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Eine Fakultät für Kulturreflexion

I.

Die Fakultät für Kulturreflexion der Universität Witten/Herdecke ist nicht aus dem Gedanken der Versammlung und Vertretung akademischer Fächer, sondern, seinerzeit noch unter dem Namen Studium fundamentale, aus dem Gedanken der Versorgung der Nachbarfakultäten Wirtschaft und Gesundheit mit Bildung entstanden. Und “Bildung” hieß Erziehung des Geisteslebens zu freier Selbständigkeit. Was immer man damals, 1983, unter diesem Geistesleben verstanden haben mag, heute kann man beobachten, dass die Fakultät mit diesem Grundgedanken, mit dem Studium fundamentale und mit ihren eigenen Studiengängen gut aufgestellt ist, um einen strukturellen und kulturellen Wandel der Gesellschaft zu beobachten, der mindestens so tief greift wie die Entstehung jener Moderne der Buchdruckgesellschaft, der das Geistesleben seine Freiheit in kritischer Selbständigkeit verdankt.

Denn die seit dem 19. Jahrhundert gewohnten akademischen Fächer der Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften sind mit dieser Beobachtung überfordert. Sie sind unverzichtbare Reservoirs an Theorien, Methoden, argumentativen Schulungen und Erfahrungen im Umgang mit Universitäten und Studiengängen. Aber sie sind selber jener modernen Gesellschaft verpflichtet, die Komplexität auf Rationalität reduziert, diese Rationalität zweiwertig auf Objektivität versus Subjektivität und Wahrheit versus Unwahrheit verpflichtet und nun von einer Gesellschaft abgelöst wird, in der Komplexität multiperspektivisch nur noch polykontextural gedacht werden kann.

Das Studium fundamentale und die Fakultät für Kulturreflexion suchen neue Zugänge zur Komplexität. Ihre Ausgangspunkt sind die zwangsläufige Subjektivität und konstruktive Kreativität aller Beobachtungen. Die immer noch akademischen Fächer der Philosophie, Literaturwissenschaft, Kunstwissenschaft und Sozialwissenschaft sowie praktische Übungen in Musik, Kunst, Literatur, Theater und Beratung sind das Medium einer Forschung und einer Lehre, die nach Formen sucht, in denen die gegenwärtige Unruhe der Gesellschaft abgebildet, aufgefangen und bei Bedarf gesteigert werden kann.

Der größte Vorteil einer Fakultät für Kulturreflexion liegt in ihrer Multimedialität, auf die sie sich eingelassen hatte, bevor das Wort auch nur erfunden worden war. Der primäre Umgang mit Texten, mit Musik und mit der bildenden und darstellenden Kunst stellt den Resonanzboden bereit, um den menschlichen Körper und das medizinische Handeln der Fakultät für Gesundheit sowie Geld, Kapital und das unternehmerische Handeln der Fakultät für Wirtschaft einer anderen Wahrnehmung, Beobachtung und Beschreibung zuzuführen. Der entscheidende Punkt ist auch hier nicht die Entwicklung anspruchsvoller Theorien, so wenig diese zugleich ausgeschlossen ist, sondern die Übung von Erfahrung im Umgang der Studierenden und Lehrenden mit den jeweiligen Herausforderungen, die Bedingungen der eigenen Handlungsfähigkeit kritisch (mit Kant) zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Texte, Partituren, Ausstellungen und formale Modelle ermöglichen den Aufbau einer Reflexion, in der sich Diagnose und Therapie, Investition und Organisation allererst als ihrerseits poetische Praktiken erweisen können.

Dass in der Kultur eine “poetische Weisheit” steckt, ist eine Vermutung, die spätestens seit Giambattista Vicos Scienza nuova (1744) vertraut ist. “Poesie” wird hier im altgriechischen Sinne als Hervorbringung von Werken verstanden – im Gegensatz zum “Ponos” schweißtreibender Arbeit und zur “Praxis” selbstgenügsamer Kontemplation –, denen jeweils ein Überschuss über die bereits bekannte Wirklichkeit eignet und die andererseits diese Wirklichkeit als Bedingung der Möglichkeit, in ihr Überschüsse zu erzielen, allererst erfahrbar machen. Das Werk, das Projekt und damit jede Art von Kultur sind jener dritte Wert, der es erlaubt, die Zweiwertigkeit von Objektivität und Subjektivität, von Wahrheit und Unwahrheit abzulehnen, deren Alternative nicht zu entscheiden, sondern zu verwerfen, wie Gotthard Günther sagt (siehe Kurt Klagenfurt, Technologische Zivilisation und transklassische Logik, 1995), und stattdessen etwas Neues auszuprobieren, in dem sich das Alte und Älteste wiederfinden mag.

Es bleibt nicht beim dritten Wert. Es bleibt auch nicht bei der Ablehnung der Alternative der ersten beiden Werte. Der nächste Schritt ist das Wagnis einer eigenen und neuen Unterscheidung, die Subjektivität objektiv erfahrbar macht und einstweilen weder als wahr noch als unwahr bezeichnet werden kann. Ihre Wahrheit ist kontingent, wie wir seit Aristoteles sagen dürfen, dem wir die Entdeckung der Unbekanntkeit der Zukunft (der Unmöglichkeit, über die Zukunft entweder wahre oder unwahre Aussagen treffen zu können) und damit der Zukunft selber verdanken. Wie funktionieren die Sätze eines Textes, die Takte einer Partitur, die Dispositive einer Ausstellung, die Gleichungen und Ungleichungen eines Modells, die Verschreibung einer Therapie (Watzlawick) oder die Schätzung der Werte eines Risikomodells? “Draw a distinction” (George Spencer-Brown) ist leicht gesagt. Welcher Raum von Möglichkeiten lässt sich aus einer Unterscheidung entfalten? Wie bekommt sich der Beobachter, von sich absehend, wieder in den Blick? Wie gelingt ein Projekt, das nicht alle seine Voraussetzungen sich selber verdanken kann?

