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Schülerakademie Kultur

August 3, 2014

Eigentlich ist alles “ganz einfach”. Wir haben uns mit der Frage beschäftigt, was unter Kultur und Kulturkritik im Anschluss an Jean-Jacques Rousseau, Bronislaw Malinowski, Talcott Parsons und Niklas Luhmann zu verstehen ist.

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Nachtrag zum Seminar “Kultur” der Schülerakademie an der Zeppelin Universität vom 30. Juli bis 2. August

From → Culture, Form

21 Comments
  1. offtopic: mich irritiert das WIR ganz oben und das “MAN MUSS” ganz unten
    und zum Topic: Mich irritiert, dass ich hier von nationaler oder völkischer Kultur lesen muss

    ich kann gut damit leben, dass jemand zu Kultur die Unterscheidung “Glück” verwendet. Das jemand mir das so sagt, lässt mich nachdenken, weil mir das nie und nimmer in den Sinn gekommen wäre – gerade weil ich selbst oft sage, dass es reines Glück ist, dass ich hier und jetzt auf die Welt gekommen bin – bei den Superreichen, die ihren Kindern Bildung und matereillen Ueberfluss geben und die Kriege auf anderen Kontinenten austragen. Und ja, vielleicht ist das eine Art (Un)Kultur – sozusagen die negative oder nicht markierte Seite

    • Das WIR und das MÜSSEN sind zuweilen unverzichtbare Markierungen einer Beobachterposition, die zum Widerspruch einladen. Funktioniert fast immer.

  2. hmmm … mein Widerspruch, den ich aber gerne in der Schwebe halte bezieht sich auf die Unterscheidung “Glück”, die ich interessant finde.
    Das WIR und dass mir jemand sagt “ich müsse”, empfinde ich als Widerspruch schon bevor jemand sich dagegen wehrt … und dass es – wie oft auch immer – funktioniert, scheint mir eine kulturkritische Aussage zu sein

    • Glück und Unglück ist eine Unterscheidung, die man Jean-Jacques Rousseaus Discours sur les Sciences et les Arts (1750) entnehmen kann, wenn man etwas unphilologisch nicht streng wörtlich liest. Jedenfalls scheint sich Kant in seiner Kritik der Urteilskraft darauf zu beziehen, wenn er den ewigen Trouble mit der Kulturkritik offenbar ahnend nicht die Glückseligkeit als das Ziel, den Zweck der menschlichen Kultur definiert, sondern die “Hervorbringung der Tauglichkeit eines vernünftigen Wesens zu beliebigen Zwecken überhaupt (folglich in seiner Freiheit)” (KdU B391). Und er fügt hinzu: “Also kann nur die Kultur der letzte Zweck sein, den man der Natur in Ansehung der Menschengattung beizulegen Ursache hat (nicht seine eigene Glückseligkeit auf Erden, oder wohl gar bloß das vornehmste Werkzeug zu sein, Ordnung und Einhelligkeit in der vernunftlosen Natur außer ihm zu stiften).” Das hat die Welt auch nicht viel glücklicher gemacht, weil es rasch in Richtung Nationalkultur und Hochkultur fehlinterpretiert werden konnte. Mir scheint, wir ringen noch immer um ein Verständnis dieser “Tauglichkeit zu beliebigen Zwecken überhaupt”, die vielen wohl zu viel der Freiheit impliziert.

  3. Vielleicht zeigt sich darin ein Problem der Auffassung, wonach Kommunikationen an Kommunikationen anschliessen. Dass Kant sich auf Rousseau “bezieht” ist eine Kommunikation, die “man” beobachten KANN. Ich würde bei Kant eher lesen, dass er zu seiner Tauglichkeit eine Bezeichnung der nichtmarkierten Seite ganz zufällig bei rousseauschen Commonsens findet.

    Dann wäre die Unterscheidung Tauglichkeit vielleicht nochmals zu beobachten …

    Freud hat wohl – eher in Ihrem Sinne – die Tauglichkeiten als gelungene Stadtbauten metaphorisiert. Immerhin hat er dabei die artefaktische Welt, also ganz konkrete Gebäude auf den Hügeln von Rom angesprochen und nur indirekt, das Glück in Rom zu verschiedenen Zeiten zu wohnen.

