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Zukunftsfähigkeit | 26 Thesen zur nächsten Gesellschaft

July 2, 2013

letzte Aktualisierung: April 2018

16 Thesen zur Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft, in: Revue für Postheroisches Management, Heft 9 (2011), S. 8-9; erweitert auf 26 Thesen

(1) Die nächste Gesellschaft unterscheidet sich von der modernen Gesellschaft wie die Elektrizität von der Mechanik. Schaltkreise überlagern Hebelkräfte. Instantaneität erübrigt Vermittlung. Wo der Buchdruck auf Verbreitung setzt, rechnen die Computer mit Resonanzen. Die Dynamik der Moderne, die wahlweise als Fortschritt oder Dekadenz lesbar war, löst sich auf in Turbulenzen, die nur noch Singularitäten kennen.

(2) Die Strukturform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr die funktionale Differenzierung, sondern das Netzwerk. An die Stelle sachlicher Rationalitäten treten heterogene Spannungen, an die Stelle der Vernunft das Kalkül, an die Stelle der Wiederholung die Varianz.

(3) Die Kulturform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr das Gleichgewicht, sondern die Komplexität. Identitäten werden nicht mehr daraus gewonnen, dass Störungen sich auspendeln, sondern daraus, dass Abweichungen verstärkt und zur Nische ausgebaut werden. Gleichgewichte sind leere Zustände; sie warten auf die nächste Störung. Komplexe Identitäten sind von sich aus unruhig; sie verschwinden, wenn sie keinen Anschluss finden.

(4) Die Zeit der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr die der ewigen Wiederkehr noch die eines sich erfüllenden Schicksals oder gar des Fortschritts. Stattdessen handelt es sich um eine Zeit des Zerfalls, der Entropie, als Voraussetzung des Aufbaus einer vorübergehenden Ordnung, einer Negentropie.

(5) Die Integrationsform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr der Tausch als Form einer immer wieder neu auszuhandelnden Reziprozität, das Schicksal als eine Erinnerung der Handelnden an die Ordnung, in der sie stehen, oder die Geschichte in ihrer Gegenwart als Fortschritt oder Dekadenz, sondern die unbekannte Zukunft in ihrer Gegenwart als Krise. Solange man nicht weiß, wie es weitergeht, vergewissert man sich eines Stands der Dinge, auf den kein Verlass ist.

(6) Die Politik der nächsten Gesellschaft ist militärisch, ökonomisch und ökologisch konservativ. Die Macht, die ihr bleibt, ergibt sich aus der Überzeugungskraft des Status Quo. Sie liefert die Adressen, an die man sich wendet, wenn man einen Überblick behalten möchte, der nicht mehr möglich ist.

(7) Die Wirtschaft der nächsten Gesellschaft jagt von Asymmetrie zu Asymmetrie. Es geht darum, Zeit zu gewinnen. Wirtschaften heißt, seinem Kapital einen Schritt voraus zu sein.

(8) Die Form des Konsums ist in der nächsten Gesellschaft nicht mehr die Reziprozität, die Tugend oder die Konformität, sondern der Stil. Er setzt die wiederholbare Konsumentscheidung eines Individuums in Relation zu ihrer digitalen Berechenbarkeit und analogen Unberechenbarkeit, zu einer Konformität, die ihre Protokolle ausreizt, und zu einer Devianz, die fragile Idiosynkrasien testet.

(9) Die Kunst der nächsten Gesellschaft ist wild und dekorativ. Sie zittert im Netzwerk, vibriert in den Medien, faltet sich in Kontroversen und versagt vor ihrer Notwendigkeit. Wer künstlerisch tätig ist, sucht für seinen Wahn-Sinn ein Publikum. Die Kunst der nächsten Gesellschaft ist leicht und klug, laut und unerträglich. Sie weicht aus und bindet mit Witz; sie bedrängt und verführt. Ihre Bilder, Geschichten und Töne greifen an und sind es nicht gewesen.

(10) Die Wissenschaft der nächsten Gesellschaft ist poetisch und mathematisch. Sie entwirft und berechnet das autonome Objekt. Sie allein ist zuständig für das Neue. Ihre Mathematik einer rekursiven Komplexität tritt an die Stelle der Geometrie, des Differentials und Integrals.

(11) Die Religion der nächsten Gesellschaft ist großartig und gnadenlos. Sie berichtet von einer Welt, die umso fremder auf den Menschen zurückschaut, je weiter dieser in sie hineinschaut.