Im Stichwort der Kulturreflexion steckt mit Hegel die wichtige Einsicht, dass wir die Komplexität unserer Welt nur verstehen können, wenn wir nicht nur die Subjekte objektiv zu fassen versuchen, wie es die akademischen Fächer tun, sondern jedes einzelne Objekt als Subjekt rekonstruieren, wie es die Kybernetik tut. Die Komplexität unserer Welt ist die Komplexität von Reflexionsverhältnissen mit einer Vielzahl von subjektiven Zentren, die von anderen Zentren auf Objekte reduziert werden und sich doch in dieser Objektivität nicht erschöpfen. Marx ergänzte das Stichwort einer Praxis, die nun selber poetisch, nämlich revolutionär verstanden wird, indem in ihr die Menschen der Abhängigkeit ihres Bewusstseins von den selbst geschaffenen Verhältnissen auf die Spur kommen. Georg Simmels Tragödie der Kultur, die Versteinerung (vielleicht sagt man in Witten besser: die Verdinglichung) von Prozessen zu Resultaten dieser Prozesse, ist immer auch die Tragödie derer, die ihren eigenen Anteil an ihr nicht mehr durchschauen.

Strenger gefasst, steckt im Stichwort der Kulturreflexion die Einsicht, dass ein Verstehen der Komplexität der Welt nicht möglich ist, wenn dieses “Verstehen” damit verwechselt wird, einen Überblick zu gewinnen, die Verhältnisse zu durchschauen und Sinn und Zweck des Ganzen zu begreifen. Stattdessen geht es, mit der Kybernetik (W. Ross Ashby) formuliert, um den Aufbau von “Kontrolle”. Diese Kontrolle ist zirkulär und heterarchisch. Sie steckt voller Überraschungen. Sie besteht im Aufbau eines Gedächtnisses, mit dessen Hilfe Subjekte ihre Beziehungen zu komplexen Phänomenen protokollieren und variieren, jeden Tag, wenn man so sagen darf, von Neuem. Jede Art von Kultur ist eine Momentaufnahme von komplexen Beziehungen, die eine Balance und ein Selbstverständnis der beteiligten Subjekte gefunden haben, die jederzeit wieder neu geknüpft werden müssen. Diese Balance, das wissen wir von Bronislaw Malinowski, besteht nur insofern darin, Werte und Menschen, Praktiken und Artefakte, Technik und Gemeinschaft, Umwelt und Entwicklung in einem Gleichgewicht zu halten, als dieses Gleichgewicht laufend neu überprüft werden muss. Thermodynamisch würde man daher wohl auch eher von einem Ungleichgewicht sprechen. Es geht um die Notwendigkeit von Konflikten. Es geht um den experimentellen Umgang mit Asymmetrien. Die Tradition der einen ist das sinnlose Ritual der anderen.

 

II.

Was hat diese reflexive Beziehung auf eine reflexive Kultur mit einem strukturellen und kulturellen Wandel der Gesellschaft zu tun? Warum ist die Fakultät für Kulturreflexion optimal auf die Beobachtung einer Entwicklung vorbereitet, auf die sie sich nicht vorbereitet hat? Es fiele zwar nicht schwer, bereits die Anthroposophie von Rudolf Steiner in den Kontext eines Abschieds von den vertrauten Mustern einer modernen Rationalität zu rücken. Immerhin hat Steiner genug von Goethe und Nietzsche übernommen, um der cartesischen Trennung von Geist und Materie, Denken und Sein skeptisch gegenüberzustehen. Und immerhin steht seine Frage nach dem Erleben der Welt im Medium des Erlebens des eigenen Selbst in der Welt (so Christoph Lindenberg) bereits im Kontext der Erfahrung eines Paradigmas der Elektrizität, das sich auf das Paradigma der Mechanik, Inbegriff der Moderne, nicht mehr reduzieren ließ. Ströme und Strahlen (so Christoph Asendorf) durchkreuzen die Ordnung der Objekte.

Und doch lässt sich die Fakultät für Kulturreflexion nicht auf ein anthroposophisches Programm reduzieren. Es geht nicht um Eurythmie. Die philosophischen Fragen, die musikalischen Kompositionen, die literarischen Erkundungen, die soziologischen Modelle und die politischen Projekte der Fakultät suchen nicht den Einklang mit der Welt. Sie insistieren auf der Differenz, der Distanz, der präzisen Setzung, der riskanten Asymmetrie. Es geht um die Erfahrung von Erfahrung, die Erfahrung eines Willens und die Wahrnehmung der Wahrnehmung, die all dies voraussetzt und begleitet. Es geht um die Sondierung eines Medienumbruchs. Das scheint mir die Pointe zu sein, die sich hinter dem Interesse der Fakultät an einem Studium fundamentale, an der Multimedialität und der Reflexion verbirgt.

Dieser Medienumbruch betrifft die Ablösung der Dominanz des Verbreitungsmediums Buchdruck durch die Dominanz elektronischer Medien. In dieser Diagnose konvergieren seit Marshall McLuhan die Beobachtungen und Beschreibungen der Kulturwissenschaften. Und in dieser Diagnose kulminiert ein Forschungsprogramm, das den Medienumbruch zwar als tiefgreifenden Wandel, zugleich jedoch auch als Überlagerung älterer Medienepochen durch neue Medienepochen begreift. Deswegen ist der Wechsel von einer modernen zu einer nächsten Gesellschaft (Peter Drucker) nur im Kontext der Ablösungen sowohl der tribalen Gesellschaft wie der antiken Gesellschaft zu sehen. Wir haben es im Laufe der Menschheitsgeschichte mit vier jeweils dominanten Medien zu tun, mit der mündlichen Sprache, der Schrift, dem Buchdruck und den elektronischen Medien. Und wenn auch die Dominanz wechselt, so bleiben doch die Medien erhalten und mit ihnen die Probleme und Unwahrscheinlichkeiten (des Verstehens, des Erreichens und des Erfolgs, mit Niklas Luhmann), mit denen es die Kommunikation in diesen Medien zu tun bekommt. Nach wie vor ist mit der mündlichen Rede auch die Lüge, mit der Schrift auch die Überlastung mit Gedächtnis, mit dem Buchdruck auch der Überschuss an kritischen Meinungen gegeben, zu denen sich nun der Überschuss an instantanen Verknüpfungen in einem globalen Zusammenhang (McLuhans “globales Dorf”) gesellt.