    Wieder offtopic
    Ich beobachte Kant als Konstruktivisten und Tauglichkeit als gelungene Konstruktion, womit ich anders als andere Konstruktivisten nicht “mentales Zeugs” meine, sondern Artefakte, die funktionieren. In dieser Beobachtung würde Kant – wissend oder nicht – eher an den Skeptizismus als an Rousseau anschliessen
    Und jetzt fällt mir gerade ein/auf, dass ich Kultur in meiner Unbelesenheit vor allem mit Freud verbinde, der in Ihrer Reihe nicht erwähnt wurde – was vielleicht das ganz offtopic kennzeichnet. Wie ganz anders man dasselbe lesen kann.

  4. Was könnte denn die Funktion von Kultur und Kulturkritik sein? Um sie zu beobachten, schlage ich vor, Technik und Kultur zu unterscheiden. Und zwar als zwei unterschiedliche Operationsweisen, die – ähnlich wie Kognition und Volition im psychischen System – in ihrem rekursiv-zirkulären Zusammenspiel überhaupt erst gesellschaftliche Autopoiesis (kantisch gesprochen: gesellschaftliche Synthesis a priori) denkbar und möglich machen.

    Von „Technik“ zu sprechen hieße dann zu beobachten, wie sich Unbestimmtes in Bestimmtes verwandelt; d. h. Sprachhandeln (Maturana: „Strömen in konsensuellen Koordinationen von konsensuellen Koordinationen von Verhalten“) verwandelt sich mittels dinglicher bzw. sozialer Artefakte (quasi eingefrorener Kommunikationen, dem Dispositiv oder Gedächtnis der Gesellschaft) und dank eines geeigneten binären Super-Codes in anschluss-fähige und -sichere Kommunikationen.

    Und von „Kultur“ zu sprechen hieße dann umgekehrt, zu beobachten, wie das Handeln der Akteure Bestimmtes immer wieder in Unbestimmtes auflöst: das mimetische, sich zwar auf die Artefakte stützende, sich dabei aber an inneren Bildern und Homologien orientierende Inszenieren und Aufführen von Geschichten (Diskursen) durch die Akteure, mit dem a) Gesellschaft sich selbst beobachtet und sich hier und jetzt immer wieder neu oszillierend (justierend und kalibrierend) auf ihren Eigenwert einschwingt; und mit dem b) zugleich auch die Akteure sich selbst beobachten und reproduzieren.

    Was mir an dieser Art des Beobachtens (auch) gefällt, ist, dass sie das (verborgene) Muster aufscheinen lässt, das die konträren (quasi spiegelbildlichen) Sichtweisen Maturanas und Luhmanns verbindet.

    Herr Baecker, Herr Todesco bzw. andere Leser/innen: Ist das für Sie anschlussfähig?

  5. 😉 anschluss”fähig” ist alles, auch das nichts, weil ja auch offttopic als Anschluss gesehen werden KANN. Also im off: Ich würde zunächst Gesprächskultur unterscheiden (von einer nicht vorhandenen). Innerhalb einer Gesprächskultur kann ich mich dann auf das Beobachten von Kommunikationen beschränken (etwa, was hat Rousseau gesagt) oder eigene Unterscheidungen vorschlagen (etwa Kultur versus Technik). Was treibt mich und wie sublimiere ich?
    Vielleicht ist es Natur, wenn ich über mich und meine Unterscheidungen spreche und Kultur, wenn ich mich hintanstelle (=sublimiere) und beobachte, was im Kulturkreis so gesagt wird?

  6. Gut, Herr Todesco. Sie haben ja schon mal ansatzweise mimetisch operiert, insofern Sie Ihren inneren Bildern und Homologien folgen.🙂 Und wie wird da nun eine auch für mich anschlussfähige Geschichte daraus, d.h. eine, die etwas erzählt über die Funktion von Kultur für gesellschaftliche und psychische Autopoiesis?