(12) Die Erziehung der nächsten Gesellschaft bleibt ratlos. Sie verlässt sich auf eine Zweiseitenform, der gemäß wichtig nur sein kann, was nicht in der Schule vorkommt.

(13) Die Liebe ist auch in der nächsten Gesellschaft flüchtig. Ihre Form ist nicht mehr eine Frage der Gelegenheit, des Begehrens oder der Leidenschaft, sondern der Rücksichtnahme. Die Familie ist der Ort, der die Heimkehr ermöglicht, die Sehnsucht weckt, die Treue problematisiert und in ihrer Hartnäckigkeit nur von ihrer Zerbrechlichkeit übertroffen wird.

(14) Die Organisation der nächsten Gesellschaft ist kenogrammatisch. Sie definiert Leerstellen, die jederzeit anders besetzt werden können. Sie motiviert zu einer Arbeit, die nur in diesem Moment nicht austauschbar ist. Sie engagiert sich für Produkte, die den Kunden binden, indem sie ihn freisetzen.

(15) Die Technik der nächsten Gesellschaft macht die Welt zur Prothese ihrer selbst.

(16) In der nächsten Gesellschaft sucht das Recht den Konflikt nicht mehr nur in der Moral, im Gesetz oder im Argument, sondern im Datum und seiner Verknüpfung.

(17) Die Reflexionsform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr die Magie, die Macht oder das Geld, sondern die Information. Religion, Politik und Wirtschaft treten ihre Orientierungsleistung an die Massenmedien ab. Die Allianz von Nachricht, Werbung und Unterhaltung wird paradigmatisch wichtiger als die Kommunikation mit abwesenden Göttern, die Einschränkung der Willkür und die Stabilität der Instabilität.

(18) Das Individuum der nächsten Gesellschaft spielt, wettet, lacht und ist ratlos. Es zählt wie in der Stammesgesellschaft, fühlt wie in der Antike, denkt wie in der Moderne und muss sich dennoch jetzt und heute an der Gesellschaft beteiligen. Es vergewissert sich seiner Gruppe, träumt von seinem Platz, berechnet seine Chancen und erlebt, wie bereits die nächste Verwicklung es überfordert.

(19) Die Moral der nächsten Gesellschaft wird darin bestehen, auf die Unanschaulichkeit dieser Gesellschaft mit Augenmaß zu reagieren. Die Ethik der nächsten Gesellschaft sucht nicht mehr das gute Leben, nicht mehr die vollkommene Tugend und auch nicht mehr die mögliche Anklage gegen das eigene Leben (das gute Gewissen), sondern das im Wortsinn einwandfreie Handeln. Ethisch einwandfrei ist das Handeln, dem alle Betroffenen, würden sie gefragt, zustimmen könnten.

(20) Die Negationsform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr der Rausch, das Ideal oder die Destruktion, sondern das Ressentiment, die Transformation einer Unmöglichkeit in eine Möglichkeit. Sie ist so unberechenbar produktiv wie jede Negationsform; und dies nicht etwa, weil sie nicht wüsste, was sie tut, sondern weil niemand weiß, welche Reaktionen sie heraufbeschwört.

(21) Der Sport der nächsten Gesellschaft reizt hart an der Schwelle zum Doping und zur Prothese die Plastizität des menschlichen Körpers aus. In kleinste Einheiten zerlegt, um statistisch vielfältig ausgewertet werden zu können, geht es um Wettbewerbe in Wettbewerben in Wettbewerben. Noch immer jedoch begegnet der Sportler unvermeidlich auch sich selbst.

(22) Der Tod ist in der nächsten Gesellschaft nicht mehr der Abschied zu den Ahnen, nicht mehr der Platzwechsel aus dem Diesseits ins Jenseits und auch nicht mehr das finale Gleichgewicht, dem keine Unwahrscheinlichkeit mehr abgetrotzt werden kann, sondern ein unvollständiger Löschvorgang, der Spuren hinterlässt, die zu keiner Einheit mehr zusammengesetzt werden können.

(23) Die Gesundheit ist in der nächsten Gesellschaft die Kontingenzformel schlechthin auf die menschliche Existenz. Niemand ist je wirklich gesund, so dass jeder Identitätsmerkmale frei Haus geliefert bekommt, die jedoch umso weniger zur Identität beitragen, je deutlicher sie als Krankheitsmerkmale definiert sind, die ganze Populationen kennzeichnen.

