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Imagine Neurosociology

If Jeff Hawkins (On Intelligence, with Sandra Blakeslee, 2004) is right, we might consider most if not all of social systems’ structures externalized memory-prediction patterns trained on brains. Social networks would turn out devices to monitor how behavior (action) follows or not these patterns. Free will would be central to move across those patterns following different patterns. There would be lots of hierarchies organizing (via feedback and feedforward) these patterns, just as Hawkins would have it, yet they would be embedded in one or more heterarchies to allow not only for pattern formation (Kant’s “Reihen”) but also analysis of elements (Kant’s “Subjekte”) and division of systems (Kant’s “Systeme” and their “Teile”). Social theory in neurosociology would turn out to be about communication (redundancy & variety) and evolution of patterns entertained by cultivated brains.

Hawkins’ book and ideas are interesting because he is among the few who accept the operational closure of the brain. He is not quoting Johann Peter Müller or Heinz von Foerster but Vernon Mountcastle for this concept but never mind. The concept of operational closure and the principle of undifferentiated coding (both terms not used by him) allows him to conceive of the brain as a self-learning, auto-associative memory-prediction device determined in its older parts by genetics and evolution and in its neocortical parts by behavior, culture, and education. That makes the brain structurally deterministic, without having to assume that it determines perception, behavior, or action. Instead, it is forming information via myriads of feedback and feedforward impulses between layers and columns of neurons.

A field of neurosociology is far from being defined, let alone established (but see David D. Franks’ 2010 book on Neurosociology and its references, as well as Franks’ and Jonathan Turner’s edited Handbook on Neurosociology, to be released this July 2013), but there seem to be ways by now to avoid any kind of reductionism and to inquire instead into the co-evolution between the brain, in one hand, and its environment including many other brains, in the other. Such co-evolution concerns both mankind’s history and our everyday behavior and experience including social forms defining political, economic, aesthetic, pedagogical, religious, scientific, and other ways to shape, vary, and switch both action and experience.

It would be a non-trivial business to probe into sociology’s rôle and interaction theory, action-as-system theory, theory of self-referential social systems, game and network theories to see how they fare within a research program pursuing the assumption of a memory-prediction model of the brain. We could do without the assumptions of consciousness and society, both of them being in fact “reduced” to patterns shaping certain perceptions and actions without ever letting the brain determine either consciousness or society.

Consciousness, as Hawkins proposes, is about “declarative” memories and predictions (probably not far from Brentano’s and Husserl’s understanding of intentionality), society about memories and predictions presented to others known to be independent.

See now (March 2014): Neurosoziologie: Ein Versuch, Berlin: edition unseld, 2014, link

Zukunftsfähigkeit | 22 Thesen zur nächsten Gesellschaft

(1) Die nächste Gesellschaft unterscheidet sich von der modernen Gesellschaft wie die Elektrizität von der Mechanik. Schaltkreise überlagern Hebelkräfte. Instantaneität erübrigt Vermittlung. Wo der Buchdruck noch auf Verbreitung setzt, rechnen die Computer bereits mit Resonanzen. Die Dynamik der Moderne, die noch als Geschichte, Fortschritt und Dekadenz lesbar war, löst sich in Turbulenzen auf, die nur noch Singularitäten kennt.

(2) Die Kulturform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr das Gleichgewicht, sondern das System. Identitäten werden nicht mehr daraus gewonnen, dass Störungen sich auspendeln, sondern daraus, dass Abweichungen verstärkt und zur Nische ausgebaut werden. Gleichgewichte sind leere Zustände; sie warten auf die nächste Störung. Systeme sind von sich aus unruhig; sie verschwinden, wenn sie keinen Anschluss finden.

(3) Die Strukturform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr die funktionale Differenzierung, sondern das Netzwerk. An die Stelle sachlicher Rationalitäten treten heterogene Spannungen, an die Stelle der Vernunft das Kalkül, an die Stelle der Wiederholung die Varianz.

(4) Die Integrationsform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr die Geschichte in ihrer Gegenwart als Fortschritt oder Dekadenz, sondern die unbekannte Zukunft in ihrer Gegenwart als Krise. Solange man nicht weiß, wie es weitergeht, vergewissert man sich eines Stands der Dinge, auf den kein Verlass ist.

(5) Die Politik der nächsten Gesellschaft ist militärisch, ökonomisch und ökologisch konservativ. Die Macht, die ihr bleibt, ergibt sich aus der Überzeugungskraft des Status Quo. Sie liefert die Adressen, an die man sich wendet, wenn man einen Überblick behalten möchte, der nicht mehr möglich ist.

(6) Die Wirtschaft der nächsten Gesellschaft jagt von Asymmetrie zu Asymmetrie. Es geht darum, Zeit zu gewinnen. Wirtschaften heißt, seinem Kapital einen Schritt voraus zu sein.

(7a) Die Kunst der nächsten Gesellschaft ist wild und dekorativ. Sie zittert im Netzwerk, vibriert in den Medien, faltet sich in Kontroversen und versagt vor ihrer Notwendigkeit. Wer künstlerisch tätig ist, sucht für seinen Wahn-Sinn ein Publikum.