  7. hmm … ich dachte, die Unterscheidungen von Unglück und Unbehagen (als geahntes Unglück) seien diese Geschichten, in welchen individuelle Schuld und kollektive Unterwerfung als Psyche und Gesellschaft erscheinen.
    Psycho-soziologisch leuchten mir die Unterscheidungen jetzt halbwegs ein (danke, Her Baecker für das PS zu Freud, den ich gar nicht so im Kopf gehabt habe, jetzt aber die Verbindungen buchstäblich und wörtlich gelesen habe, wenn ich auch nach wie vor meine, dass Freud keine Kulturen VERGLEICHen will).
    Wie auch immer, innerhalb einer Kultur, die die kulturelle Kommunikation beobachtet, wird für Technik kaum Platz sein, es sei denn für Techne im Sinne einer Beobachtungs-Rhetorik. Und da damit schon wieder offtopic angezogen ist: In einer ganz anderen Welt wäre Technik der Plug und Kultur der Acker und jedes Unbehagen bezöge sich darauf, wem Produktionsmittel und Boden gehören. Aber gerade von dort aus gesehen, sind die kulturellen Kulturunterscheidungen natürlich sehr … ähh …

  8. Der Pflug als Technik – müsste dann Kultur nicht das KULTIVIEREN des Ackers sein?

    KULTUR ist für mich ein „geschlossenes Netzwerk von Konversationen“ (Maturana), ein Diskurs mit dem Thema (das leuchtet mir ein): „Was macht uns glücklich / unglücklich“, aber immer auf dem Hintergrund der Frage „Wer sind ‚wir’ (im Unterschied zu Anderen)? Wer gehört dazu / nicht dazu?“ Konversation meint die „Verflechtung von Sprachhandeln und Emotionieren, in der sich alle menschlichen Tätigkeiten ereignen.“ (Maturana)

    TECHNIK meint für mich – in der Gestalt von Artefakten (Dispositiven) – eingefrorene Konversationen: Natürliche, unkontrollierbare Dynamiken werden willkürlich in einzelne raum-zeitliche Ereignisse zergliedert und in iterativen Schleifen zu einer festen Abfolge geordnet, die sich verlässlich wiederholt, sodass man das Ordnen „vergessen“ kann. Ich unterscheide dingliche Artefakte (z. B. Pflüge, Schwerter, Spielzeug, Musikinstrumente, Maschinen) und soziale Artefakte (z. B. Familie, Verwandtschaft, Machtapparat). Aus meiner Sicht ist Technik das „Gedächtnis“ von Gesellschaft, nicht Kultur.

    Die interessante Frage ist nun, wie sich im Zusammenspiel von Kultur (via Technik) einerseits und Technik (via Kultur) andererseits GESELLSCHAFT – als ein aus Sicht der Akteure scheinbar a priori existierender sozialer Zusammenhang – nachhaltig-stabil konstituieren kann.

    Mein Vorschlag:
    – Artefakte werden quasi zum Flussbett, in dem Konversationen (= die Verflechtung von Sprachhandeln und Emotionieren) so strömen können, dass sich ein geschlossenes Netzwerk herausbildet; und dass sich schließlich Gesellschaft konstituieren kann.
    – Gleichzeitig wird Kultur (das Strömen von Konversationen, Erzählen von Geschichten) immer wieder zum Spiegel, in dem Gesellschaft sich selbst beobachten, sich wiedererkennen und ihre Technologien laufend korrigieren kann – dies zeigt m. E. der Re-entry-Haken in der Zeichnung an.
    – Beides ZUGLEICH gelingt nur, weil bzw. insoweit sich im Zusammenspiel von Technik und Kultur spontan ein generalisierter (historisch je unterschiedlich symbolisierter) Super-Code (dazugehören / nicht dazugehören) herausbildet.

    Man könnte das relativ einfach etwa an den ersten staatenbildenden Gesellschaften durchspielen (z. B. Altägypten). Sie entwickelten erstmals Macht als gesellschaft-konstituierende Technik. Dass die menschlichen Glieder dieser „Machtmaschine“ (Mumford), wenn sie überleben wollten, den emotionalen Anteil ihres Konversierens streng kanalisieren mussten, leuchtet unmittelbar ein; ebenso das Unbehagen daran. Wenn man will, kann man das dann „sublimieren“ nennen.

