelt sinnlos bzw. funktionslos wird.

    Außerdem denke ich nicht, dass es sich bei der Annahme, dass es Systeme gibt, um eine Ontologie handelt. Es hat ja schon diverse Versuche gegeben von Ontologie auf Prozessdenken umzustellen. Das drückt sich wohl am schlichtesten in der Formulierung „Sein ist Werden“ aus. Außerdem stellt sich die Frage, was der Satz „Es gibt Systeme“ im Kontext eines operativen Konstruktivismus bedeutet? Sicher nicht zwingend, dass es sich doch um eine Ontologie handelt.

    Was ich an Ihrem Vortrag allerdings super fand, war dass Sie den Autor rehabilitiert haben. Ich weiß nicht, ob Sie das meinten, aber ich habe zwischen durch gedacht: Der Autor ist tot, es lebe der Autor. Wenn man etwas mit der bisherigen Theoriebildung, speziell des Poststrukturalismus vertraut ist, drängt sich dieser Schluss irgendwie auf. Ich kann das nur begrüßen.

    Beste Grüße
    R. Walkow

  3. Reblogged this on Ich sag mal and commented:
    Spannende Thesen.

  4. woksoll permalink

    Ich bin mir nicht sicher, ob wir den richtigen Weg mit der Negierung von Systemen gehen. Möglicherweise kommen wir an Probleme heran, die in den 1920er Jahren Heisenberg mit der Unschärfe Relation aufdeckte, als er zeigte, dass ein Elektron als Messinstrument nicht Elektronen vermessen kann, so dass ich den Aufenthaltsort eines Elektrons nicht mehr messen kann, sondern nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit angeben kann. Da steckt auch das Beobachterproblem drin, dass der Beobachter des Systemes auch Teil des Systems ist, was in der systemischen Familientherapie ja durchaus anerkannt ist und berücksichtig wird.
    In den Kommentaren fiel der Begriff Kybernetik. Boris Petkoff hat 1998 schön die Kybernetik erster und zweiter Ordnung auseinander dividiert. Bei der ersten herrschte noch das Command-and-Control-Mantra vor. Am Rande: damit ist Francis Fukuyama mächtig im Irak auf die Nase gefallen, als er dachte, man könne im Irak einen neuen Staat von außen nach seinen Designkriterien errichten, ohne auf die Selbststeuerung, die Autopoiese des sozialen Systems Rücksicht zu nehmen, dass sich von außen bestenfalls irritieren lässt.

    Petkoff hat mich dann auch auf Luhmann gebracht. Die Kybernetik zweiter Ordnung steuert und regelt nicht linear, sondern reflektiert sich selbst. Lernt. Das war der Kickoff für die Welle der lernenden Organisation, die sich als autopoietisches System selbst beobachtet und lernt (funktional differenziert meist). Das charmante an Luhmann war, dass eine Systemtheorie dem dann einen passenden theoretischen Rahmen gab, den Pawlow nicht liefern konnte🙂
    Ein anderer Aspekt der Physiker in den 1920er war, dass sie damals keine einheitliche Theorie mehr liefern konnten, sondern je nach Phänomen mit unterschiedlichen Theorie arbeiten mussten in den selbstbezüglichen kleinen Räumen Heisenbergschen Interesses. Mal kann man mit dem Korpuskel-Modell (Heisenberg) und mal mit dem Wellenmodell (Schrödinger) Phänomene erklären.

    Ich glaube, dass das größte Problem Luhmannscher Systemtheorie die dem Problem angemessene Komplexität ist. Den meisten Menschen ist das zu schwierig, deswegen suchen sie einfacherer Modelle (siehe Pawlow oder die Konditionierer bis zu Fukuyama). Erstaunlich ist, dass die US-Amerikaner, die mit der Kybernetik II; der leenerdne nOrganisation usw. so weit vorne waren, offenabr von Luhman nichts mitbekommen. Ich wette, wenn sich Fukuyama mehr mit Luhmann beschäftigt hätte, wäre er nicht so dumm gewesen, den Aufruf des Projects for a New American Century – PNAC für eine Angriffskriegsüberfall auf den Irak unterschrieben hätte. Er hätte vorher gewusst, dass sein Command-and-Control-Ansatz ohne Beteiligung der irakischen Bevölkerung scheitern musste (mittlerweile hat er seinem Unsinn durch Empirie belegt abgeschworen, aber die Folgen des auch theoretischen Unsinns sehne wir gerade bei der IS, wo dem Westen weiterhin nichts intelligentes einfällt, er auf jegliche Kommunikation verzichtet und nur Bomben und militärische Gewalt sprechen lässt, wobei er auch noch den Überfall verliert (Bomben die Türken auf die Kurden oder auf die von der CIA in Syrien unterstützten Terroristen, liefern wir Waffen an die Terroristen der PKK? Wir wissen es nicht, aber wir kommunizieren nicht mit den Hauptakteuren und können so auch nach Luhmann keine Gesellschaft konstituieren und schon gar nicht eine zivilisiert.

    Ich persönlich fände es noch spannender als nicht gelöste Probleme der Selbstbezüglichkeit zum Abschwören an eine zu komplexe Theorie zu nutzen, dass wir die Folgen im Luhmannschen Model untersuchen, was es bei einer Gesellschaft, die sich nur über Kommunikation als soziales System konstituiert, bedeutet, wenn ihre Kommunikation digitalisiert wird und damit globalisiert und instantanisiert wird. Luhmann blieb keine Zeit mehr, das zu ergründen. Aber ich fürchte, nur eine Gammoperator hinzuschreiben ohne ihn auch über mathematische-logische Operatoren mit irgendwas zu Operationen zu verknüpfen, wird nicht reichen. Da sollten wir Mut bei den Physikern schöpfen, die ihre durch aus kontroversen Theorien auch in mathematische Notationen zu fassen vermochten, um daraus neue Kenntnisse zu schöpfen, ohne es wie der Romantiker Hermann Hesse zu einem Glasperlenspiel zu denunzieren🙂

    Aber es bleibt schwierig.