(7b) Die Kunst der nächsten Gesellschaft ist leicht und klug, laut und unerträglich. Sie weicht aus und bindet mit Witz; sie bedrängt und verführt. Ihre Bilder, Geschichten und Töne greifen an und sind es nicht gewesen.

(8) Die Wissenschaft der nächsten Gesellschaft ist poetisch und mathematisch. Sie entwirft und berechnet das autonome Objekt. Sie allein ist zuständig für das Neue. Ihre Mathematik einer rekursiven Komplexität tritt an die Stelle des Kalküls, der Geometrie und der Linie.

(9) Die Religion der nächsten Gesellschaft ist großartig und gnadenlos. Sie berichtet von einer Welt, die umso fremder auf den Menschen zurückschaut, je weiter dieser in sie hineinschaut.

(10) Die Erziehung der nächsten Gesellschaft bleibt ratlos. Sie verlässt sich auf eine Zweiseitenform, der gemäß wichtig nur sein kann, was nicht in der Schule vorkommt.

(11) Die Organisation der nächsten Gesellschaft ist kenogrammatisch. Sie definiert Leerstellen, die jederzeit anders besetzt werden können. Sie motiviert zu einer Arbeit, die nur in diesem Moment nicht austauschbar ist. Sie engagiert sich für Produkte, die den Kunden binden, indem sie ihn freisetzen.

(12) Die Technik der nächsten Gesellschaft macht die Welt zur Prothese ihrer selbst.

(13) Die Reflexionsform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr die Magie, die Macht oder das Geld, sondern die Information. Religion, Politik und Wirtschaft treten ihre Orientierungsleistung an die Massenmedien ab. Die Allianz von Nachricht, Werbung und Unterhaltung wird paradigmatisch wichtiger als die Kommunikation mit abwesenden Göttern, die Einschränkung der Willkür und die Stabilität der Instabilität.

(14) Das Individuum der nächsten Gesellschaft spielt, wettet, lacht und ist ratlos. Es zählt wie in der Stammesgesellschaft, fühlt wie in der Antike, denkt wie in der Moderne und muss sich dennoch jetzt und heute an der Gesellschaft beteiligen. Es vergewissert sich seiner Gruppe, träumt von seinem Platz, berechnet seine Chancen und erlebt, wie bereits die nächste Verwicklung es überfordert.

(15) Die Moral der nächsten Gesellschaft wird darin bestehen, auf die Unanschaulichkeit dieser Gesellschaft mit Augenmaß zu reagieren.

(16) Die Negationsform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr der Rausch, die Korruption oder die Kritik, sondern die Posse, die Transformation einer Unmöglichkeit in eine Möglichkeit. Sie ist so unberechenbar produktiv wie jede Negationsform; und dies nicht etwa, weil sie nicht wüsste, was sie tut, sondern weil niemand weiß, welche Reaktionen sie heraufbeschwört.

(17) Der Sport der nächsten Gesellschaft reizt hart an der Schwelle zum Doping und zur Prothese die Plastizität des menschlichen Körpers aus. In kleinste Einheiten zerlegt, um statistisch vielfältig ausgewertet werden zu können, geht es um Wettbewerbe in Wettbewerben in Wettbewerben. Noch immer jedoch begegnet der Sportler unvermeidlich auch sich selbst.

(18) Der Tod ist in der nächsten Gesellschaft nicht mehr der Abschied zu den Ahnen, nicht mehr der Platzwechsel aus dem Diesseits ins Jenseits und auch nicht mehr das finale Gleichgewicht, dem keine Unwahrscheinlichkeit mehr abgetrotzt werden kann, sondern ein unvollständiger Löschvorgang, der Spuren hinterlässt, die zu keiner Einheit mehr zusammengesetzt werden können.

(19) Die Gesundheit ist in der nächsten Gesellschaft die Kontingenzformel schlechthin auf die menschliche Existenz. Niemand ist je wirklich gesund, so dass jeder Identitätsmerkmale frei Haus geliefert bekommt, die jedoch umso weniger zur Identität beitragen, je deutlicher sie als Krankheitsmerkmale definiert sind, die ganze Populationen kennzeichnen.

(20) Die Ethik der nächsten Gesellschaft sucht nicht mehr das gute Leben, nicht mehr die vollkommene Tugend und auch nicht mehr die mögliche Anklage gegen das eigene Leben (das gute Gewissen), sondern das im Wortsinn einwandfreie Handeln. Ethisch einwandfrei ist das Handeln, dem alle Betroffenen, würden sie gefragt, zustimmen könnten.

(21) Die Architektur der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr nur die von Innen und Außen (die Höhle), Oben und Unten (der Palast), Erreichbar und Unerreichbar (der öffentliche und der private Raum), sondern die des Labyrinths. Optimiert wird die Redundanz des Redundanzverzichts. An jeder Ecke wird neu ausgehandelt, welche Überraschung an der nächsten Ecke zu erwarten ist.