Die Kulturwissenschaften erschöpfen sich daher weder darin, die neue Kultur eines digitalen Zeitalters zu preisen, noch darin, sich nostalgisch der verlorenen Werte alter Kulturen zu vergewissern. Stattdessen arbeiten die Kulturwissenschaften medienarchäologisch (oder “genealogisch” im Sinne Nietzsches und Foucaults), indem sie jedes aktuelle Phänomen als Produkt einer Bewältigung aller vier Medienumbrüche betrachten (siehe meine Studien einer nächsten Gesellschaft, 2007). Kulturwissenschaftliche Beobachtungen und Beschreibungen bestehen daher darin, die konstruktiven, zuweilen auch destruktiven Beiträge mündlichen Austauschs, schriftlicher Erinnerung, angelesener Meinung und frisch recherchierter Daten in der Konstitution sozialer Phänomene aller Art nachzuzeichnen. Und da es um elektronische Medien geht, können und müssen stärker als je zuvor auch technische Bedingungen und deren Erprobung in sozialen Praktiken in den Blick genommen werden.

Als Kulturwissenschaft versteht sich hierbei ein Unterfangen, das möglicherweise in Zukunft eher unter dem Titel einer Kognitionswissenschaft firmieren wird. Denn die Kulturwissenschaft ist im Unterschied zur Sozialwissenschaft immer schon eine Reflexion auf das variable Verhältnis von Körper, Bewusstsein, Technik, Natur und Gesellschaft, ein Verhältnis so variabel, dass jeder einzelne Terminus, jeder Pol dieses Verhältnisses immer wieder neu unscharf wird. Aber genau das darf seit Vico, Rousseau, Peirce und Freud bis hin zu Malinowski, Bateson und Parsons “Kulturtheorie” heißen: der laufende Verdacht, dass jede einzelne kognitive und volitive – unter Einschluss affektiver – Leistung komplex in ein alles andere als ausgemachtes Gefüge von Organismus, Nervensystem, Psyche und Gesellschaft “eingebettet” und nur aus diesem heraus zu verstehen ist. Am Verständnis – oder sollen wir sagen: an der Kontrolle? – dieser Einbettung arbeiten die Kognitionswissenschaften bereits; doch scheint es ihnen bis heute an einem Forschungsparadigma zu fehlen, das es erlauben würde, die Fragestellung als solche zu identifizieren. Bis es so weit ist, halten wir uns an die Philosophie, an die Künste und an die Kulturwissenschaft.

Eine Theorie in fünf Sätzen

“Wir haben es mit einem Zusammenhang mehrerer Variablen zu tun, die sich, oberflächlich gesehen, widersprechen, nämlich als Einheit von (1) selektiver Verknüpfung der Elemente, (2) Bindung freier Energien aus anderen Realitätsschichten durch Interpenetration, (3) ständige sofortige Wiederauflösung der Verknüpfung und der Bindung, (4) Reproduktion der Elemente auf Grund der Selektivität aller verknüpfenden und bindenden Relationen, und (5) Fähigkeit zur Evolution im Sinne einer abweichenden Reproduktion, die Möglichkeiten der Neuselektion eröffnet. Ein solches System hat kein zeitfestes Wesen. Es ist auch nicht nur in dem Sinne der Zeit ausgesetzt, daß es sich anpassen und gegebenfalls Strukturen ändern muss. Nicht einmal die Austauschbarkeit der Elemente (davon war die Theorie der Autopoiesis im Hinblick auf Makromoleküle bzw. Zellen ausgegangen) erfaßt den Zeitbezug radikal genug. Handlungssysteme benutzen die Zeit, um ihre kontinuierliche Selbstauflösung zu erzwingen; sie erzwingen ihre kontinuierliche Selbstauflösung, um die Selektivität aller Selbsterneuerung sicherzustellen; und sie benutzen diese Selektivität, um die Selbsterneuerung selbst zu ermöglichen in einer Umwelt, die kontinuierlich schwankende Anforderungen stellt.”

(Niklas Luhmann, Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie, 1984, S. 394)

Folgen operativer Schliessung

„Die Folgen operativer Schließung sind von verschiedenen theoretischen Ausgangspunkten mit verschiedenen Begriffen, im Ergebnis aber übereinstimmend beschrieben worden. Im Formenkalkül von George Spencer Brown erscheinen sie als re-entry der Unterscheidung (hier: System und Umwelt) in sich selbst.  Das System produziert operativ die Differenz von System und Umwelt und kann dann, wenn komplex genug, die Differenz selbst verwenden, um sich selbst von seiner Umwelt zu unterscheiden. Die Folgen sind, daß die eigenen Operationen (bei Spencer Brown: Arithmetik und Algebra) nicht mehr ausreichen, um das System zu berechnen. Es kommt zu einer ‘unresolvable indeterminacy’ des Systems für sich selbst und für andere. Die Operationen müssen, um beobachtbar zu sein, temporalisiert, also zeitlich auseinandergezogen werden. Die Vergangenheit muß über eine Gedächtnisfunktion präsentiert werden, die (wird man wohl hinzufügen dürfen) Vergessen und Erinnern diskriminiert; und die Zukunft ist dem Oszillieren eines bistabilen Systems ausgesetzt, das heißt: sie kann eher im Anschluß an die Umwelt oder im Anschluß an das System selbst, also eher fremdreferentiell oder eher selbstreferentiell festgelegt werden, wobei die eine Option von der anderen unterschieden und durch die andere korrigiert werden muß und jeder erreichte Systemzustand seinerseits vergessen und erinnert werden kann und den Ausgangspunkt für ein weiteres Oszillieren bietet.

In Heinz von Foersters Kybernetik zweiter Ordnung erscheint dasselbe Problem als Unterscheidung von trivialen und nichttrivialen Systemen. Triviale Maschinen arbeiten zuverlässig, sie erzeugen (wenn sie nicht kaputt sind) auf einen bestimmten Input immer denselben Output. Nichttriviale Maschinen erzeugen durch Rückführung des Output in das System, durch Kombination mehrerer derartiger Maschinen und durch doppelte / Schließung von mehreren, Irritation durch die Umwelt einbeziehenden Kreisläufen so viel Komplexität, daß sie nur noch als historische Maschinen, also abhängig vom jeweils durch die eigenen Operationen erreichten Zustand und in diesem Sinne strukturdeterminiert operieren können. Schon bei sehr wenigen Variablen oder strukturellen Kopplungen, die das System mit seiner Umwelt verbinden, wird das System mathematisch so komplex, das selbst die mächtigsten Computer nicht mehr mithalten können. Das System wird unberechenbar, also unzuverlässig, also nur mit Hilfe der Unterstellung von Entscheidungsfreiheit beschreibbar.

