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Der blinde Fleck des “Kapitalismus”

Über Joseph Vogls Buch “Der Souveränitätseffekt”

Zeitschrift für Germanistik 25, Heft 3 (2015), S. 636–642

Die rätselhafte Ontologie des öffentlichen Kredits, das Mysterium eines allzu fungiblen Geldes, die politische Sensibilität des Finanzwesens und damit das Monstrum der Zentralbanken entschlüsseln sich, sobald man die immer wieder neu umstrittene Arbeitsteilung in den Blick nimmt, innerhalb derer sich Politik und Wirtschaft, gerahmt von Erziehung, Kunst, Recht, Religion und Wissenschaft, über gegenwärtig aussichtsreiche Zukünfte und die erforderliche Vorsorge für diese auseinandersetzen.

Joseph Vogl regt eine Debatte über die Singularität des modernen Finanzwesens an, die nur geführt werden kann, wenn man das Bild eines allzu entschiedenen Kapitalismus durch das Bild einer zukunftsoffenen Gesellschaft ersetzt. Machenschaften des Kapitals bleiben auch hier Machenschaften. Jedoch können wirtschaftliche Reichweiten bestimmter gesellschaftlicher Konstellationen und politische Interventionschancen realistischer eingeschätzt werden. Dazu ist es nicht zuletzt erforderlich, das Theorem einer funktionalen Differenzierung der Gesellschaft nicht mit der Idee kulturell homogener und institutionell kohärenter Teilsysteme zu verwechseln. Systeme sind offener, brüchiger und “nachträglicher” (Urs Stäheli) gebaut, als es ihre Rezeption vielfach unterstellt.

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Summer Camp II: Digitalisierung

Das Theorie-Update

Berlin, 9.–11./12. September 2015

REVUE Magazine for the Next Society
revue-magazine.net

und

Prof. Dr. Dirk Baecker
Universität Witten/Herdecke
catjects.wordpress.com

 

Termin, Ablauf, Konditionen (pdf)

 

Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie: diesem Leitsatz folgend, laden wir interessierte Praktiker ein, sich mit den aktuellen Trends und Entwicklungen einer gleichzeitig globalen wie digitalen Netzgesellschaft auseinanderzusetzen.

 

I.

Das digitale Zeitalter, alt und neu (Eric Schmidt und Jared Cohen, The New Digital Age, 2013), ist zugleich ein analoges Zeitalter. Schnelle Rechenprozesse in umfangreichen Datenspeichern mit weltweiter Vernetzung arbeiten mit Schnittstellen, an denen heterogene Prozesse von Technik, Natur, Bewusstsein und Gesellschaft verschaltet, aber nicht verschmolzen werden. Digitale Konnektivität trifft auf analoge Komplexität. Big Data, die digitale Agenda, Industrie 4.0 und Arbeitswelt 4.0 treffen auf eine Bürgergesellschaft, eine App-Democracy, Creative Commons, eine Sharing Economy, ein agiles Projektmanagement, ein Crowdsourcing von künstlerischen Projekten, eine Online-Erziehung, virtuelle Kirchen, Cyberwars und terroristische Netzwerke. Im Gegensatz zur mechanischen und maschinellen Technik der modernen Gesellschaft, die im Medium der Kausalität funktioniert, verknüpfen die elektronischen Informations- und Kommunikationstechnologien der nächsten Gesellschaft prinzipiell autonome Prozesse, die ihre Unabhängigkeit steigern, indem sie sich auf selektive Abhängigkeiten einlassen.

Schon 1990 schlug Kevin Kelly (Out of Control) vor, nicht von Computern, sondern von Konnektoren zu sprechen. Terry Winograd und Fernando Flores (Understanding Computers and Cognition, 1986) warnten davor, sich in Fragen des Computerdesigns auf die rationalistische Tradition der Symbolverarbeitung zu verlassen; stattdessen gehe es darum, strukturelle Kopplungen zu studieren, die nur anhand von Zusammenbrüchen und damit eher hermeneutisch sichtbar werden. Hermeneutik heißt hier, im Medium des Sinns mit Perspektivendifferenzen zu rechnen. Gotthard Günther sprach davon, dass wir nicht mehr im magischen Zeitalter mit seiner Vorstellung unendlich vieler Freiheitsgrade und nicht mehr in der abendländischen Hochkultur mit seinem Traum rationaler Serien ohne jeden Freiheitsgrad, sondern in einem planetarischen Zeitalter leben, in dem uns jeder physische, organische, neuronale, mentale und soziale Prozess mit einer moderaten, laufend zu gestaltenden Zahl von Freiheitsgraden begegnet (Die Entdeckung Amerikas, aus dem Nachlass hrsg. von Kurt Klagenfurt, 2000; vgl. zu Günther auch Kurt Klagenfurt, Technologische Zivilisation und transklassische Logik, 1995).

