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Wie verändert die Digitalisierung unser Denken und unseren Umgang mit der Welt?

June 1, 2014

Gute Frage! 3 Thesen: Digitalisierung heißt erstens, dass wir es im Medium elektronischer Medien mit Bildschirmen zu tun bekommen, die uns Zugänge zu “unsichtbaren Maschinen” (Niklas Luhmann) versprechen und damit den religiösen Gedanken einer Oberfläche, die eine Tiefe verbirgt, rekonfigurieren. Digitalisierung heißt zweitens, dass wir in elektronischen Medien im Allgemeinen und sozialen Netzwerken im Besonderen täglichen Anschauungsunterricht in Sachen Netzwerkdynamik erhalten. Digitalisierung heißt drittens, dass wir es mit einem neuen Überschusssinn der Kommunikation zu tun bekommen (Niklas Luhmann), der jenseits dessen liegt, woran wir uns in den Medien der Sprache, der Schrift, des Buchdrucks und der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien (Macht, Geld, Liebe, Wahrheit, Recht, Glauben, Kunst) bereits gewöhnt haben, ohne es deswegen auch bereits begriffen zu haben.

Weiterlesen… Digitalisierung_3Thesen

Beitrag zur Podiumdiskussion der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit Friedrich Hesse, Matthias Kiesselbach, Claus Pias und Rudolf Stichweh, Bonn, Kunstmuseum Bonn, 4. Juni 2014

13 Comments
  1. Reblogged this on Ich sag mal.

  2. ArndKulow permalink

    These 1 ist bedenkenswert, mir aber etwas zu metaphysisch … sorry😉

    These 2 ist für mich nicht mal metaphysisch, sondern eher ein nettes persönliches Apercu.

    Von These 3 bin ich total begeistert:

    Ja, es ist jetzt ganz deutlich geworden was “Kontrollüberschuss” heisst.

    Ja, es ist auch deutlich geworden das wir alle diesem Phänomen noch hilflos gegenüberstehen. (12000 Anträge bei Google sind ja bestenfalls ein Anfang … wovon auch immer.)

    Im Wort “Kontrollüberschuss” kondensiert dies alles. Ich freue mich sehr über diesen Begriff, weil er so neutral ist. So kann er in der gesellschaftlichen Diskussion, die ihn nun hoffentlich bald entdeckt, um die verschiedensten Perspektiven angereichert werden.

    ( Ob sich eine Gesellschaft eine Kultur “zurechtlegen” kann oder ob die Kultur die Gesellschaft “zurechtlegt” oder beides, ist für mich fraglich aber zweitrangig.)

    Die Folgerung jedenfalls, dass wir zusätzliches Wissen über “Formen, Spiele und Systeme” brauchen, halte ich für eminent richtig.