Gotthard Günther war von subjekttheoretischen Überlegungen ausgegangen und hatte sich die Frage gestellt, wie (und vor allem: mit welcher Logik) eine Welt beschrieben werden könne, die eine Mehrheit von Reflexionszentren (Subjekten) enthalte, aber selbst nicht reflexionsfähig sei. In einem für unsere Zwecke besonders wichtigen Beitrag wird die klassische Einteilung von Vernunft (Erkennen) und Willen (Handeln) als unterscheidbaren Subjektfähigkeiten in diese Fragestellung eingebaut und als eine gleichsam ontologische Einteilung subjektiver Fähigkeiten dekonstruiert und rekonstruiert.  Ausgangspunkt ist auch hier die Annahme einer operativen Schließung des Systems, also die Beständigkeit einer Grenze zwischen System und Umwelt. Ein System, das unter der Bedingung der Geschlossenheit operiert, muß sich eben deshalb um seine Umwelt kümmern.  Die Systemgrenze bricht die traditionelle Annahme, die Welt müsse entweder determiniert oder mit Subjekten durchsetzt und insofern indeterminiert sein. Statt dessen kommt es auf die systeminterne Disposition über Unterscheidungen an. Nimmt das System sich selbst die Freiheit, zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden, operiert es im Modus der Kognition, wobei es die / Umwelt als Einheit, als Sein wie es ist, voraussetzt. Nimmt das System dagegen sich selbst als Einheit, die in der Umwelt eine Differenz erzeugen will, so begreift es sich, in klassischer Terminologie, als Wille. Es sind demnach nicht objektive Gegebenheiten, sondern Prozesse der Selbstreflexion oder genauer: Prozesse der internen Disposition über Identität und Differenz, die Anlaß dazu geben, trotz unentwirrbarer wechselseitiger Bedingtheiten Verstand und Willen zu unterscheiden. Das Zusammenwirken von Kognition und Wille zu einer ‘image-induced’ causality kann weder als determiniert, noch als unerklärbare Spontaneität begriffen werden, sondern nur als überdeterminiert durch Komplexität: ‘(…) free will cannot be called lack of determination but is actually a plus of formal determinating factors on the basis of increased structural complexity of the event’, und das lebenslange Interesse Günthers galt dann der Entwicklung einer ‘mehrwertigen’ Logik als komplexitätsadäquatem Beschreibungsinstrument.“

(Niklas Luhmann, Die Politik der Gesellschaft, 2000, S. 107–109)

Kulturreflexion aus kultursoziologischer Sicht

7 Thesen
September 2014

  1. Menschen konstituieren und konstruieren ihre Welt in den Medien der Sprache, Töne, Bilder, Schrift, des Buchdruck und der elektronischen und digitalen Medien. Pflanzen, Tiere, Roboter (von Geistern, Göttern und Teufeln reden wir nicht mehr) konstituieren ihre Welt in partiell differenten Medien.*
  2. Menschen beschreiben, ordnen, reflektieren und verändern ihren Umgang mit der Welt in den Medien der Kunst (Anschauung), Philosophie (Begriffe), Wissenschaft (Funktionen), Technik (Kausalität), Praxis (Handlung), Politik (agreements to disagree) etc.
  3. Theorien der Systeme (stabile Ordnung in instabilen Elementen), Spiele (Wiedereinführung des Rahmens in die gerahmte Wirklichkeit), Netzwerke (Kalküle von Ungewissheit) und Formen (Wiedereinführung von Unterschieden in den Raum ihrer Unterscheidung) überbrücken die Unterschiede zwischen Kunst, Philosophie, Wissenschaft, Technik und Praxis.
  4. Eine Kulturanalyse greift im komparativen Mix quantitativer, qualitativer und interaktiver Datenerhebung auf die Methoden der funktionalen Analyse (Probleme und ihre Lösungen), Kalküle (Operationen und ihre Grenzwerte), Interpretationen (dichte Beschreibungen) und Interventionen (Design) zurück.
  5. Als Kultur gilt hier eine konditionierte und experimentelle Koproduktion von Sinn im Medium innovativ interpretierter Traditionen (Gedächtnis).
  6. Die Kultursoziologie ist eine Wissenschaft kognitiver Prozesse im Medium einer Pluralität komplexer Einheiten (Menschen, Organismen, Maschinen, künstliche Intelligenzen).
  7. Die Kultursoziologie steht im interdisziplinären Austausch mit den Geistes- und Sozialwissenschaften (Kultur und Gesellschaft), mit den Kognitionswissenschaften (epistemische Praktiken in Netzwerken), mit den Naturwissenschaften (Aufbau und Abbau von Ordnung im Zuge der Evolution), mit der Ökonomie (symmetrische und asymmetrische Gleichgewichte) und mit der Medizin (Heilkunde und ihre Regime).

 

*        “Medien” sind lose gekoppelte Mengen von Elementen unterschiedlicher Substanz (Materie, Geist, Leben, Sinn…), in die Dinge, Formen, Ideen, Handlungen, Institutionen eingeprägt werden können. Die Unterscheidung von Ding und Medium ersetzt Kants Unterscheidung von Vernunft und Ding an sich. Siehe Fritz Heider, Ding und Medium, Berlin 2005 [1926]; Niklas Luhmann, Erkenntnis als Konstruktion, Bern 1988.