 

II.

Während täglich neue Praktiken entwickelt werden, analoge und digitale Prozesse im Medium operationaler (sequentieller) und struktureller (nicht-linearer) Kopplungen miteinander zu verschalten und zu verrechnen, hinkt die Theorie den hier zu begreifenden Sachverhalten hinterher und kann auch das Management von Organisationen, Projekten und Teams nur adhokratisch reagieren, allenfalls abgesichert durch die populationsökologische Maxime, das, was andere tun, spätestens dann auch selber zu tun, wenn hinreichende Erfahrungen vorliegen, um wissen zu können, worauf man sich einlässt.

Eine Theorie der Digitalisierung bedarf eines analogen Ausgangspunkts. Ein nicht mehr nur modern-rationales, sondern zeitgenössisch-agiles Management bedarf eines Grundverständnisses heterarchischer Polykontexturalität, in intuitiven Praktiken notgedrungen, auch fasziniert zwar längst realisiert, doch sprachlos, unthematisiert und damit auch unreflektierbar. Die Systemtheorie hat einen ganzen Kranz von Konzepten formuliert (Homöostase, Black Box, Selbstorganisation, Autopoiesis, Nicht-Trivialität und Beobachtung zweiter Ordnung), die streng genommen bereits in einer Verschaltung analoger und digitaler Prozesse eine ihrer Pointen haben. Sie scheinen in einer Idee konvergieren, die möglicherweise geeignet ist, einer Theorie der Digitalisierung sowie einem reflexiven Management auf die Beine helfen. Diese Idee ist George Spencer-Browns Kalkül von Bezeichnungen, ausgehend vom Konzept der Form einer Unterscheidung (Laws of Form, 1969).

Bereits der Ausgangspunkt ist nicht nur digital und analog, sondern unterscheidbar in digital und analog. Die mark of distinction,

,

ist digital, indem sie eine Seite der Unterscheidung von der anderen Seite unterscheidet. Und sie ist analog, indem diese Unterscheidung einen Zusammenhang definiert. Sie ist das Ergebnis der Operation (cross) eines Beobachters, der die Unterscheidung trifft, die dann markiert wird. Die Unterscheidung bedingt (konditioniert), dass man nur auf der Innenseite mit weiteren Operationen anschließen kann oder auf der Außenseite eine weitere Unterscheidung treffen muss, für die dasselbe gilt. Der Zusammenhang verdankt sich dem Umstand, dass die Unterscheidung das Unterschiedene sowohl negiert als auch impliziert (zumindest, wenn man sie logisch interpretiert).

 

III.

Schon zu kompliziert? Dann arbeiten Sie mit in unserem Summer Camp. Wir entwickeln einen pragmatischen Kalkül der Kommunikation, der sich sowohl für Zwecke einer Theorie der Digitalisierung als auch für ein Formkalkül des Managements eignet. Für diesen pragmatischen Kalkül halten wir uns an Paul Watzlawick, Janet H. Beavin und Don D. Jackson, die bereits gezeigt haben, dass man Widersprüche braucht, um analoge Komplexität aufzubauen, und vermutlich erst im Anschluss das Risiko eingehen kann, auch digitale Konnektivität aufzubauen (Menschliche Kommunikation, S. 43f. und 61ff., mit einer etwas anderen Verwendung des Begriffs der Komplexität). Gotthard Günther hätte vielleicht empfohlen, nur anzunehmen, was man auch ablehnen kann; jedenfalls hat er in diesem Gedanken seine operative Dialektik der Subjektivität verankert, ohne die wir hier nicht auskommen werden.

Intuitiv haben wir die entsprechenden Modelle schon gebaut. Man kann Prozesse des Organisierens mit Referenz auf Niklas Luhmann systemtheoretisch formalisieren:

.

Man kann sie mit Referenz auf Harrison C. White auch netzwerktheoretisch formalisieren:

.