(22) Der Witz in der nächsten Gesellschaft betrifft nicht mehr nur das glücklich daneben gehende Wort (inklusive der Flüche, die es treffen), die Wiedererkennung in der Metamorphose (inklusive der Tragik, die darin liegt, nicht mehr zurück zu können) und die scharfsinnig gefundene unwahrscheinliche Verbindung (inklusive der Melancholie, damit nicht weiterarbeiten zu können), sondern auch den Kurzschluss, der eine Welt begründet (und niemand weiß, wie lange).

[Die Anregung, die früheren 16 Thesen, erschienen in: Revue für postheroisches Management, Heft 9 (2011), S. 9-11, auf 22 Thesen zu erweitern, verdanke ich einem pseudonymen Zuruf. Siehe zum Kontext Dirk Baecker, Studien zur nächsten Gesellschaft, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007.]

Triple Recursion in Action Theory

If any action, a, at any time is system, network, and evolution, or reproductive differentiation (Parsons, Luhmann), controlled identity (H.C. White), and selective variation (Darwin), then a catject describing that action a should model which distinctions frame, form, and make play that action depending on a communication providing for redundancy and variety and dealing with noise while all the while making sense or producing a meaning oscillating, memorizing, and thereby making the action function with respect to further action.

A triple recursion formula describing these requirements to model any catject of a would thus possibly read:

Action (play, noise, function)

And we would know that doing sociological theory requires to start from, and not to fall back behind, a Serres like extended Shannon communication theory, a Goffman type frame analysis, a Bateson notion of play, a Spencer-Brown form calculus, and a Harrison C. White network analysis within Parsons’ and Luhmann’s systems theory.

Shouldn’t be altogether too impossible, or should it?

George Spencer-Brown wird 90

George Spencer Brown wird am 2. April 1923 in Lincolnshire, England, geboren. Im Alter von drei Jahren liest sein Vater mit ihm die Elemente von Euklid. Nie verzieh der Sohn seinem Vater, dass er ihn nach dieser Ausbildung auch noch auf die Schule schickte, als er sechs Jahre alt wurde. Denn Jahre hätte es ihn gekostet, wieder zu verlernen, was man ihm dort beibrachte. Im Alter von vier Jahren zerstört George jeden Abend ein Spinnennetz, das in einem Busch vor seinem Fenster hing. In aller Frühe steht er auf, um die Spinne dabei beobachten zu können, wie sie dieses Netz wieder neu spann. Jeden Morgen kommt er zu spät. Das Netz ist jedes Mal längst wieder gebaut. Er will wissen, wie es die Spinne schafft, einen horizontalen Faden zu spinnen. Und er wusste bereits, so erzählt er später, dass man eine Form zerstören muss, wenn man herausfinden will, wie sie zustande kommt.

Nach der Schule und dem Dienst bei der Royal Navy als Telegraphist sowie Radiomechaniker und einigen Experimenten mit dem Einsatz von Hypnose bei der zahnärztlichen Behandlung besucht er nach dem 2. Weltkrieg das Trinity College in Cambridge, wo er Mitglied der Mannschaften für Schach, Fußball und Tennis wird und dem Cambridge University Club für das Segelfliegen beitritt, für den er einige Rekorde gewinnt. Bei der Royal Air Force dient er als Reserveoffizier. Er nimmt an akrobatischen Fliegerwettbewerben teil, spielt in der Theatergruppe in Stücken von Shakespeare und arbeitet 1950/51 mit Ludwig Wittgenstein an den Grundlagen der Philosophie. In den frühen 1950er Jahren gilt sein Interesse der Philosophie, der Psychologie, der Pädagogik und dem Paranormalen.

Dann wechselt er an die Oxford University, wo er an Fragen der Zoologie und vergleichenden Anatomie, der Mathematik und der Psychologie arbeitet und schließlich zur Rolle statistischer Forschung in der Psychologie zu publizieren beginnt. Seine Doktorarbeit (1957) schreibt er über die Abhängigkeit von wissenschaftlichen Schlussverfahren von Wahrscheinlichkeitsannahmen. In ihr weist er unter anderem nach, dass Zufälle Absicht voraussetzen, die Absicht eines Beobachters, etwas als Zufall gelten zu lassen, obwohl der Zufall ein Muster ist, das sich nicht zufällig einstellen kann.

In den 1960er Jahren beginnt er als Chief Logic Designer bei Mullard Equipment zu arbeiten, entwickelt zusammen mit seinem (erfundenen und später wieder verschwundenen) Bruder David J. Spencer Brown Kontrollelemente für Aufzüge und eine Zählmaschine auf der Grundlage komplexer arithmetischer Signale für British Rail. In den selben Jahren arbeitet er mit Bertrand Russell an den Grundlagen der Mathematik und ist offenbar bei Ronald D. Laing, einem von Jean-Paul Sartre existentialistisch beeinflussten Psychiater, zunächst in Behandlung, bevor er mit ihm zusammenarbeitet. Er setzt die Psychotherapie ein, um über Hypnose und Schlaflerntechniken sportliche Leistungen zu steigern und trainiert und erzieht begabte und hochbegabte Kinder. Laings Buch Knots (1970) über die Knoten menschlicher Beziehungen scheint Spencer-Brown viel zu verdanken.