Gipfeltreffen, oder Wir bauen uns ‘ne Theorie…

…als Reflexionssystem:

von Anaximander das gegenwärtig und ungegenwärtig Anwesende

von Parmenides das Eine

von Platon die Zwei

von Aristoteles die Kontingenz

von Nikolaus von Kues die concidentia oppositorum

von Hobbes die Macht

von Descartes die Meditation

von Leibniz die Binarität und die Monade

von Vico die (historische) Kultur

von Kant die Kritik

von Hegel die Reflexion

von Jean Paul der Witz

von Novalis die Gegenwart

von Schlegel die Unverständlichkeit

von Comte die Statik

von Marx die Praxis

von Peirce (und de Saussure) das Zeichen

von Husserl die Intention

von Wittgenstein das Schweigen

von Heider das Medium

von Heidegger das Dasein

von Mead die Kommunikation

von Shannon die Information

von McCulloch die Heterarchie

von Wiener (und Ashby) die Kontrolle

von Parsons die Handlung

von Adorno die Parenthese

von Austin die Sprache

von Lacan le désir (calcul des places en tant que vides)

von Watzlawick die Pragmatik

von Foucault der Diskurs

von Barthes die Mythen

von Derrida die différance

von Spencer-Brown die Form

von Bateson das Spiel

von von Foerster die Schließung

von Günther die Transjunktion

von Luhmann das System

von Baudrillard der Tausch

von Glanville das Objekt

von Harrison C. White das Netzwerk

Kleine Bestandsaufnahme der Systemtheorie

…radikal unvollständig, im Rahmen von Überlegungen zu einer 2., erweiterten Auflage der 2005 erschienenen “Schlüsselwerke der Systemtheorie” (Baecker 2005a):

Blickt man auf die Diskussion der vergangenen 10 Jahre vor allem im deutschsprachigen Raum zurück, ist die Attraktivität systemtheoretischen Arbeitens in der Soziologie, im Management und in der Therapie ungebrochen. Elena Esposito brilliert mit Untersuchungen zur Mode, zur Statistik und zu Finanzinstrumenten (2004, 2007, 2010), Rudolf Stichweh verfolgt seine Studien zur Universität und Weltgesellschaft (2000, 2010), Cornelia Bohn die Verschiebungen von Inklusion und Exklusion am Exempel der Person (Bohn 2006), Helmut Willke legt nicht nur Grundlagen einer Theorie symbolischer Systeme vor (2005), sondern bleibt auch seinem Projekt einer Steuerungstheorie komplexer Systeme treu (2007, 2012, 2014), Fritz B. Simon legt höchst brauchbare Einführungen in verschiedene Aspekte möglicher Anwendungen der Systemtheorie vor (2007, 2009, 2012a, 2012b, 2014a, 2014b) und selbst das Feld einer systemtheoretisch reflektierten Organisationswissenschaft konsolidiert sich (Wimmer 2004; Wimmer/Meissner/Wolf 2014; Wimmer/Glatzel/Lieckweg 2014). Und nicht zuletzt hat die Systemtheorie nichts von ihrer Faszination für ein transdisziplinäres, zwischen Funktion, Struktur und Hierarchie präzise unterscheidendes Forschungsprogramm verloren, wie jüngst eine weitere Einführung von Günter Ropohl (2012) belegt.

Aus München kommen wie gewohnt (Bühl 1990) gewichtige Einwände gegen, Auseinandersetzungen mit und Zusammenfassungen einer Systemtheorie nicht nur Luhmannscher Provenienz (Jahraus/Ort 2001; Ort/Jahraus 2003; Ort 2007; Jahraus et al. 2012). Und auch die Kritik ist nach wie vor nicht untätig (Koschorke/Vismann 1999; Merz-Benz/Wagner 2000; Demirovic 2001; Amstutz/Fischer-Lescano 2013).

Die Zeitschrift Soziale Systeme: Zeitschrift für soziologische Theorie dokumentiert lebendige Auseinandersetzungen mit der Systemtheorie, skeptisch flankiert von den Zeitschriften Constructivist Foundations und Cybernetics & Human Knowing.

Sogar Friedrich Rudolf Hohls Gedichte “aus Luhmanns Welt” sind inzwischen greifbar und lesbar (Hohl 2012).

Parallel dazu gibt es Anzeichen dafür, dass sich Niklas Luhmanns Vermutung (2002, S. 76), mit George Spencer-Browns Laws of Form (1969) könne die Systemtheorie eine noch allgemeinere Analyseebene erreichen, auf der sich die System/Umwelt-Unterscheidung ihrerseits als eine Unterscheidung unter anderen, eine “nur einseitig verwendbare Zweiseitenform” (wie etwa auch Zeichen/Bezeichnetes und Ding/Medium) betrachten ließe, durchaus bestätigt. Zumindest hat sich die Arbeit mit dem Formbegriff als fruchtbar erwiesen (Klein 2002; Weiss 2006; Baecker 2005b, 2013, 2014; Karafillidis 2010; Seemann 2010; Piazzi/Seydel 2009-2010; Lehmann 2011a, 2011b; Grote 2014; Böhmer 2014; Langenmayr im Druck), so sehr man davon ausgehen muss, dass die Verwendung einer Form durch einen Beobachter nach wie vor auf ein System verweist, das der Reproduktion der Beobachtung zugrundeliegt.

Das “System” wird hier zur Reflexionsform im Medium der Sprache und des Denkens auf eine prälogische und mathematisch anspruchsvolle Ebene der Verteilung und Vermittlung von Operationen in und zwischen Systemen (McCulloch 1945; Günther 1976, 1979; Klagenfurt 1995; vordenker.de). Das greift über jede auf Sequentialität, Linearität und Hierarchie angewiesene Technik hinaus.

Literatur:

Amstutz, Marc, und Andreas Fischer-Lescano (Hrsg.) (2013): Kritische Systemtheorie: Zur Evolution einer normativen Theorie, Bielefeld: transcript.

Baecker, Dirk (Hrsg.) (2005a): Schlüsselwerke der Systemtheorie, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Baecker, Dirk (2005): Form und Formen der Kommunikation, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Baecker, Dirk (2013): Beobachter unter sich: Eine Kulturtheorie, Berlin: Suhrkamp.

Baecker, Dirk (2014): Kulturkalkül, Berlin: Merve.

Böhmer, Marco (2014): Die Form(en) von Führung, Leadership und Management: Eine differenztheoretische Explizierung, mit einem Vorwort von Rudi Wimmer, Heidelberg: Carl Auer.

Bohn, Cornelia (2006): Inklusion, Exklusion und die Person, Konstanz: UVK.

Bühl, Walter L. (1990): Sozialer Wandel im Ungleichgewicht: Zyklen, Fluktuationen, Katastrophen, Stuttgart: Enke.

Demirovic, Alexander (Hrsg.) (2001): Komplexität und Emanzipation: Kritische Gesellschaftstheorie und die Herausforderung der Systemtheorie Niklas Luhmanns, Münster: Westfälisches Dampfboot.