In beiden Fällen hat man es mit der Entfaltung eines analog verschachtelten und digital errechenbaren Zustands zu tun, der als Eigenwert einer rekursiven Funktion verstanden werden kann und sich in der Dynamik der Beobachtung zweiter Ordnung ebenso chaotisch wie iterativ (wenn das geht) reproduziert.

Man kann einen Schritt weitergehen und es ausgehend von

dem Beobachter überlassen, wo er anfängt und aufhört. So oder so kann nur der Beobachter entscheiden, was er unterscheidet und was nicht. Und so oder so ist dies im besten Fall nichts anderes als ein Verfahren zur Reflexion “immer schon” und ungeprüft getroffener Unterscheidungen sowie der Möglichkeit, hier die eine oder andere Variation vorzunehmen.

Wir würden allerdings, soviel Einbindung der systemtheoretischen Erfahrungen muss sein, dem Beobachter, der mit uns arbeitet, vorzugeben versuchen, dass seine Form der Unterscheidung im Formkalkül des Managements wie anderer Sachverhalte, m, erst gefunden ist, wenn sie Raum hat für Rekursivität (wiederholbar variierbar), Negativität (decoupling & embedding), Subjektivität (akzeptabel für rejektionsaffine Individuen) und Konnektivität (elektronisch vernetzbar).

Im Anschluss daran (digital) und in der widerspenstigen Kopplung damit (analog) wären wir darauf neugierig, wie sich das Modell Ihrer Organisation, Ihres Projekts, Ihres Teams schreiben lässt. Das Summercamp führt in den Spencer-Brown’schen Formkalkül ein, indem es ihn als ein “starkes” Stück Mathematik begreift (im Sinne Alain Badious), der in die gegenwärtige Theorie und Praxis der Organisation interveniert, indem er uns neue Denkmodelle liefert. Wir setzen nichts voraus, auch nicht die Kenntnis unserer Literaturliste.

 

Der geplante Ablauf der vier Tage sieht wie folgt aus:

Mittwoch, 9.9. – Beginn um 12.30
Überblick: Aktuelle Entwicklungen der Netzgesellschaft und Einführung in das Formkalkül
Ab 19.00 Uhr: gemeinsames Nachdieseln im Kochstudio

Donnerstag, 10.9. – 09.00 bis 18.00 Uhr
Diskussion exemplarischer Modelle, erste eigene Modellentwürfe

Freitag, 11.9. – 09.00 bis 17.00 Ihr
Diskussion der Modelle, Erfahrungen, Variationen

Samstag, 12.9. – 09.00 bis 14.00 Uhr
Auswertung, Konsequenzen und Anschlüsse

 

 

Literatur:

Warren Weaver, Science and Complexity, in: American Scientist 36, Heft 4 (1948), S. 536–544

  1. Ross Ashby, Requisite Variety and Its Implications for the Control of Complex Systems, in: Cybernetica 1, Heft 2 (1958), S. 83–99
  2. E. Emery und E. L. Trist, The Causal Texture of Organizational Environments, in: Human Relations 18 (1965), S. 21–32

George Spencer-Brown, Laws of Form, 1969, Leipzig 2008

Heinz von Foerster, Wissen und Gewissen: Versuch einer Brücke, hrsg. S.J. Schmidt, Frankfurt am Main 1993

Kurz Klagenfurt, Technologische Zivilisation und transklassische Logik: Eine Einführung in die Technikphilosophie Gotthard Günthers, Frankfurt am Main 1995

Humberto R. Maturana, Biologie der Realität, aus dem Englischen von Wolfram K. Köck, Frankfurt am Main 2000

Niklas Luhmann, Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main 1984

Niklas Luhmann, Die Kontrolle von Intransparenz, in: Heinrich W. Ahlemeyer und Roswita Königswieser (Hrsg.), Komplexität managen: Strategien, Konzepte und Fallbeispiele, Wiesbaden 1998, S. 51–76

Niklas Luhmann, Organisation und Entscheidung, Opladen 2000

Harrison C. White, Identity and Control: A Structural Theory of Action, Princeton, NJ, 1992, 2. Aufl. mit neuem Untertitel, How Social Formations Emerge, Princeton, NJ, 2008

Harrison C. White, Markets from Networks: Socioeconomic Models of Production, Princeton, NJ, 2002

