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16 Thesen zur nächsten Gesellschaft

February 9, 2013

Erschienen in: Revue für postheroisches Management, Heft 9 (2011), S. 9-11. Siehe zum Kontext Dirk Baecker, Studien zur nächsten Gesellschaft, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007.

(1) Die nächste Gesellschaft unterscheidet sich von der modernen Gesellschaft wie die Elektrizität von der Mechanik. Schaltkreise überlagern Hebelkräfte. Instantaneität erübrigt Vermittlung. Wo der Buchdruck noch auf Verbreitung setzt, rechnen die Computer bereits mit Resonanzen. Die Dynamik der Moderne, die noch als Geschichte, Fortschritt und Dekadenz lesbar war, löst sich in Turbulenzen auf, die nur noch Singularitäten kennt.

(2) Die Kulturform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr das Gleichgewicht, sondern das System. Identitäten werden nicht mehr daraus gewonnen, dass Störungen sich auspendeln, sondern daraus, dass Abweichungen verstärkt und zur Nische ausgebaut werden. Gleichgewichte sind leere Zustände; sie warten auf die nächste Störung. Systeme sind von sich aus unruhig; sie verschwinden, wenn sie keinen Anschluss finden.

(3) Die Strukturform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr die funktionale Differenzierung, sondern das Netzwerk. An die Stelle sachlicher Rationalitäten treten heterogene Spannungen, an die Stelle der Vernunft das Kalkül, an die Stelle der Wiederholung die Varianz.

(4) Die Integrationsform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr die Geschichte in ihrer Gegenwart als Fortschritt oder Dekadenz, sondern die unbekannte Zukunft in ihrer Gegenwart als Krise. Solange man nicht weiß, wie es weitergeht, vergewissert man sich eines Stands der Dinge, auf den kein Verlass ist.

(5) Die Politik der nächsten Gesellschaft ist militärisch, ökonomisch und ökologisch konservativ. Die Macht, die ihr bleibt, ergibt sich aus der Überzeugungskraft des Status Quo. Sie liefert die Adressen, an die man sich wendet, wenn man einen Überblick behalten möchte, der nicht mehr möglich ist.

(6) Die Wirtschaft der nächsten Gesellschaft jagt von Asymmetrie zu Asymmetrie. Es geht darum, Zeit zu gewinnen. Wirtschaften heißt, seinem Kapital einen Schritt voraus zu sein.

(7a) Die Kunst der nächsten Gesellschaft ist wild und dekorativ. Sie zittert im Netzwerk, vibriert in den Medien, faltet sich in Kontroversen und versagt vor ihrer Notwendigkeit. Wer künstlerisch tätig ist, sucht für seinen Wahn-Sinn ein Publikum.

(7b) Die Kunst der nächsten Gesellschaft ist leicht und klug, laut und unerträglich. Sie weicht aus und bindet mit Witz; sie bedrängt und verführt. Ihre Bilder, Geschichten und Töne greifen an und sind es nicht gewesen.

(8) Die Wissenschaft der nächsten Gesellschaft ist poetisch und mathematisch. Sie entwirft und berechnet das autonome Objekt. Sie allein ist zuständig für das Neue. Ihre Mathematik einer rekursiven Komplexität tritt an die Stelle des Kalküls, der Geometrie und der Linie.

(9) Die Religion der nächsten Gesellschaft ist großartig und gnadenlos. Sie berichtet von einer Welt, die umso fremder auf den Menschen zurückschaut, je weiter dieser in sie hineinschaut.

(10) Die Erziehung der nächsten Gesellschaft bleibt ratlos. Sie verlässt sich auf eine Zweiseitenform, der gemäß wichtig nur sein kann, was nicht in der Schule vorkommt.

(11) Die Organisation der nächsten Gesellschaft ist kenogrammatisch. Sie definiert Leerstellen, die jederzeit anders besetzt werden können. Sie motiviert zu einer Arbeit, die nur in diesem Moment nicht austauschbar ist. Sie engagiert sich für Produkte, die den Kunden binden, indem sie ihn freisetzen.