Esposito, Elena (2004): Die Verbindlichkeit des Vorübergehenden: Paradoxien der Mode, aus dem Italienischen von Alessandra Corti, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Esposito, Elena (2007): Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Esposito, Elena (2010): Die Zukunft der Futures: Die Zeit des Geldes in Finanzwelt und Gesellschaft, aus dem Italienischen von Alessandra Corti, Heidelberg: Carl Auer.

Grote, Florian (2014): Locating Publics: Forms of Social Order in an Electronic Music Scene, Wiesbaden: VS Springer.

Günther, Gotthard (1976): Cybernetic Ontology and Transjunctional Operations, in: ders., Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, Bd 1, Hamburg: Meiner, S. 249-328.

Günther, Gotthard (1979): Cognition and Volition: A Contribution to a Cybernetic Theory of Subjectivity, in: ders., Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, Bd 1, Hamburg: Meiner, S. 203-240.

Hohl, Friedrich Rudolf (2012): Poesie als Passion: Gedichte aus Luhmanns Welt, hrsg. von Clemens Luhmann, München: Fink.

Jahraus, Oliver, und Nna Ort (Hrsg.) (2001): Bewußtsein – Kommunikation – Zeichen: Wechselwirkung zwischen Luhmannscher Systemtheorie und Peircescher Zeichentheorie, Tübingen: Niemeyer.

Jahraus, Oliver , Armin Nassehi, Mario Grizelj, Irmhild Saake, Christian Kirchmeier und Julian Müller (Hrsg.) (2012): Luhmann-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart: Metzler.

Karafillidis, Athanasios (2010): Soziale Formen: Fortführung eines soziologischen Programms, Bielefeld: transcript.

Klagenfurt, Kurt (1995): Technologische Zivilisation und transklassische Logik: Eine Einführung in die Technikphilosophie Gotthard Günthers, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Klein, Louis (2002): Corporate Consulting: Eine systemische Evaluation interner Beratung, Heidelberg: Carl Auer.

Koschorke, Albrecht, Cornelia Vismann (Hrsg.) (1999): Widerstände der Systemtheorie: Kulturtheoretische Analysen zum Werk von Niklas Luhmann, Berlin: Akademie.

Langenmayr, Felix (im Druck): Organizational Memory as a Function: A Luhmannian Perspective on the Construction of Past, Present and Future in Organizations, Wiesbaden: VS Springer.

Lehmann, Maren (2011a): Mit Individualität rechnen: Karriere als Organisationsproblem, Weilerswist: Velbrück.

Lehmann, Maren (2001b): Theorie in Skizzen, Berlin: Merve.

Luhmann, Niklas (2002): Einführung in die Systemtheorie, Heidelberg: Carl Auer.

McCulloch, Warren S. (1945): A Heterarchy of Values Determined by the Topology of Nervous Nets, in: ders., Embodiments of Mind, 2. Aufl., Cambridge, MA: MIT Press, 1989, S. 40-45.

Merz-Benz, Peter Ulrich, und Gerhard Wagner (Hrsg.) (2000): Die Logik der Systeme: Zur Kritik der systemtheoretischen Soziologie Niklas Luhmanns, Konstanz: UVK.

Ort, Nina (2007): Reflexionslogische Semiotik: Zu einer nicht-klassischen und reflexionslogisch erweiterten Semiotik im Ausgang von Gotthard Günther und Charles S. Peirce, Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.

Ort, Nina, Oliver Jahraus (Hrsg.) (2003): Theorie – Prozess – Selbstreferenz: Systemtheorie und transdisziplinäre Theoriebildung, Konstanz: UVK.

Piazzi, Tina, und Stefan M. Seydel (2009-2010): Die Form der Unruhe, 2 Bde: Das Statement und Die Praxis, Hamburg: Junius.

Ropohl, Günter (2012): Allgemeine Systemtheorie: Einführung in transdisziplinäres Denken, Berlin: edition sigma.

Seemann, Silke (2010): Organisationales Spielen in Form gebracht, Berlin: Kulturverlag Kadmos.

Simon, Fritz B. (2007): Einführung in die systemische Organisationstheorie, Heidelberg: Carl Auer.

Simon, Fritz B. (2009): Einführung in die systemische Wirtschaftstheorie, Heidelberg: Carl Auer.

Simon, Fritz B. (2012a): Einführung in die Systemtheorie des Konflikts, Heidelberg: Carl Auer.

Simon, Fritz B. (2012b): Einführung in die Theorie des Familienunternehmens, Heidelberg: Carl Auer.

Simon, Fritz B. (2014a): Einführung in die (System-)Theorie der Beratung, Heidelberg: Carl Auer.

Simon, Fritz B. (2014b): Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus, Heidelberg: Carl Auer.

Spencer-Brown, George (1969): Laws of Form, 5. intern. Ausgabe, Leipzig: Bohmeier, 2008.

Stichweh, Rudolf (2000): Die Weltgesellschaft: Soziologische Analysen, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Stichweh, Rudolf (2010): Der Fremde: Studien zu Soziologie und Sozialgeschichte, Berlin: Suhrkamp.

Weiss, Christina (2006): Form und In-formation: Zur Logik selbstreferentieller Strukturgenese, Würzburg: Königshausen & Neumann.

Willke, Helmut (2005): Symbolische Systeme: Grundriss einer soziologischen Theorie, Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.

Willke, Helmut (2007): Smart Governance: Governing the Global Knowledge Society, Frankfurt am Main: Campus.

Willke, Helmut, und Gerhard Willke (2012): Political Governance of Capitalism: A Reassessment Beyond the Global Crisis, Cheltenham, UK: Elgar.

Willke, Helmut (2014): Demokratie in Zeiten der Konfusion, Berlin: Suhrkamp.

Wimmer, Rudolf (2004): Organisation und Beratung: Systemtheoretische Perspektiven für die Praxis, Heidelberg: Carl Auer.

Wimmer, Rudolf, Jens O. Meissner, Patricia Wolf (Hrsg.) (2014): Praktische Organisationswissenschaft: Lehrbuch für Studium und Beruf, 2. überarb. und erw. Aufl.

Wimmer, Rudolf, Katrin Glatzel und Zania Lieckweg (Hrsg.) (2014): Beratung im Dritten Modus: Die Kunst, Komplexität zu nutzen, Heidelberg: Carl Auer.

Europe’s Culture, or Never Mind a Little Völkerwanderung

Submitted to the Federal Austrian Ministry for Education, the Arts and Culture, Vienna, Austria, June 2008

I.