David J. Snowden und Mary E. Boone, A Leader’s Framework for Decision Making, in: Harvard Business Review, November 2007, S. 69–76

Dirk Baecker, Die Form des Unternehmens, Frankfurt am Main 1993

Dirk Baecker, Organisation und Störung: Aufsätze, Berlin 2011

Working the Form

George Spencer-Brown and the Mark of Distinction

Published in: The Future Is Here. Mousse Magazine, Supplement Settimana Basileia, eds. Chus Martínez, Philippe Bischof, June 2015, pp. 42–47

A new sign

At issue here is to advocate for a rare event – the introduction of a new symbol. We are all familiar with symbols such as “+”, “-“, “&”, “%”, “§”, “©”, “@”, “𝄞”, “√”, “♂”, “♀” and even, pinnacle of the mysterious, the sign for equals, “=”. We calculate with them, routinely follow their commands and employ them wherever we might use them. Yet only a minute’s reflection suffices and we start to hesitate. Where do we know these signs from and for how long have we known what they mean? How often have we witnessed them, following them but without considering, not even for a minute, their meaning or their distinction? And while we’re at it, what is the story with other puzzling signs such as “1”, “2”, “3” or “a”, “b”, “c”? What do we do when we read “and”? And what is different when we read “or”? Why is it that still today the truth tables of logic have no entry for “yes, but”? And we could pursue this questioning and would not have even left the pertinent circle of a European or even western symbolic universe.

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[und hier nach wie vor in deutscher Sprache]

Ausgangspunkte einer Theorie der Digitalisierung

Das Stichwort der Digitalisierung der Gesellschaft ist in aller Munde. Jeder weiß, was darunter zu verstehen ist. Es spielt an auf eine zunehmende Beteiligung von Computern an privaten und beruflichen Aktivitäten der Menschen, auf eine zunehmende Durchsetzung der Infrastruktur der Gesellschaft mit elektronischen Rechnern, auf das Wachsen von Datenspeichern mit dem Versprechen des Gewinns neuartiger Kenntnisse aus raffinierten statistischen Verfahren (“Big Data”), auf die verblüffende Reduktion multimedialer Kommunikation mit Bildern, Texten, Tönen und Videos auf einen digitalen 0/1-Code, der diese Kommunikation überdies vielfach bearbeitbar macht, und nicht zuletzt auf die große Frage, was den Menschen noch Menschliches bleibt, wenn ihr Intellekt, ihre Wahrnehmung, ihre Kommunikation, ihr Gedächtnis in die Maschinen auswandern. Bleibt ihnen nur das Analoge? Und was wäre das?

Es bleibt ihnen – diese These werden wir im Folgenden kultur- und sozialtheoretisch ableiten, medienarchäologisch unterfüttern und unter Bezug auf den noch unzureichenden Forschungsstand skizzieren – die Beobachtung, Begleitung und Reflexion der Verschaltung des Digitalen mit dem Analogen. Es bleibt ihnen die Beobachtung, Begleitung und Reflexion von Komplexität. Das Feld, auf dem wir versuchen, diese These zu entfalten, ist das Feld der Kommunikationstheorie, verstanden als Theorie ungeplanter und unzuverlässiger Effekte der Vernetzung autonomer Agenten und Agenturen. Auf diesem Feld, das ist die Herausforderung jeder Theorie der Digitalisierung, spielen intelligente Maschinen eine Rolle der Teilnahme an Kommunikation, die noch vor kurzem nur Menschen zugestanden worden wäre. Aber es darf daran erinnert werden, dass vor der Humanisierung der Gesellschaft durch die Aufklärung auch Geistern und Göttern, Tieren und Pflanzen diese Rolle zugestanden worden war. Freilich fiel es einst leichter, diese Rolle weit zu fassen, weil man noch nicht gezwungen war, darüber nachzudenken, was man unter Kommunikation verstanden wissen wollte. Heute sind wir gezwungen, darüber nachzudenken, weil wir das Gefühl haben, an Kommunikation nicht mehr alleine beteiligt zu sein. Und siehe da, dabei kommen nicht nur “unsichtbare” Maschinen in den Blick, sondern es wird auch die Austreibung der Geister und Götter, der Tiere und Pflanzen, ja sogar mancher Rituale, Praktiken und Artefakte zum Thema, die uns einst durchaus etwas zu sagen hatten.