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar. Schön, dass Sie an Boris Petkoff erinnern, mit dem ich vor Jahren in Witten viel diskutiert habe.

      Natürlich geht es nicht darum, einer komplexen Theorie abzuschwören. Im Gegenteil. Ich will sie mithilfe einer Modifikation ihrer Theoriearchitektur wieder ins Spiel bringen.

      In Fragen einer Digitalisierung bin ich skeptisch. George Dyson weist meines Erachtens zurecht auf die analogen Ursprünge und analoge Einbettung elektronischer Medien hin. Die Digitalisierung der Kommunikation zieht daher mit Sicherheit größere Kreise als nur jene in ihren Schaltkreisen.

  5. Den Vorschlag, nicht mehr (selbstreferenzielle) Systeme zu beobachten, sondern den Beobachter selbst und seine Tätigkeit des Beobachtens, finde ich fruchtbar und bemerkenswert. Denn dann kommen wir letztlich an der – alles andere als trivialen – Frage nicht mehr vorbei, wie überhaupt beobachtende lebende Systeme möglich und denkbar sind. Und das wiederum führt zu der Frage nach dem missing link zwischen der Beobachtungsweise Maturanas und der Luhmanns – eine überfällige Baustelle „der“ Systemtheorie oder vielleicht besser: eine Baustelle, an der eine künftige Systemtheorie sich neu (er)finden könnte.

    Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage nach der Möglichkeit und Denkbarkeit beobachtender lebender Systeme stehen wir zwar grundsätzlich mit leeren Händen da. Aber das sollte nicht abschrecken, sich dieser Frage zu stellen. Denn wenn wir nicht wollen, dass wir durch die Art, wie wir beobachten, unbemerkt (und vielleicht irreversibel) unsere eigenen Ressourcen untergraben; wenn wir nicht wollen, dass die Lösungen, die wir heute für die globalen Probleme entwickeln, immer wieder Teil der Probleme werden (siehe hierzu oben @ woksoll und das Beispiel Irak / Fukuyama) – dann kommen wir um diese Frage nicht herum.

    Aber irgendwo muss man ja anfangen. Statt – wie Luhmann – von „gesellschaftlicher Autopoiesis“ zu sprechen, schlage ich (in einer Anleihe bei Kant sowie bei A. Sohn-Rethel) den Begriff „gesellschaftliche Synthesis a priori“ vor. Das heißt: um als Beobachter zu fungieren, müssen wir menschliche Wesen „immer schon“ unseren gesellschaftlichen Zusammenhang als vollzogen unterstellt haben. Dann stellt sich aber die Frage: wie ist es überhaupt denkbar und möglich, dass Beobachter (die ja immer individuelle lebende Systeme sind und bleiben) durch ihre Interaktionen unbeabsichtigt, quasi hinter ihrem Rücken, eine zeitlich, sachlich und sozial kohärente Welt erzeugen, die sie als immer schon gegeben unterstellen können? Das ist ein Mysterium, denn der Beobachter müsste dazu fortlaufend die (imaginäre) Einheit von Kognition und Volition (Erkennen und aktiver Willensäußerung) verwirklichen. Aus der Perspektive fest-stellenden Beobachtens erscheint diese Einheit bestenfalls als sinn-loses Oszillieren, immer in der Gefahr, entweder von Skylla (dem Objektivismus) zermalmt oder von Charybdis (dem Subjektivismus) verschlungen zu werden.

    Um diese imaginäre Einheit von Kognition und Volition, das verbindende Muster, dennoch fest-stellend beobachten zu können, schlage ich vor, einen nicht-fest-stellenden (nicht-trivialen) Mechanismus explizit in die Theorie des Beobachtens (bzw. in das eigene Selbstverständnis als Beobachter) einzuführen: die „Ein-bildungs-kraft“, genauer: ihre Arbeitsweise. Es ist dies, so schlage ich weiter vor, der Mechanismus, mittels dessen letztlich alle lebenden Systeme, auch beobachtende, qua fortlaufender mimetischer Variation selbstähnlicher innerer „Bilder“ (= ikonischer Zeichen oder Schemata) die Unterscheidung System/Umwelt immer wieder neu so in sich selbst einführen, dass sie kreativ die jeweils passende Form (er)finden und ihre Autopoiesis fortsetzen können. Die menschliche Einbildungskraft, die übrigens auch im Kant’schen Menschenbild die letztlich entscheidende Rolle spielt, ist dabei nur als (hoch komplexer) Sonderfall zu betrachten, eine evolutionäre Errungenschaft des homo sapiens sapiens; die Einbildungskraft steht hier in „freiem Spiel“ (Kant) mit dem beobachtenden-reflektierenden Verstand.

    Dabei wird der (Resonanz-)Körper des Beobachters wichtig, weil sich in ihm alle kognitiven Bereiche, in denen er lebt, überschneiden (Maturana) und sich daher notwendigerweise immer schon – wie kohärent auch immer – zueinander in Beziehung setzen. Entsprechendes gilt für den „Körper“ der Gesellschaft: die gesellschaftlichen Artefakte (Kultur und Technik).

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