If you think about Europe, what may be its most salient matter of fact? Invariably, if asked such a question people come up with answers which refer to historical, regional, and cultural diversity. They tell you that this means that the question cannot be answered. Diversity kills the question of just one most salient matter of fact. Yet, a minute of reflection shows that the opposite is true. Diversity is the answer to the question (Morin 1987).

Indeed, what does diversity refer to? What is the matter of fact, of which diversity is just the name or the proxy? If we do not look at the solutions, which are celebrated in Sunday speeches but at the problem solved by possible solutions we must say that Europe came into being by the Völkerwanderung, the Migration Period, also called Barbarian Invasions. It is well documented, we do not have to retell it (Völkerwanderung, 2008; Migration Period, 2008).

The simple point we would like to make is that it is how Europe dealt with the barbarian invasions, which made Europe the way it is until today. Of course, all other continents know their migration periods as well. Migration is a universal fact. Yet, the way it is dealt with differs. The Asian way seems to be the Empire’s way (Wittfogel 1957), with some second thoughts raised by the Indian caste system (Dumont 1970). The African way is the tribes’ way. The Australian way is the colonizers’ way, as the Latin American way. The American way is the pioneers’ way always pushing the frontier and always claiming to have brought happiness to the terrain conquered, again with some second thoughts raised by philosophers who look at the indeterminate state of boundaries being crossed now used for settlement (Cavell 1989). The European way is a way answering migration as well, yet differently so.

 

II.

If Europe is marked by Völkerwanderung,

 Völkerwanderung1

then the question is how it switched from barbarians ante portas to barbarians within the gates. We call it Europe 1.0 because it indeed refers back to important features of tribal society which we count as 1.0 because it is brought forward by the introduction of language as the first medium of the dissemination of communication, and because there indeed must have been some form to deal with the phenomenon of the migrating tribes even if it only consisted in a knowledge either ancient or invented on the spot on how to fight and when and how to end fights. Europe 1.0, when dealing with the Barbarian Invasions must have developed an “image” (Spencer Brown 1972: p. 42) and a “negation” (Spencer Brown 1972: p. 114) of the “Barbarians” which enabled it to civilize itself by civilizing them.

Observers of all kinds agree to the overwhelming importance of Jewish and Christian religion, Greek philosophy, and Roman Realpolitik. It is Jerusalem, Athens, and Rome answering the Barbarian Invasions, which made Europe the way we know it to this day. There are even some who say that this becomes the universal way to answering a global migration which asks for some kind of a cultural world order pushed into every corner of world society not by traders, soldiers, and missionaries any more, but by consultants backed by governments and non-governments alike (Eisenstadt 1969; Parsons 1971; Meyer/Boli/Thomas 1987; Meyer 1997, 2005).

Jerusalem’s monotheism bundling the gods of all tribes into just One God thundering and avenging His way along until He became merciful and compassionate when He saw His people complying and willing into their fate; Athens’ idealism calling for Plato’s forms being the unity of the difference between what you see trusting your eyes (phenomena) and what you are called upon to take into account as some abstract and hidden principle deciding on what it relates to, and what not (substance); and Rome’s republican vision of an empire all three together constitute Europe’s maximal stress cooperation, which is referred to by Heiner Mühlmann as the principle of the catalysis and ensuing code (decorum) of any one culture (Mühlmann 1996, 2005).

The Christian God based on Scripture, helped along by the Jewish God knowing how to moderate the Scripture via comments, the Greeks’ ideal forms, and the Roman empire all together re-enter the distinction of the Völkerwanderung into the space brought about by it. Ever since Europeans worship just one God, again getting into bitter wars of confessions if this one God is contested, are prepared for any abstract idea telling them their way along as long as they can argue about it, and enjoy power plays which set centers of hierarchies against peripheries as long as that distinction of center from periphery is not called into question. Such a re-entry is elementary to the contextualization of a distinction. Without that contextualization the social handling of the distinction drawn becomes difficult due to a lack of ways to not only draw, but to also observe the distinction and reflect on it.

Of course it took centuries for this form to emerge. The European middle ages are marked by those presumably dark centuries. Yet, Europe ends up with a distinct ability to put forms into the context of singularity (Derrida 1992; Luhmann 1998), and not the other way around as you may perhaps expect.

Europe takes not only part in that singular attempt to deal with the introduction of writing into the society but perhaps indeed shows a peculiar way to deal with the overflow of action and communication brought about by it. Europe, that is, Aristotle (2002: 994b), invents the idea of telos and teloi, which not just are purposes you may set yourself this way or that way, but also appropriate places preordained as such by a cosmological order dealing with ever looming chaos. Europe invented a feudalism based on competition, on agon, moderated by fear of envy, which is inherited from still older societies (Foster 1965). Via fear of envy competition is re-embedded into an order everybody (i.e., observers observing observers) can comply with (Nietzsche 1994). Europe’s grand tradition of Jerusalem’s Gods, Athens’ ideas, and Rome’s empire thus gets boiled down to a robust habitus of being able, and of wanting, to compete (agon), controlled by fear of envy.

This gives us a Spencer-Brown expression, which visualizes the code of Europe in its ancient culture, literate society mode:

 Völkerwanderung2

Note that agon here is short for the Jewish and Christian god, the Greek form, and the Roman empire all taken together into the one social form they give the Völkerwanderung being tamed into its own kind of civilization. Agon means to be able to welcome a little Völkerwanderung here and then. It means to take account of all the other tribes being around yet being linked to each other in some unspeakable, unrevealed, if chosen and merciful way. That is why we give the re-entry of the Völkerwanderung into its own space of distinction the name of agon.

To be aware of competition in the context of a fear of envy helps to not confuse a Christian, Greek, and Roman blueprint to Europe with a blueprint to some utopia. Europe is dealing with the actual fact of migration, which is and stays a reason for utmost unrest. The form it did find is not a form attacked by that unrest but a form framing it, using it, and even enabling it. Europe needs migration. Its form would crumble if migration of all kinds (people, commodities, capital, information) comes to a still-stand.

 

III.

A possible proof of this claim consists in showing how European form adapted to, and indeed supported, the introduction of the printing press, calling forward society 3.0 dealing with its different kind of overflow, and maybe even the introduction of the computer and its derivatives, calling forward society 4.0.