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A Cognitive Differential

A Synopsis of Neurosoziologie: Ein Versuch (An Essay in Neurosociology) (Berlin: edition unseld, 2014)

The main thesis of the book is that sociology must be interested in, and should be able to contribute to, neurosciences the very moment it becomes evident that the anatomy of the brain and the dynamics of neurological systems owe as much to the behaviour of the (human) organism in its natural environment as to the fact that any one brain at a certain moment has to be able to account for other, and possibly similar, brains in its social environment.

The book is written throughout in some hypothetical, if not speculative way. As it is written by a sociologist, references to anatomical detail are avoided almost throughout since any reference of that kind would surpass sociological competence. Instead the argumentation looks as strictly as possible at interfaces mainly between brain and society, introducing the notion of a plurality of brains being found in the environment of any one brain, and here and there also at interfaces between consciousness and brain (being subject to autoepistemic limitation) and between consciousness and society (which here is not our issue).

Currently, there are in sociology attempts to develop a neurosociology starting from the discovery of the utmost importance for human live of positive emotions both cultivated and checked for in small groups and families (e.g., Warren D. TenHouten, David D. Franks, H. Jonathan Turner, Alexandra Maryanski) and approaches to critically observe core assumptions, methodological constraints and journalistic successes in the media of neurosciences by what is called a critical neuroscience (Suparna Choudhury, Jan Slaby). Lacking, however, are attempts to look at the interaction of brain, consciousness and social situation in more complex situations in society. A rich research in the use of language, the listening to music or the formation of habits, however, is emerging which should both be connected to sociological research and supported by it.

The book draws on four sources to look more closely into possible contributions of social situations, i.e. a plurality of other brains and other consciousnesses, to the working of any one brain and consciousness. There is, first, Aleksandr R. Luria’s and the school of Russian cultural psychology (Lev Vygotsky, A. N. Leont’ev) who already looked into “the higher cortical functions in man” and inquired into a possible co-evolution of brain, consciousness and society. There is, second, the discovery of the neo-cortex as a structure continuously constituting, and testing on, anticipations based experiences and memories (Vernon B. Mountcastle’s columnar hypothesis, see also Jeff Hawkins), such that expectations thought by sociology to be established as social structures may find a correlation within nervous systems. Of what nature that correlation might be is of course the crucial question of any neurosociology, which for the time being we can only attempt to find some possible terms for, not to answer. Third, there is second-order cybernetics’ view of the brain of the organism as a system computing information by continuously linking motoric to sensory data (Heinz von Foerster), thus laying the foundations for the understanding of the nervous system as a difference-based system engaged in “predictive coding” (e.g., Sigmund Freud, Chris Frith, Rajesh P.N. Rao/Dana H. Ballard/Yanping Huang, Georg Northoff and others). And there is, fourth and last not least, Immanuel Kant’s philosophy of the necessarily unconditional constitution of reason on the three ideas of categorical subjectivity (autonomy), hypothetical synthesis (framing) and distinction of purpose and means (systems) (Critique of Pure Reason, B378f) which possibly mirrors achievements of the brain to account for the creativity and autonomy of other organisms with brains encountered in its social environment.

The overall purpose of the book is to enable sociology to look more closely at the results of research in neurosciences, to remain sceptical–as it fits sociology’s intellectual temperament–as regards assumptions, metaphors and political recommendations supposedly stemming from that research and to nevertheless contribute to the development of more fruitful experiments on the interdependence of the operations of multiple brains on each other.

The book has 14 chapters. Chapter 1, The Cleft, takes up Rámon y Cajal’s, Sherrington’s and others’ observation that any new discovery within the nervous system bridging functions formerly seen working in isolation means to have to ask for further mechanisms or functions now linking the previous functions, thus strengthening the idea and impression of a rather autonomous working of the nervous system. If we don’t understand it, it at least seems to be able to understand–and organise–itself.

Chapter 2, Cultivated Ignorance, looks at previous attempts to understand a co-evolution of brain and society by scientific approaches at the periphery of the discipline such as Russian cultural psychology and American neurosociology while the rest of the discipline thinks it safe to just assume that humans bring with themselves enough of some nervous, organic and mental complexity–including memory–to be able to participate in society.