Vor einigen Jahren erschien der erste Band einer Autobiographie Spencer-Browns über seine Kindheit, frühe Jugend und seine Hassbeziehung zu seiner Mutter, dem weitere Bände folgen sollen, Autobiography 1: Infancy and Childhood (2004). Irgendwann in den 1990er Jahren ergänzt Spencer-Brown zur Verwirrung der Bibliothekare, die ihn bisher unter Brown geführt hatten, seinen Nachnamen um einen Bindestrich.

1969 schließlich erscheint sein Buch Laws of Form, das den Versuch macht, die mathematische Logik mit Möglichkeiten vertraut zu machen, die er und sein Bruder in den Ingenieurwissenschaften mit Erfolg eingesetzt haben. Dabei geht es insbesondere um das Rechnen mit der imaginären Zahl i, dem rechnerischen Ergebnis der Gleichung

x2 + 1 = 0,

also

x2 = -1.

Diese Gleichung ist weder durch das Ziehen der Wurzel,

√x = √-1,

noch durch Division,

x = -1/x,

eindeutig zu lösen. √-1 ist weder +1 noch -1 und zugleich sowohl +1 als auch -1. Und

x = -1/x

führt zu einer seit den Principia Mathematica von Bertrand Russell und Alfred North Whitehead verbotenen, zu einem Widerspruch führenden selbstreferentiellen Aussage: x ist -1 geteilt durch sich selbst, x.

Die Lösung dieser Art von Gleichungen besteht in der Einführung imaginärer Zahlen, die als diese Lösung definiert werden und für deren Bezeichnung man seit Leonhard Euler den Buchstaben i verwendet. Sie erweitern die natürlichen, ganzen, rationalen, irrationalen und reellen Zahlen um die Zahl i zu den komplexen Zahlen.

Die Pointe und der Verdacht, dem Spencer-Brown in den Laws of Form nachgeht, ist, dass die Einführung der imaginären Zahlen alle Zahlen zu komplexen Zahlen macht, nicht nur die neu hinzugefügten. Was aber ist eine komplexe Zahl? In John Stillwells Geschichte der Mathematik lässt sich nachlesen (2002, S. 383 f.), dass komplexe Zahlen, wenn auch nicht unter diesem Namen, bereits von Diophantos von Alexandria vermutlich um 250 n. Chr. entdeckt worden sind, als dieser seine Arithmetik der Paare entwickelte. Komplex ist seitdem die Einheit einer Vielfalt, die weder auf eine einfache Einheit noch auf eine bloße Vielfalt reduziert werden kann. Komplexe Zahlen, Räume und Funktionen bestehen mindestens aus einem Paar zweier Einheiten, die einander voraussetzen und nicht auf eines der beiden reduziert werden können.

In Klammern sei angemerkt, dass Jurij M. Lotman solche Paare für die Semiotik wiederentdeckt hat und dort Tropen nennt (2010, S. 53 ff.). Nathaniel Hellerstein (1985, 1997) hat auch mit Rückgriff auf Spencer-Browns Laws of Form eine Diamond Logic genannte nicht-aristotelische Logik entwickelt, die die klassischen Wahrheitswerte wahr und falsch um die beiden (oszillierenden, um einen unit delay verzögerten) Wahrheitswerte wahr, aber falsch und falsch, aber wahr ergänzt. Alfred Korzybski (1933) hat ähnliche Absichten einer nicht-aristotelischen Logik verfolgt, die darin ihre Pointe hatten, dass sie wie in Hegels Logik, Karl Marx’ Kapitalismustheorie oder in Maurice Merleau-Pontys Wahrnehmungstheorie ihre Problemstellung nicht in der Beschreibung der Resultate von Prozessen als entweder wahr oder falsch, sondern in der Beschreibung dieser Prozesse selber suchte. Mit Bemühungen um parakonsistente oder fuzzy Logiken hat dies nur wenig zu tun, weil es nicht um die Einführung ontisch unentschiedener, sondern prozessual operativer Werte geht. Hegel sprach von Übergängen. An Hegel und an Martin Heidegger knüpft auch Gotthard Günther (1976-1980) mit seinem Versuch an, eine mehrwertige Logik zu konstruieren, die positiv- und negativsprachlich sowohl beschreiben kann, was ist, als auch nachvollziehen kann, welchen Reflexionsgeschichten im Medium der Negation es sich verdankt.

Das Problem, das Spencer-Brown in den Laws of Form zu lösen versucht, ist die Beschreibung einer Einheit, die unreduzierbar aus einer Zweiheit besteht. Und die Anregung, die er aus der Elektrik der Schaltkreise mit in die mathematische Logik bringt, besteht darin, diese Einheit nicht substantiell wie das Wesen der Griechen und auch nicht relational wie eine Beziehung zwischen Dingen oder Elementen zu denken, sondern operativ, als Kalkül, als Rechenvorgang.