(24) Die Architektur der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr nur die von Innen und Außen (die Höhle), Oben und Unten (der Palast), Erreichbar und Unerreichbar (der öffentliche und der private Raum), sondern die des Labyrinths. Optimiert wird die Redundanz des Redundanzverzichts. An jeder Ecke wird neu ausgehandelt, welche Überraschung an der nächsten Ecke zu erwarten ist.

(25) Stammeskulturen hatten Vertrauen in die Magie, antike Hochkulturen in die Götter und die Moderne in die Technik. Die nächste Gesellschaft hat nur noch Vertrauen in das Design. Das Design ermöglicht beides, eine Beobachtung im Umgang mit der Welt und eine Beobachtung der Beobachter im Umgang mit der Welt. In dieser doppelten Funktion tritt es an die Stelle der Magie, der Götter und der Technik, ohne diese restlos zu ersetzen. Es übernimmt Aspekte dieser früheren Mechanismen der Ungewissheitsabsorption und entwickelt sich nur in der Hinsicht über sie hinaus, als es bestimmte Aspekte der Vernetzung von Mensch, Umwelt, Technik und Gesellschaft reflexiver behandelt, als dies möglicherweise früher der Fall war.

(26) Der Witz in der nächsten Gesellschaft betrifft nicht mehr nur das glücklich daneben gehende Wort (inklusive der Flüche, die die Reichen treffen), die Wiedererkennung in der Metamorphose (inklusive der Tragik, die darin liegt, nicht mehr zurück zu können) und die scharfsinnig gefundene unwahrscheinliche Verbindung (inklusive der Melancholie, damit nicht weiterarbeiten zu können), sondern auch den Kurzschluss, der eine Welt begründet (und niemand weiß, wie lange).

13 Comments
  1. Thanks for finally talking about >Zukunftsfähigkeit | 22 Thesen zur
    nächsten Gesellschaft | The Catjects Project <Liked it!

  2. PiaKoni permalink

    Das ist so weltfremd, dass es beinahe schön klingt. Die nächste Gesellschaft ist eine der Gewalt, des erneuten, aber permanenten Rückfalls in die Barbarei, die nicht gestoppt werden kann, weil ihre Protagonisten nicht nur quantitativ der Zivilisation überlegen sind, sondern auch alle irdischen Bedürfnisse, bis hin zum eigenen Leben, verleugnen. Wir werden uns die traurige Moderne noch zurückwünschen.

  3. “(1) Die Dynamik der Moderne, die noch als Geschichte, Fortschritt und Dekadenz lesbar war, löst sich in Turbulenzen auf, die nur noch Singularitäten kennt.”
    — Kollektivsingularitäten?

    “(4) Die Integrationsform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr die Geschichte in ihrer Gegenwart als Fortschritt oder Dekadenz, sondern die unbekannte Zukunft in ihrer Gegenwart als Krise.”
    — Geschichte als Integrationsform ist eine spannende Idee. Gibt es dazu weitere Fachliteratur? Ich suche aktuell nach Geschichtstheorie(n), die zwar schon alt, aber immer noch aktuell sind.

    Verstehe ich die Punkte (1) und (4) falsch, wenn ich formuliere: (a) die nächste Geschichte kennt nur noch die unerreichbare Gesellschaft? Und (b) die nächste Gesellschaft kennt keine Geschichte mehr, sondern nur noch Geschichten? https://historiologie.com/

  4. Sehr geehrter Herr Baecker,

    könnte es sein, dass in der nächsten Gesellschaft – die schon längst vibriert – von Erziehung auf Sozialisation [absichtslose Erziehung] umgestellt wird/wurde?

    Ich frage mich seit längerem, wie wohl die Schule der nächsten Gesellschaft aussehen wird bzw. aussehen könnte. Ich denke/glaube/schätze, dass es (noch) eine gemeinnützige, entgeld(t)lose Plattform benötigen wird, die die Sprache der Mathematik als Sprache erlernbar macht – damit wir die maschniellen Maschinen besser als bisher zu verstehen lernen. Dies würde allerdings bedeuten, dass die virtuelle Raum den analogen Ort der Schule künftig ersetzen würde.

    Was meinen Sie?

    Viele Grüße, Historionaut

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