Chapter 3, Reading and Writing, collects some intuitive ideas, such as humans being able to read and write, to handle complex language (i.e., the reference problem of any language, see Terrence Deacon) and so on, to shed some light on the question just where to start inquiring into the co-evolution of brain, mind and society. Few instances in the history of philosophy (René Descartes) and sociology (Talcott Parsons) are recalled to understand how the problem of the plurality of brains was both addressed and avoided. The chapter introduces an understanding of ‘complex forms,’ which consists in distinguishing-to-connect systems levels such as the organic, the neural, the mental and the social system.

Chapter 4, Opening and Closure, looks into that highly astonishing and irritating discovery by Johannes Peter Müller–taken seriously by people such as Gustav Theodor Fechner, Hermann von Helmholtz or Jacob von Uexküll–that indeed the nervous system is operationally closed while being materially and energetically closed and links that discovery back to Aristotle’s talking about the soul, Kant’s critique of reason and forward to Heinz von Foerster’s, Humberto R. Maturana’s and Francisco J. Varela’s notion of autopoietic closure of systems such as organisms.

Chapter 5, The Idea of Form, introduces George Spencer-Brown’s idea, notion and calculus of “form” to frame some of the most important issues to deal with in any theory of the brain, which are distal perception by proximal stimulus, auto-epistemic limitation (brain and consciousness not being able to perceive the brain), operational closure and restriction to first-order (“intuition”) and third-order perspectives (“in vitro”) on the brain, lacking any second-order perspective to perceive brain or consciousness as a thou (“in vivo”). Spencer-Brown’s notion of the form of a distinction seems to be able to at least conceive of a type of operation that is able to both close a system by reproducing it and opening it by indicating an outside to any operation of distinction.

Chapter 6, A Teleological Apparatus, continues to work on a form theory of the brain by referring to a hypothesis maintained by Mountcastle (in: Gerald M. Edelman and Vernon B. Mountcastle, The Mindful Brain, 1978)

fig. Mountcastle

as well by many others, including Chris Frith (Making Up the Mind, 2007), of the brain as a purposeful or teleological apparatus, as indicated as well by the idea of predictive coding. Purposes or expectations and the distinction between their confirmation or disappointment enable the brain, or so it seems, to organize itself according to both its inner structure and its continuous scanning of its environment.

Chapter 7, Mobile, Erect and Nude, looks at the brain within the organism and the human within their habitat to begin to understand what kind of work is to be done by the brain. Sigmund Freud’s idea of stimulus discharge (“Reizabfuhr”, from his Entwurf einer Psychologie, 1895)

Abb2.Freud1895

is used to develop a general understanding of the self-organisation of the brain with respect to stimuli both from its natural as from its social environment, taking account of the change of the environment of human beings by walking upright and being nude (which enables human beings to encounter a different intimacy than that among apes and other mammals), yet also stresses those human beings in ways demanding various ways to discharge stimuli.

Chapter 8, Ω (xi, xj), introduces Heinz von Foerster’s (1970) way to account for an organism’s way to compute its environment by projecting any stimulus on a richly structured inner surface

Abb3.vonFoerster

and chapter 9, Gesture, Language, Emotion, follows on that notion to look at three specific types of stimuli computed by the brain, treated as perturbations dealt with by second-order observations that is by attributing those perturbations to other organisms,

§Gleichung1,

supposed to be equipped with brains, that is with intransparent, yet purposeful and memorising self-organisation as well.

Chapter 10, The Kantian Code, discusses what might be gained from Kant’s understanding of the necessarily autonomous working of reason, looking at his understanding of ideas, the synthesis of the manifold and the unconditionally categorical  of subjects, unconditionally hypothetical of series, and unconditionally disjunctive of systems (Kritik der reinen Vernunft, B379).

And chapter 11, Deviant Purposes, follows up on that by discussing sociology’s proper notions of action and experience accounting for the double contingency of human beings encountering each other as autonomous beings due to their intransparent and memorising brains and consciousnesses (“the modern individual”, see Talcott Parsons, Niklas Luhmann).

Chapter 12, Within the Medium of Semiosis, tries to bracket ideas on “subjects” and “objects” to be distinguished in order to conceive of human encounters as a process of shared semiosis dealing with “significant symbols” (Peirce, Mead, Lévi-Strauss, Deacon).

Chapter 13, No Self, looks at notions of consciousness describing it as a function of social action and interaction (William James) rather than as the closure of an individual within itself and chapter 14, Ratchet Effects, looks at evolutionary universals such as the eye, language, social institutions and, indeed, consciousness as presuppositions of any further self-organisation of encounters among brainy beings.