Daher die berühmten ersten beiden Sätze des ersten Kapitels unter der Überschrift “The form”: “We take as given the idea of distinction and the idea of indication, and that we cannot make an indication without drawing a distinction. We take, therefore, the form of distinction for the form.” Der eine Anfang besteht aus zwei Ideen, der Idee der Unterscheidung und der Idee der Bezeichnung. Wenn wir etwas bezeichnen, haben wir bereits etwas unterschieden. Die Form ist die Form des Unterschieds.

Im Anschluss daran lesen wir die Definition: “Distinction is perfect continence.” Eine Unterscheidung ist eine vollkommene Enthaltsamkeit im Sinne vollkommender Beinhaltung. Eine Unterscheidung enthält die Welt und bringt diese Welt hervor, weil sie in dieser Welt nur getroffen werden kann, wenn sie etwas in der Welt bezeichnet und damit das Bezeichnete von der Welt unterscheidet. Der Unterschied enthält dann jedoch beides, das Bezeichnete und das, wovon es unterschieden wird. Darüber hinaus enthält er als Trennung zwischen diesen beiden Seiten auch sich selbst, den Unterschied. Ohne dass der Unterschied getroffen, aktuell vollzogen, operativ gemacht wird, ist von dem, was er bezeichnet, und von dem, wovon er das Bezeichnete unterscheidet, nicht zu reden. Unter dem Begriff der Form wird all dies beobachtbar, wobei auch die Bezeichnung der Form der Unterscheidung eine Bezeichnung und Unterscheidung beinhaltet, für die wiederum dasselbe gilt.

Nicht zuletzt enthält der Begriff der Form dann auch den Beobachter, der den Unterschied trifft, denn ohne diesen Beobachter würde der Unterschied nicht getroffen. Auch das ist gemeint, wenn Unterschiede nicht kategorial als vermeintlich objektive Ordnung der bereits eingeteilten Welt, sondern konstruktiv oder ontogenetisch, wie Heinz von Foerster in seiner KybernEthik (1993) sagt, als Operationen eines Beobachters verstanden werden, der so und anders unterscheiden kann, aber erst einmal unterscheiden muss, um sich irgendwann unter seinen eigenen Unterscheidungen auch selber wieder vorzufinden und so zum Gegenstand der eigenen Beobachtung machen zu können. Für Heinz von Foerster wie für Niklas Luhmann (und für Johann Gottlieb Fichte wie für Jacques Lacan) war es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Unterscheidung, die der Beobachter verwendet, um sich selbst zu beobachten, in dem Moment, in dem er sie verwendet, nicht ihrerseits beobachtet werden kann (Luhmann et al. 1990; Watzlawick/Krieg 1991). Der Beobachter, der sich beobachtet, ist daher sein eigener blinder Fleck. Er kann sich nicht beobachten. Er kann nur etwas beobachten, was er mit sich verwechselt.

Dichter und reduzierter lässt sich eine Komplexität, eine Vielfalt als Einheit, nämlich eine Vielfalt der Aspekte als Einheit einer Operation, nicht fassen. Und natürlich setzt dieses Verständnis von Komplexität voraus, dass man sich auf eine Paradoxie und eine Selbstreferenz einlässt, auf die Paradoxie der Einheit als Vielfalt und auf die Selbstreferenz der Unterscheidung auf sich selbst. Eine Operation zu vollziehen, heißt, in Anspruch zu nehmen, was die Operation erst hervorbringen soll. Und es heißt, sich in der Operation auf die Operation zu beziehen, die als die Operation vollzogen wird.

Daraus resultiert ein Formbegriff, wie Luhmann (1993) festgestellt hat, der seinerseits nicht mehr auf den Gegenbegriff der Materie, wie bei Aristoteles, und auch nicht mehr auf den Gegenbegriff des Inhalts, wie in der Ästhetik des 18. Jahrhunderts, angewiesen ist, sondern ohne Gegenbegriff sich selbst bezeichnet und alle möglichen Gegenbegriffe aus sich selbst entwickelt, entsprechende Unterscheidungen vorausgesetzt. Und es resultiert daraus ein Formbegriff, der auf einen Beobachter angewiesen ist, wenn man unter einem Beobachter jemanden versteht, der eine Unterscheidung setzt.

Beide Eigenschaften zusammen, die Selbstreferenz der Form und die Beobachterabhängigkeit der Form derart, dass die erste Unterscheidung und der Beobachter “in the form”, wie Spencer-Brown formuliert, identisch sind, begründen die Attraktivität des Formkalküls zunächst für die Systemtheorie und darüber hinaus für jede Kognitionstheorie, wenn man unter Kognition das Hervorbringen von Etwas, inklusive der Kognition selber, durch das Treffen einer Unterscheidung versteht. Deshalb liefert der Formkalkül den Grundlagentext für jede Art kognitiver Systeme, sei es ein organisches, ein psychisches, ein soziales oder ein artifizielles System. Und  deshalb zwingt der Formkalkül zu einer Neuformulierung des Systembegriffs, der nicht mehr auf Relationen zwischen Elementen geschweige denn auf einen in irgendeiner Ordnung oder Vernunft der Sache abgesicherten Zusammenhang der Elemente verweist, sondern auf die Rekursivität von Operationen, die einen Unterschied treffen und damit eine Grenze ziehen, die beide Seiten der Unterscheidung beobachtbar macht, das heißt das Ausgeschlossene als Ausgeschlossenes einschließt.