    • Interessant wird es darüber hinaus, wenn diese Art der Kultur, ein Kultivieren (Tradieren, Pflegen, Erneuern und Vergessen) kommunikativer Möglichkeiten, selbst als Technik gesehen wird, als Einschränkung dieser Möglichkeiten durch Grenzsetzungen, konkret durch Regeln richtiger und falscher Verhaltensorientierung (Parsons), richtigen und falschen Themengebrauchs (Luhmann). Jedes Artefakt ist eine auf Technik verdichtete Kultur, eine als Kultur hoch oder gering geschätzte Technik. Technik “ist” daher entlastende Reduktion, wie Luhmann dies bereits gefasst hat, und Kultur “ist” öffnende, weil vergleichende Bewertung: selbst eine Technik, die von einer Analyse entlastet, die dem Bedarf von Engführungen auf die Spur zu kommen versuchen würde.

      • sehr schön, danke. da kann es einem schwindelig werden. da bleibt einem doch nur noch ein Oszillieren zwischen Öffnen und Schließen – ohne dabei aber die MÖGLICHKEIT der Einheit aus dem Blick zu verlieren, sie als Möglichkeit immer mitzudenken.
        Ich würde soweit gehen, dieses Prinzip auf ALLE Autopoiesis, auch die des Organsimus, anzuwenden. Als ein zweckfrei-zweckmäßiges ebenso wie regellos-regelschaffendes Oszillieren zwischen Volition und Kognition (Effektoren / Sensoren).

        Noch mal zur Technik und Kultur der Digitalisierung unserer Lebenswelt. Wenn man mal davon ausgeht, dass “Lebenswelt” mit der Kultivierung des “Dazwischen” steht und fällt (d.h. dessen, was “zwischen” individuellen Beobachtern passiert): ver-führt die Digitalisierung nicht dazu, das Vergessen des Dazwischen zu verstärken und das Tradieren, Pflegen und Erneuern des Dazwischen zu vernachlässigen?
        Die für das Kultivieren von Lebenswelten unverzichtbare schöpferische Mimesis verkommt zu gedankenlosen Memen, die Antagonismen eher verschleieren als sichtbar zu machen. Oder?

      • Die Sorge hätte ich nicht beziehungsweise hätte ich schon dann, wenn jemand die Subtilität des Moments dadurch stört, dass er oder sie anfängt zu sprechen, oder die Komplexität eines Sachverhalts verkennt, indem er zu einem mehr oder minder linearen Text komponiert wird. Der Splitter- und Schnipselcharakter unseres Umgangs mit elektronischen Medien in Clips, Blogs, Tweets und Posts ist im Gegenteil vielleicht sogar eher geeignet als die Sprache unter Anwesenden und die Texte mit ihren Autoritätsansprüchen, von dieser Subtilität und Komplexität etwas sichtbar zu machen.

  9. Franz Friczewski schreibt: „Was macht uns glücklich / unglücklich“, aber immer auf dem Hintergrund der Frage „Wer sind ‚wir’
    ich wiederhole meinen Einstieg offtopic: “mich irritiert das WIR ganz oben und das “MAN MUSS” ganz unten”
    Kultur lese ich als Postulat, dass ein WIR durchsetzbar ist, bei Freud waren WIR getrieben: Sublimier oder stirb. Nachdem WIR uns in der Technik mehr mit Steuerung als mit An-Trieb befassen, gilt kommunizier oder stirb (Exklusion). Glück ist dann im Sinne der Kultur sich einem WIR zurechnen zu können – und sei es nur schnipselhaft.