    I

  3. Ob das alles ist, wie Digitalisierung “unser Denken” verändert?
    (Erstens) Alles fasziniert, was sich per Knopfdruck bedienen lässt. Automatisierungen haben die Menschen immer schnell eingefangen. Die spezifisch psychischen Bindungskräfte des Digitalen haben aber weit weniger mit der “Tiefe” als mit der Oberfläche zu tun, also mit den Effekten. Eine religiös-mystische, dunkle Tiefe scheint die Tiefe des Maschinellen genau nicht zu sein, so dass nicht das Innere der Maschine fasziniert, sondern nur die Magie seiner Oberflächen sowie dessen, was dort auf Knopfdruck geschieht.
    (Zweitens) Die “Netzwerkdynamik” wird, scheint mir, nicht besonders “tief” erfahrbar. Mir scheint es eher so zu sein, dass sich die Hyperbeln, die in den Netzen wirken, regelmäßig jedes anschaulichen Begreifens entziehen. Da kann man noch so ausgiebig in den Communities aktiv sein – wie sich die Impulse durch die Vernetzung verstärken und verbreiten, geht niemandem anschaulich in den Schädel, auch nicht wenn man auf die bekannten Aktivitäts-Graphiken schaut. Was die Psychodynamiken der modernen Gesellschaften angeht, würde ich zustimmen, dass sie nirgends so sichtbar werden wie im Internet, aber ihre zeitweise immense Wirsamkeit scheint eher etwas rätselhaft zu sein.
    (Drittens) Im Internet gibt es von allem mehr, auch mehr Kontrollmöglichkeiten, allerdings sind diese Kontrollmöglichkeiten nicht wie Bilder, Videos oder Musik für jeden gleichermaßen verfügbar, vielmehr ist der “Kontrollüberschuss” nur für die Plattformveranstalter und deren “Kontrollmöglichkeitskunden” gegeben. Die Nutzer erleben einen “Kontrollverlust” bis zu dem Punkt, wo das “internet kaputt” sei. Der Kontrollverlust, nicht der Kontrollüberschuss führt dazu, dass “wir jetzt zusätzlich ein Wissen um Formen, Spiele und Systeme” benötigen. Ob das gleich “unser Denken” ändert? Es bedeutet nur, dass man sich im digitalen Kosmos auch wieder so verhält wie z.B. bisher in der Firma, in Dörfern oder Vereinen, d.h. man muss eben aufpassen, was man wem und wo laut sagt und was man nur im Privacy-Modus Vertrauten mitteilt. Neu ist das nicht, es ist lediglich eine Enttäuschung, weil das Netz für eine kurze Zeit wie die Utopie eines unkontrolliteren, ” herrschaftsfreien” Kommunikationsraums aussah.

  4. Um wie viel Uhr findet die Podiumsdiskussion im Bonner Kunstmuseum statt. Konnte auf der Website des Museums nichts finden. Link wäre hilfreich.

  5. Eine Audiovision der gestrigen Diskussion gibt es schon mal hier: https://soundcloud.com/gsohn/zukunftsverlust-in-der-digitalen-gesellschaft-dfg-diskurs-in-bonn Bericht folgt auf ichsagmal.com

  6. Ein wichtiger Punkt bei der Digitalisierung, der mir in Ihrem Beitrag, Herr Baecker, zu kurz kommt, ist für mich die forcierte Entkörperlichung von Wissen(sgenerierung) und Kommunikation. Sie verstärkt in einem bisher nicht gekanntem Ausmaß das seit Beginn der Moderne zu beobachtende Auseinanderdriften der technischen und der mimetischen Seite unserer in-Sprache erzeugten Lebenswelt. Damit wächst die Verführung zu einseitiger, parasitärer Machtausübung bzw. umgekehrt zur ohnmächtigen Hinnahme solcher Konstellationen und droht, in eine Spirale von Sucht und Erschöpfung zu münden.

    Wir übersehen leicht – und die Digitalisierung tut das Ihrige dazu – , dass Sprache Handeln ist, Sprach-handeln. Sprachhandeln ist (mit Maturana) ein „Strömen“; und zwar „ein Strömen in konsensuellen Koordinationen von konsensuellen Koordinationen von Verhalten.“ Sprachhandeln „strömt“ in zwei zusammengehörenden, sich gleichwohl nicht überschneidenden Bahnen gleichzeitig. Man könnte von der Oberflächen- bzw. der Tiefenstruktur von Sprache sprechen; Heinz von Foerster spricht von Sprache als Erscheinungsform bzw. als Funktion. Ich schlage vor, von Technik und Mimesis zu sprechen.
    — Unter ihrem technischen Aspekt kombiniert Sprache „eingefrorene“ Verhaltenskoordinationen; sie ist denotativ, erscheint als Monolog, macht Welt hier und jetzt handhabbar, verleiht daher Macht über Menschen und Dinge, vor allem dem, der sie „überschießend“ kontrolliert.
    — Unter ihrem mimetischen Aspekt löst Sprache dagegen Kontinuierliches in Diskontinuierliches auf, ist konnotativ und erscheint als schöpferischer Dialog; Mimesis bereichert Welt um neue Möglichkeiten und macht sie so überhaupt erst verstehbar und bedeutsam.