Komplex ist seither, was oszilliert und sich in der Oszillation reproduziert. Die Herausforderung des von Spencer-Brown vorgelegten Formkalküls besteht darin, einzusehen, dass es etwas Einfacheres als dies nicht gibt. Zwei Axiome genügen, um einen Kalkül zu begründen, mit dem diese Einsicht bewiesen wird. Diese beiden Axiome definieren die beiden Gesetze, die dem Buch seinen Titel geben. Das erste Axiom definiert das law of calling: “The value of a call made again is the value of the call.” Wenn man eine Unterscheidung trifft und man trifft sie noch einmal, ändert dies nichts am Wert der Unterscheidung, selbst wenn man mit der Wiederholung als Beobachter auffällig wird und damit einen neuen Wert einführt. Das zweite Axiom definiert das law of crossing: “The value of a crossing made again is not the value of the crossing.” Wenn man eine Unterscheidung trifft im Sinne des Wechsels (“cross”) von der Außenseite der Unterscheidung auf die Innenseite der Unterscheidung und man wechselt anschließend wieder auf die Außenseite, steht man mit leeren Händen da, technischer formuliert: landet man im unmarked space, im unbezeichneten Raum. Diese beiden Gesetze setzen die Einheit als die Einheit ihrer Wiederholung und die Leere als die Aufhebung der Einheit.

Mehr als diese beiden Gesetze benötigt Spencer-Brown nicht, um ein Formkalkül, er spricht von einem calculus of indications, zu entwickeln, der vorführt, wie man mit ineinandergeschachtelten Unterscheidungen rechnen kann. Jede Form, sie sei so vielfältig wie sie will, kann mithilfe dieser beiden Axiome auf entweder den markierten Zustand, eine Unterscheidung, oder den unmarkierten Zustand, die Leere, reduziert werden. Kritiker des Formkalküls wie Paul Cull und William Frank (1979) haben daher eingewandt, Spencer-Brown habe nichts anderes geleistet als eine Reformulierung der Booleschen Algebra, die ihrerseits mit nur zwei Zahlen, der 1 für das Universum und der 0 für das Nichts, auskommt. Verteidiger des Kalküls wie der Mathematiker Louis H. Kauffman (1987) verweisen hingegen darauf, dass Spencer-Brown die Boolesche Algebra um die Einsichten von Charles Sanders Peirce ergänzt, dessen Semiotik vorführt, dass man Zeichen beliebiger Art nicht versteht, geschweige denn setzen kann, wenn man nicht einen Dritten, einen Interpretanten, den Beobachter, mitberücksichtigt, für den das Zeichen Sinn macht.

Spencer-Brown entwickelt seinen Formkalkül bis zu jenem Punkt, an dem eine Unterscheidung rein rechnerisch sich selber bezeichnen und unterscheiden kann. In der Mathematik ist das der Punkt der Einführung imaginärer Zahlen, in der Logik der Punkt der Aufhebung der aristotelischen Sätze der Identität,

A = A,

des Widerspruchs,

¬ (A  ∧ ¬ A),

und des ausgeschlossenen Dritten,

A ∨ ¬ A.

An die Stelle dieser aristotelischen Logik tritt die Einsicht, dass Identität nur im Rahmen einer Negation zu haben ist, die als Implikation zu verstehen ist, eben als Oszillation:

aa

Ein a ist nur ein a (Identität), wenn es sich von einer Außenseite unterscheidet, die es nicht ist (Negation), dessen Existenz es jedoch als Außenseite der Unterscheidung voraussetzt (Implikation).

An die Stelle der aristotelischen Sätze der Identität, des Widerspruchs und des ausgeschlossenen Dritten treten die kybernethischen Sätze der Paradoxie,

a ≠ a,

der Ambivalenz,

a ∧ ¬ a

und der Kontrolle,

a ∨ a.

Der Organisationstheoretiker Philip G. Herbst (1976) ist einer der ersten, der der Vermutung nachgegangen ist, dass Spencer-Browns Form der Unterscheidung die Möglichkeit bietet, voraussetzungslos zu starten und alle Voraussetzungen im Zuge des Prozesses sowohl einzuholen als auch zu modifizieren. So glaubte er dem Platonismus, dem Glauben an ewige Ideen, dem Positivismus, dem Glauben an bereits vorliegende, als “Daten” gegebene “Fakten”, und dem Kantianismus, dem Glauben an transzendent verankerte Prinzipien der Erkenntnis (Raum und Zeit) entgehen und so analysieren zu können, was Industrie, Bürokratie und Management tatsächlich bedeuten. Niklas Luhmann (1997) setzt dieses Programm auf einer gesellschaftstheoretischen Ebene fort.