(12) Die Technik der nächsten Gesellschaft macht die Welt zur Prothese ihrer selbst.

(13) Die Reflexionsform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr die Magie, die Macht oder das Geld, sondern die Information. Religion, Politik und Wirtschaft treten ihre Orientierungsleistung an die Massenmedien ab. Die Allianz von Nachricht, Werbung und Unterhaltung wird paradigmatisch wichtiger als die Kommunikation mit abwesenden Göttern, die Einschränkung der Willkür und die Stabilität der Instabilität.

(14) Das Individuum der nächsten Gesellschaft spielt, wettet, lacht und ist ratlos. Es zählt wie in der Stammesgesellschaft, fühlt wie in der Antike, denkt wie in der Moderne und muss sich dennoch jetzt und heute an der Gesellschaft beteiligen. Es vergewissert sich seiner Gruppe, träumt von seinem Platz, berechnet seine Chancen und erlebt, wie bereits die nächste Verwicklung es überfordert.

(15) Die Moral der nächsten Gesellschaft wird darin bestehen, auf die Unanschaulichkeit dieser Gesellschaft mit Augenmaß zu reagieren.

(16) Die Negationsform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr der Rausch, die Korruption oder die Kritik, sondern die Posse, die Transformation einer Unmöglichkeit in eine Möglichkeit. Sie ist so unberechenbar produktiv wie jede Negationsform; und dies nicht etwa, weil sie nicht wüsste, was sie tut, sondern weil niemand weiß, welche Reaktionen sie heraufbeschwört.

From → Society

7 Comments
  1. Hallo Dirk Baecker! Ihre Thesen haben mich zu einem Blog-Artikel angeregt: http://stefanhetzel.wordpress.com/2013/04/02/improvisierte-musik-als-modell-der-nachsten-gesellschaft/ Weiterhin lese ich auch gerade Ihren Essay “Wie viel Zeit verträgt das Sein?” aus dem Jahr 1996 zum Thema Free Jazz und Systemtheorie. Leider ist der unter http://www.dirkbaecker.com/archive.htm nicht mehr verfügbar. Gibt’s eine neue URL?

    • Hallo Stefan Hetzel, vielen Dank für Ihre Nachricht und Ihren Hinweis auf Ihren Blog-Artikel. Sehr spannend und ganz in meinem Sinne. Free Jazz ist ja in der Tat eines meiner Paradigmen. Während Gabriele Gramelsberger die Computersimulationen des (Klima-)Systems Erde als Simulationen im Futur II beschreibt, spielt die improvisierte Musik im Modus einer Zeit auf, von der ich nicht weiß, ob die Grammatiker ihn bereits beschrieben haben (man müsste bei Harald Weinrich nachschauen): “Was muss jetzt geschehen, damit gleich nicht geschieht, wovon ich ahne, dass es geschehen könnte?” Futur Imperfekt?

      Ja, ich habe den Text “Wieviel Zeit verträgt das Sein?” über den Free Jazz wie auch alle anderen Texte von meiner alten Homepage heruntergenommen, weil ich mich davon habe überzeugen lassen, dass zur Publikation eines Print-Textes immer zwei gehören, ein Autor und ein Verleger. Bei einem Blog-Text ist das etwas anderes. Und der Free-Jazz-Text ist ja gerade noch einmal neu verlegt worden, und dies sogar elektronisch (Kunsttexte.de 2/2012).

  2. @Dirk Baecker: Danke, sehr liebenswürdig. Vielleicht interessiert Sie dann auch das hier (Luhmann, animiert): http://stefanhetzel.wordpress.com/2013/02/17/interaktivitat-szene-1-von-4/

  3. Schmidt permalink

    Hallo Dirk Baecker,

    mit welcher Methode werden diese Thesen aufgestellt?

    Vielen Dank im voraus?

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