    • Nachtrag: Ich lese gerade, dass die Epistemologie als halbwegs gelungener Versuch gesehen werden kann, irgendeinen Materialismus aufzuheben, der sich darin zeigte, bezüglich Technik eine Unterscheidung zu treffen, in welcher, das was im Alltag als Technik bezeichnet wird, in einer Epistemis aufzuheben, in welcher Technik auf “entlastende Reduktion” verallgemeinert wird, gerade unabhängig davon, ob diese Entlastung durch materielle Gegenstände wie Pflug und Schwert oder durch Vorstellungen von Mechanismen, in Form von wiederholbaren Prozessen geschieht. Als Technik erscheint dann alles, was mehr als einmal vergleichbar wiederholt wird, weil dabei quasi eine Effizienz ins Spiel kommt, die das Beschreiben oder Denken des Verhaltens betrifft. Das ist wohl auch mit “Gedächtnis” gemeint, ein Wiedererkennen, das Künftiges mitprägt, weil wiederholt werden kann.
      Das, was heute unsinnigerweise als “digital” bezeichnet wird, reflektiert dieses Technikverständnis in einer Art re-entry. Analoge Maschinen müssen “quasi materiell” hergestellt werden, das “digital” kopiert sich von selbst.
      Oder in Form einer Frage: Wer ist in unserer Kultur für das Anfassbare zuständig?

      • “Wer ist in unserer Kultur für das Anfassbare zuständig?”

        Letztlich: unsere SINNE, unsere FINGER (lat.: digitus) und: unsere EIN-BILDUNGSKRAFT.

        Alle Tätigkeit des Unterscheidens ist letztlich ein digitales UND analoges Rechnen gleichzeitig. Es beginnt mit (und endet bei) den Sinnen und den Fingern); d. h. es braucht einen Beobachter, der mit Sinnen (vor allem: offenen Augen) ausgestattetet ist, mit beweglichen Fingern und: mit einer Beides verbindenden Einbildungskraft.
        Denn es bewegt sich – das ist das „Rätselhafte“ oder „Magische“ daran, und das fordert die Einbildungskraft heraus – in zwei voneinander unabhängigen Bahnen gleichzeitig:

        • auf der einen Seite ist Unterscheiden Technik, digitales Operieren, ein Rechnen mit ISOLIERBAREN DINGEN, d. h. wir ordnen (letztlich mit den Fingern) mehr oder weniger geschickt Dinge (z. B. zu Maschinen) oder zeichnen „Karten“ (die Relationen festhalten). Wir verstehen Welt nur insoweit, wie wir anhand der uns verfügbaren Technik mit ihr umzugehen verstehen.
        • auf der anderen Seite ist Unterscheiden notwendig auch analog-mimetisch, ein Rechnen in RELATIONEN. Auch dazu brauchen wir (letztlich) unsere Finger: nämlich zum Zeigen und Lesen. Mimesis stützt sich zwar auf Technik, orientiert sich aber an (inneren) Bildern und an Homologien. Auch Wissen-schaft wurzelt letztlich im Lesen in der Natur: in den Sternen, in Tierspuren, in den Eingeweiden des gejagten Tiers, in den Augen des Gegenüber: „Lesen, was nie geschrieben wurde.“ (Walter Benjamin „Über das mimetische Vermögen”)

    • “… vielleicht sogar eher geeignet als die Sprache unter Anwesenden und die Texte mit ihren Autoritätsansprüchen, von dieser Subtilität und Komplexität etwas sichtbar zu machen.”

      Sicher, das ist die andere Seite der Digitalisierung.
      Aber was könnte denn die Matrix sein, die die Sichtbarkeit dieser “Subtilität und Komplexität” hervorbringt?
      Ich sehe erst einmal nur die (wenig subtile) Matrix der machtgesteuerten “Megamaschine” (Mumford), deren Blaupause sich seit 5000 Jahren in unsere biologische, psychische und soziale Autopoiesis eingeschrieben hat; und die sich durch die Einführung des Geldes (vor 2500 Jahren9 und dann die von Wissenschaft und Technik (vor 400 Jahren) nur noch verfeinert hat.

  10. hmm … ich meinte im Kontext der Kultur das Anfassbare, nicht das Anfassen. Und kulturell meine ich natürlich anfassbare Artefakte, also keine Finger, kein Rechnen, keine Relationen, keine Macht sondern die anfassbar-hergestellte Welt als Kultur, egal ob sie UNS oder einzelne von UNS glücklich macht.
    Diese Differenz bezeichne ich mit Natur/Kultur, aber nicht so wie Freud, der seine Kultur als (un)-glückliche oder unbehagliche Sublimation begreift, sondern invers so, dass Natur als zunächst nicht markierte Seite der Kultur erscheint.
    na ja, ist wirklich etwas weit weg, sorry – ich wusste wieder mal nicht, wie mit der WIR-Kultur-Perturbation umzugehen.