Der Formkalkül Spencer-Browns besteht darin, das Rechnen mit Unterscheidungen von einer ersten Anweisung, “Draw a distinction”, bis zur Wiedereinführung (“re-entry”) der Unterscheidung in die Form der Unterscheidung zu entwickeln, um auf diese Art und Weise zeigen zu können, dass der scheinbar einfache, tatsächlich jedoch bereits komplexe Anfang, das Treffen einer Unterscheidung,

       cross  ,

nur in einem Raum stattfinden kann, in den die Unterscheidung ihrerseits wieder eingeführt wird,

 reentry  .

Der Beobachter, der eine Unterscheidung trifft, wird dadurch der Unterscheidung gewahr, der er sich selber verdankt. Das ist der Grund, warum Heinz von Foerster, der Begründer der Kybernetik zweiter Ordnung, so enthusiastisch auf den Formkalkül reagiert hat und für den Whole Earth Catalog im Frühjahr 1969 dessen erste Rezension geschrieben hat. Unterscheidungen haben ihren mathematischen und logischen Ort auf einer Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung. Sie sind, was sie sind, nämlich die von einem Beobachter getroffene Unterscheidung, nur dann, wenn sie von einem weiteren Beobachter als diese Unterscheidung, nämlich im Hinblick auf ihre Form, beobachtet werden. Dieser weitere Beobachter kann der erste, sich selbst beobachtende Beobachter sein. Er kann jedoch auch ein anderer Beobachter sein, der dann bereits als Sozius, als Mitgesellschafter des ersten Beobachters auftritt und mit diesem zusammen eine nicht unbedingt friedliche Gesellschaft begründet.

Spencer-Browns Formkalkül wird bis zu dem Punkt entwickelt, an dem gezeigt werden kann, dass diese Wiedereinführung und damit Selbstbeobachtung und Vergesellschaftung möglich ist, jedoch ihren Preis hat. Der Preis besteht darin, dass in die Form ihrer Unterscheidung wiedereingeführte Unterscheidungen nicht mehr auf entweder eine einfache Unterscheidung oder die Leere zurückgeführt werden können. Statt dessen oszillieren sie imaginär und damit unauflösbar zwischen diesen beiden Möglichkeiten.

Das jedoch ist präzise das Kennzeichen einer komplexen Einheit. Sie ist etwas und nichts zugleich und gewinnt aus der Oszillation zwischen diesen beiden Möglichkeiten ihre Wirklichkeit. Von hier aus startet jede Kognitionswissenschaft (etwa Varela 1991). Spencer-Brown jedoch weist seinen Text abschließend nur darauf hin, dass man von hier aus den Kalkül eines Tages möglicherweise so weit weiterentwickeln wird, dass man zum Beispiel versteht, was es heißt, zu zählen und zu erinnern.

George Spencer-Browns Kalkül ist sehr vereinzelt in der Therapie, in der Soziologie und in der Mathematik rezipiert worden (siehe für eine kapitelweise Lektüre des Kalküls und einige Hinweise auf seine Rezeption: Schönwälder-Kuntze/Wille/Hölscher 2009; siehe auch Baecker 1993 und 2002). Wer mit Leerstellen, mit Selbstreferenz und mit dem Einschluss der Beobachter in ihre Beobachtungen rechnen möchte, kommt um diesen Kalkül und seine Ideen nicht herum.

 

Literatur:

Baecker, Dirk (1993): Im Tunnel, in: ders. (Hrsg.), Kalkül der Form, Frankfurt am Main, S. 12-37.

Baecker, Dirk (2002): Zeit und Zweideutigkeit im Kalkül der Form, in: ders., Wozu Systeme? Berlin, S. 67-82.

Cull, Paul, und William Frank (1979): Flaws of Form, in: International Journal of General Systems 5, S. 201-211.

Günther, Gotthard (1976, 1979, 1980): Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, 3 Bde, Hamburg.

Hellerstein, Nathaniel S. K. (1985): Diamond: A Logic of Paradox, in: Cybernetic 1, 1, S. 101-114.

Hellerstein, Nathaniel S. K. (1997): Diamond, A Paradox Logic, Singapore.

Herbst, Philip G. (1976): Alternatives to Hierarchies, Leiden.

Kauffman, Louis H. (1987): Self-Reference and Recursive Forms, in: Journal of Social and Biological Structures 10, S. 53-72.

Korzybski, Alfred (1933): Science and Sanity: An Introduction to Non-Aristotelian Systems and General Semantics, Lakeville, CT, 5. Aufl. 1994.

Laing, Ronald D. (1970): Knots, New York.

Lotman, Jurij M. (2010): Die Innenwelt des Denkens: Eine semiotische Theorie der Kultur, dt. Frankfurt am Main.

Luhmann, Niklas, et al. (1990): Beobachter: Konvergenz der Erkenntnistheorien? München.

Luhmann, Niklas (1993): Die Paradoxie der Form, in: Dirk Baecker (Hrsg.), Kalkül der Form, Frankfurt am Mai, S. 197-212.

Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main.

Schönwälder-Kuntze, Tatjana, Katrin Wille und Thomas Hölscher (2009): George Spencer Brown: Eine Einführung in die Laws of Form, 2. Aufl., Wiesbaden.

Spencer Brown, George (1957): Probability and Scientific Interference, London (dt. Heidelberg 1996).