Again, what may be the most distinct matter of fact of a Europe answering the introduction of the printing press? Yes, indeed, the answer to, and product of, the introduction of the printing press is enlightenment, preceded by (a) renaissance, another re-entry of Greek and Roman art and culture into the form brought forward by Greek and Roman politics, law, and philosophy, a re-entry which carefully peels off the more Christian subversions of Greek and Roman knowledge, and (b) humanism, an experiment in long-distance communication entertained by book-printers and book-binders, and their knowledgeable friends (like Erasmus of Rotterdam who moved to Basel impressed by the quality of a pirate edition of his Latin translation of the Bible, and became friend with its printer, Johann Froben). Yet, enlightenment beats both renaissance and humanism in that it liberates criticisms of all kinds by both giving it access to reason and controlling it by it. Enlightenment consists in encouraging the use of knowledge (sapere aude) even if it is not revealed by God but appropriated by uncontrolled, indeed novice reading, as long as that use is made public, that is controlled by the risks of its and its author’s self-presentation (Kant 1996; Goffman 1959).

Europe’s enlightenment re-enters Europe’s form of dealing with migration into the iteration of this very form as a form to deal with unbounded, if only reasonable, criticism. The teloi of ancient society give way to arguments framed by reason:

 Völkerwanderung3

The re-entry of the context of agon taming the Völkerwanderung into its own form of civilization is called reason, thus giving it more space to be explored and exploited. The idea and practice of reason does not mean that all competition is lead toward aims shared by all. Quite the opposite. The idea and practice of reason means that new arguments become available to welcome new barbarians, most notably first citizens, then workers, eventually women, now perhaps animals, robots, and avatars into the same old agonistic form of Völkerwanderung, giving them reasons to compete and ideas of how to commit themselves within their society to constraints which are equal to possibly successful ways (Elster 2000).

The advantage of reason over teleology is that it does not have to refer any longer to a presumed cosmological order that accounts for all the teloi being advanced. Reason instead is dynamical. It can look for different means apt to pursue certain aims; it can switch between aims if the means available are not to be wasted; and it can still claim such moves within these shifting sandy grounds of means and purposes as rational, which is just perfect. Never mind that perfection, to the never ending chagrin of cultural critique (Arnold 1993), which, however, lives off the same principle, for a long time gave way to perfectibility, which knows no end in itself (Luhmann 1980).

French Enlightenment consists in looking for new forms to deal with an agonic, if dampened, social order and finds it in three revolutions (see Parsons/Platt 1973), not just one, it managed to bring into force, the economic revolution toward a market economy which accepts capital, an asset with respect to time, as it leading principle instead of the ownership of land which became far too exclusive; the political revolution toward democracy which switched the unknown future of any rule of power from the question of the suitability of the heir to the much more operational question of whether a government will be re-elected or not; and the pedagogical revolution which came up with the idea to force whole years of children into school to make sure they learnt to compare among, and compete with, each other supervised by the teacher as the authority which tries to steer that competition toward worthwhile aims.

The enlightenment invested its philosophical reason into ideas of a society which managed to differentiate among the prizes it competed for by channeling the contest toward functional purposes (still paying its tribute to Aristotelian teleology), on one hand, and to inhibit via a moral revaluation of achievement and risk, the legitimation of envy such that ambitious people did not have to fear it any more that much, on the other. The barbarians within the gates are still safely contained, but they are still allowed to play a little barbarian to any established order as well.

 

IV.

Mary Douglas’ word that culture is “an ongoing argument about rightness of choice” (Douglas 1989: p. 89) seems to have been invented while looking at the arguments constantly being circulated by and within a Europe once and forever dealing with migrating people, “people” here becoming more and more a proxy for ideas, commodities, and capital. Yet, the phrase is meant to lead to a typology of cultures which indeed comprehends many more cultures than just Europe’s, all of them differing just by the way the use to argue, above all about how to deal with surprise, by the way.

So what is happening to Europe when “next society” (Kelly 1990; Castells 1996; Drucker 2003; Baecker 2007) is eventually surpassing modern society by finding its structural and cultural answers to the introduction of the computer, the internet, the intranet, and other computing grids? If the next society’s overflow of action and communication is not necessarily just the overflow of reference, brought about by language, of symbols, by writing, and of criticism, by printing, but also of control, brought about by machines surpassing the performance of human memory in amount of data, fastness of connection, and richness of connectivity, Europe may well have found already its answer to this challenge.

The answer is called Brussels, or the European Union. The European Union is a political mechanism, which tries to match the computer’s complexity by means of administration. It links its own experts to experts in member governments, political allies, business, science, and culture in a way such that its bureaucracy in both modernizing and enlarging Europe at any instant can be sure to work like an expertocratic bottleneck toward the reintegration of people, ideas, commodities, and assets migrating from one place to another and literally flooding landscapes, institutions, and social milieus which are the more unsuspecting as they take their own structures and cultures for granted (Bach 1999, 2006).

Europe gets recoded in society 4.0 as follows:

 Völkerwanderung4

The central idea is still the same one, looking for a kind of corporate action, which is able to absorb shocks and to turn them into structures living of their expectation of further shocks. Within Europe shocks are constitutive. Experts know how to take them and know how to tell them apart in order to be able to choose appropriate action. It is fascinating to see how these experts shift, switch, and fluctuate in a truly rhizomatic way (Deleuze/Guattari 1988), giving words to this argument and getting silent another one. Every item wanting to invade Europe just has to find an expert, or lobbyist, for that matter, lending it his or her argument, which of course have to be arguments compatible with other arguments. And experts as well invade all kinds of matter such that there are still all kinds of guarantees that Europe will never cease to accept its Völkerwanderungen.

Brussel’s EU bureaucracy is a living challenge to the introduction of the computer into its administration, but it is in turn a computer of its own challenging the many control projects supported by the use of computers which spread among European industries, governments, and laboratories.

Immigration problems, fences, zones of transition surrounding it, questions of the control of the movement of people, services, capital, and ideas still mark Europe’s reality more than anything else. The argument presented here amounts to saying that Europe is coded to deal with those ever new forms of Völkerwanderung, always searching for and then wielding distinctions which consist in taming the barbarians such that they quit looting and settle to look for other means to compete instead. Everything works fine if their agonic instincts are well served.

 

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