  11. http://www.harrylehmann.net/neu/wp-content/uploads/2013/02/Harry-Lehmann_Die-Demokratisierung-der-Hochkultur.-U%CC%88ber-die-Leerstelle-einer-autonomen-Kunstkritik.pdf
    und noch zur anderen mehr geistigen Seite, habe ich gerade gelesen: “Von Hochkultur ist kaum mehr die Rede und dennoch weiss man sofort, was hiermit gemeint ist: Oper …” Ich hätte sofort an etwas ganz anderes gedacht … aber eben😉

  12. „Wer ist in unserer Kultur für das Anfassbare zuständig?“ Ich versuche mal, diese Frage für mich fassbar zu machen.

    „Natur als zunächst nicht markierte Seite der Kultur“: Wenn man „Kultur“ in diesem weitesten Sinn gebraucht, dann ist „Natur“ zunächst nichts als ein Kontinuum von chaotischer, un-fassbarer, über-mächtiger und angsteinflößender Dynamik. Eine Erfahrung, die zweifellos am Beginn der Menschwerdung steht (vgl. auch Kant in der Kritik der Urteilskraft über das „Erhabene“).

    Kultur verwandelt dieses unfassbare, übermächtige Kontinuum dann aber in einem zunächst kurz-geschlossenen (kybernetischen) Kreislauf von „Unterschiede registrieren“ / „Unterschiede bewirken“ (oder Kognition / Volition) QUA BINÄRER CODES (schließen / öffnen) in Diskontinuierliches, DIGITALES, Fass-bares: in kognitive Strukturen auf der einen Seite, denen auf der anderen Seite notwendig immer auch materielle, sinnlich hier-und-jetzt AN-FASSBARE Strukturen entsprechen (Werkzeuge, Waffen, Musikinstrumente, Pinsel, Behälter,… auch der eigene Leib ebenso wie der fremde Körper). Dies ist die TECHNISCHE Seite von Kultur (i. w. S.).

    Zugleich müssen die Strukturen notwendig aber immer auch NICHT-ANFASSBAR (unsinnlich, unanschaulich) sein, insofern sie ja, jedenfalls unter Beobachtern, immer auch in (sachlichen und sozialen) RELATIONEN gesehen werden müssen. Dass sich dies in tragfähigen, kohärenten Mustern vollzieht, das leistet die SCHÖPFERISCH-MIMETISCHE Seite (= Kultur im engeren Sinn als Tradieren, Pflegen, Erneuern und Vergessen). Es geht hier nicht darum, die chaotischen Dynamiken digital in unterscheidbare Einheiten zu zerlegen, sondern sie ANALOG nachzubilden, sich ihnen oszillierend anzuschmiegen. Dazu braucht es Beobachter, die sich an inneren Bildern, Homologien und Geschichten orientieren, um sie in Dialogen mit vielen anderen Beobachtern so abzugleichen, dass eine tragfähige, polykontexturale Realität entsteht, die die Beteiligten darüber hinaus als „glücklich“ zu beschreiben bereit sind.

    Wenn diese Realität auch nachhaltig sein soll, die Beobachter also sich dabei nicht unversehens die eigenen Ressourcen abgraben wollen, dann müssen sie sich dabei letztlich immer AUF SINNLICH ANFASSBARES RÜCK-BEZIEHEN (können). Darin liegt für mich die Bedeutung der eingangs formulierten Frage.

    Früher, zu Beginn der Moderne, konnte man vielleicht noch sagen, für das Anfassbare seien Ingenieure, Künstler und Ärzte zuständig; Männer wie Leonardo verkörperten noch beide Seiten, die technische und die mimetische. Heute wird das eher fraglich. Heute sind wir letztlich ALLE zuständig für das Anfassbare, indem wir uns in Begegnungen auf das Ko-Emotionieren konzentrieren und uns dabei einerseits auf den eigenen Leib rück-beziehen bzw. darauf, wie wir ihn nach außen per Sprache, Mmimik etc. präsentieren; andererseits darauf, was wir in der Sprache, Mimik etc. des Gegenüber lesen können.

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