Chapter 15, A Cognitive Differential,

CognitiveDifferential

concludes by describing the form calculus of any one neural operation, Ωri, ξj), as the unity of distinctions between neurons operating in parallel, n, teleological structure (checking the state of the organism), t, variation of that structure, v, and social, s, cultural, k, mental variables, m, and the unmarked state,     , accompanying the reproduction of any form. A sociological theory of the brain should, the book claims, be able to describe the brain as a structure able to both receive and produce the variations needed to deal with a natural and social environment.

See: Alexandr R. Luria, Higher Cortical Functions in Man [1962], 2nd ed., rev. and expanded, New York 1980; Vernon B. Mountcastle, An Organizing Principle for Cerebral Function: The Unit Module and the Distributed System, in: Gerald M. Edelman and Vernon B. Mountcastle, The Mindful Brain: Cortical Organization and the Group-Selective Theory of Higher Brain Function, Cambridge, MA, 1978; Heinz von Foerster, Thoughts and Notes on Cognition, in: Paul L. Garvin (ed.), Cognition: A Multiple View, New York 1970, 25-48; Terrence W. Deacon, The Symbolic Species: The Co-Evolution of Language and the Human Brain, New York 1997; Jeff Hawkins and Sandra Blakeslee, On Intelligence, New York 2004; Chris Frith, Making Up the Mind: How the Brain Creates Our Mental Worlds, London 2007.

Handeln und Erleben in religiöser Gemeinschaft

– Auch ein Versuch zu einer Ethik der leeren Selbstreferenz

Thesenpapier zur Tagung “Form und Formen religiöser Gemeinschaft: Religionswissenschaftliche und systemtheoretische Perspektiven”, Universität Zürich, Theologisches Seminar/Religionswissenschaftliches Seminar, Zürich, 8.–9. Mai 2015

 

Die Rede von einer “religiösen Gemeinschaft” ist ein Pleonasmus. Es gibt nur religiöse Gemeinschaften und jede Gemeinschaft ist religiös. Dies gilt zumindest dann, wenn man sich an die einschlägige soziologische Begrifflichkeit hält. Und nichts spricht dagegen, dies zu tun, solange diese Begrifflichkeit Kriterien liefert, die sich dafür eignen, in der empirischen Forschung eingesetzt zu werden. Wir gehen dieser Begrifflichkeit im Folgenden skizzenhaft nach, um eine Form religiöser Kommunikation identifizieren zu können, die für jede Religion so unverzichtbar wie für jede Gesellschaft gefährlich ist. Wir fragen nach einer Ethik, die in der Lage ist, das eine vom anderen zu trennen, das heißt der Religion zuzugestehen, wovor die Gesellschaft geschützt werden muss. Und wir tun dies mit einem Blick auf “identitäre” Bewegungen, die in jüngerer Zeit entstanden sind und eine bemerkenswerte Form darstellen, vor einer Bedrohung zu warnen, die sie selber verstärken.

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Designvertrauen

Stammeskulturen hatten Vertrauen in die Magie, antike Hochkulturen in die Götter und die Moderne in die Technik. Die nächste Gesellschaft hat nur noch Vertrauen in das Design. Aber was heißt “nur”? Das Design ermöglicht beides, eine Beobachtung im Umgang mit der Welt und eine Beobachtung der Beobachter im Umgang mit der Welt. In dieser doppelten Funktion tritt es an die Stelle der Magie, der Götter und der Technik, ohne diese restlos zu ersetzen. Im Gegenteil, es übernimmt Aspekte dieser früheren Mechanismen der Ungewissheitsabsorption und entwickelt sich nur in der Hinsicht über sie hinaus, als es bestimmte Aspekte der Vernetzung von Mensch, Umwelt, Technik und Gesellschaft reflexiver behandelt, als dies möglicherweise früher der Fall war.

Denn das ist die These, die wir hier verfolgen. Jede Gesellschaft bedarf eines Mechanismus der Ungewissheitsabsorption; und das Design übernimmt diese Funktion in unserer, der nächsten nach der modernen Gesellschaft… Weiterlesen: pdf.

Thesenpapier zum Symposium “System: Design zwischen Chaos und Alltag”, Museum für angewandte Künste Köln, 15. Mai 2015

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