    Das, was beide Ströme letztlich immer wieder zusammenführt oder zusammenhält, ist das gegenseitig reflektierte (gespiegelte) Ko-Emotionieren zweier Individuen, die dadurch erst zu „Beobachtern“ werden; zwei Beobachter, die sich ihre Ressourcen nicht nur gegenseitig zur Verfügung stellen, sondern sie gleichzeitig auch hervorbringen. Sprachhandeln wird so zum Medium, in dem sich psychisches, soziales und biologisches System ko-produzieren.

    Beide Aspekte, Technik und Mimesis, sind letztlich untrennbar miteinander verflochten, müssen aber dennoch sorgfältig unterschieden werden. Digitalisierung treibt die Trennung voran, macht sie überdeutlich sichtbar und spürbar, zerreißt gewachsene Lebenswelten. Wenn wir dabei nicht unversehens in die o. e. Spirale geraten wollen, müssen wir lernen, beide Aspekte noch sorgfältiger als bisher zu unterscheiden, ohne aber die Möglichkeit ihrer Einheit aus dem Blick zu verlieren. Nicht nur auf den praktischen Systemiker, auch auf die die Systemtheorie, soweit sie Systeme mit den Augen eines körperlosen Beobachters beobachtet, kommen damit neue Herausforderungen zu.

    siehe hierzu im Einzelnen auch:
    http://www.das-muster-das-verbindet.de/kybernetik-zweiter-ordnung/digitalisierung-im-spannungsfeld-von-technik-und-mimesis/

    • Auffallend ist, das diese Herausforderungen strukturell die gleichen sind, die wir im Umgang mit Theorie und Gesellschaft bei der Einführung der Schrift und des Buchdrucks beobachten können (McLuhan, Havelock, Ong, Goody etc.) und bei der Einführung der Sprache vermuten dürfen (Lévi-Strauss). Immer wieder neu geht es darum, die “phatische Kommunion (Malinowski), das “Ko-Emotionieren”, gegenüber Techniken zu verteidigen und zu reinstallieren, die Wort und Ding, Information und Mitteilung, Mitteilung und Verstehen auseinanderziehen. Diesem Auseinanderliegen verdanken wir unsere analytischen Fähigkeiten. Ihr Preis ist eine gewisse, bei Bedarf auch steigerbare Distanz.

      • Ja, die Parallelen sind offensichtlich. Die „Herausforderungen“ bestanden sicher auch schon bei der Einführung der Sprache. Und im Ansatz wohl auch schon vorher, in der mimetischen Kultur (M. Donald), wenn man unterstellen darf, dass hier erstmals „Beobachter“ auftraten, die bewusst ihr Zusammenleben inszenierten und aufführten. Der Mensch war sich daher seit jeher ein immer wieder neu zu lösendes Rätsel. Und das ist auch gut so. Gefährlich wird es dann, wenn das Rätsel kein Rätsel mehr bleibt.

        Genau das sehe ich in der Moderne. Die Parallelen sollten uns nicht dazu verführen, die Augen vor dem qualitativ Neuen zu verschließen, das die Moderne, erst recht im Zuge der Digitalisierung, mit sich bringt. Dieses Neue liegt m. E. zum einen darin, dass die Technologien es erstmals ermöglichen, dass wir durch sie unsere eigenen Ressourcen irreversibel zerstören. Zum anderen darin, dass Technologie mit dem Kommunikationsmedium „Geld“ ein amalgamartige Verbindung eingeht; und dass dieses Medium sich zu einem – Gesellschaft konstituierenden – Super-Code entwickelt, der sich global durchzusetzen und tendenziell alle Lebensbereiche zu durchdringen scheint. Oder sehe ich da Gespenster?

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