Spencer-Brown, George (1969): Laws of Form, London (spätere Ausgaben: New York 1972, 1973 und 1979, Portland, OR, 1994, Leipzig 2008, dt. Lübeck 1997).

Spencer-Brown, George (2004): Autobiography 1: Infancy and Childhood, Leipzig.

Stillwell, John (2002): Mathematics and Its History, 2. Aufl., New York.

Varela, Francisco J. (1991): Kognitionswissenschaft – Kognitionstechnik: Eine Skizze aktueller Perspektiven, dt. Frankfurt am Main.

Von Foerster, Heinz (1969): Die Gesetze der Form, dt. in: Dirk Baecker (Hrsg.) Kalkül der Form, Frankfurt am Main 1993, S. 9-11.

Von Foerster, Heinz (1993): KybernEthik, Berlin.

Watzlawick, Paul, und Peter Krieg (Hrsg.) (1991): Das Auge des Betrachters: Beiträge zum Konstruktivismus. Festschrift für Heinz von Foerster, München.

16 Thesen zur nächsten Gesellschaft

Erschienen in: Revue für postheroisches Management, Heft 9 (2011), S. 9-11. Siehe zum Kontext Dirk Baecker, Studien zur nächsten Gesellschaft, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007.

(1) Die nächste Gesellschaft unterscheidet sich von der modernen Gesellschaft wie die Elektrizität von der Mechanik. Schaltkreise überlagern Hebelkräfte. Instantaneität erübrigt Vermittlung. Wo der Buchdruck noch auf Verbreitung setzt, rechnen die Computer bereits mit Resonanzen. Die Dynamik der Moderne, die noch als Geschichte, Fortschritt und Dekadenz lesbar war, löst sich in Turbulenzen auf, die nur noch Singularitäten kennt.

(2) Die Kulturform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr das Gleichgewicht, sondern das System. Identitäten werden nicht mehr daraus gewonnen, dass Störungen sich auspendeln, sondern daraus, dass Abweichungen verstärkt und zur Nische ausgebaut werden. Gleichgewichte sind leere Zustände; sie warten auf die nächste Störung. Systeme sind von sich aus unruhig; sie verschwinden, wenn sie keinen Anschluss finden.

(3) Die Strukturform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr die funktionale Differenzierung, sondern das Netzwerk. An die Stelle sachlicher Rationalitäten treten heterogene Spannungen, an die Stelle der Vernunft das Kalkül, an die Stelle der Wiederholung die Varianz.

(4) Die Integrationsform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr die Geschichte in ihrer Gegenwart als Fortschritt oder Dekadenz, sondern die unbekannte Zukunft in ihrer Gegenwart als Krise. Solange man nicht weiß, wie es weitergeht, vergewissert man sich eines Stands der Dinge, auf den kein Verlass ist.

(5) Die Politik der nächsten Gesellschaft ist militärisch, ökonomisch und ökologisch konservativ. Die Macht, die ihr bleibt, ergibt sich aus der Überzeugungskraft des Status Quo. Sie liefert die Adressen, an die man sich wendet, wenn man einen Überblick behalten möchte, der nicht mehr möglich ist.

(6) Die Wirtschaft der nächsten Gesellschaft jagt von Asymmetrie zu Asymmetrie. Es geht darum, Zeit zu gewinnen. Wirtschaften heißt, seinem Kapital einen Schritt voraus zu sein.

(7a) Die Kunst der nächsten Gesellschaft ist wild und dekorativ. Sie zittert im Netzwerk, vibriert in den Medien, faltet sich in Kontroversen und versagt vor ihrer Notwendigkeit. Wer künstlerisch tätig ist, sucht für seinen Wahn-Sinn ein Publikum.

(7b) Die Kunst der nächsten Gesellschaft ist leicht und klug, laut und unerträglich. Sie weicht aus und bindet mit Witz; sie bedrängt und verführt. Ihre Bilder, Geschichten und Töne greifen an und sind es nicht gewesen.

(8) Die Wissenschaft der nächsten Gesellschaft ist poetisch und mathematisch. Sie entwirft und berechnet das autonome Objekt. Sie allein ist zuständig für das Neue. Ihre Mathematik einer rekursiven Komplexität tritt an die Stelle des Kalküls, der Geometrie und der Linie.

(9) Die Religion der nächsten Gesellschaft ist großartig und gnadenlos. Sie berichtet von einer Welt, die umso fremder auf den Menschen zurückschaut, je weiter dieser in sie hineinschaut.

(10) Die Erziehung der nächsten Gesellschaft bleibt ratlos. Sie verlässt sich auf eine Zweiseitenform, der gemäß wichtig nur sein kann, was nicht in der Schule vorkommt.

(11) Die Organisation der nächsten Gesellschaft ist kenogrammatisch. Sie definiert Leerstellen, die jederzeit anders besetzt werden können. Sie motiviert zu einer Arbeit, die nur in diesem Moment nicht austauschbar ist. Sie engagiert sich für Produkte, die den Kunden binden, indem sie ihn freisetzen.

(12) Die Technik der nächsten Gesellschaft macht die Welt zur Prothese ihrer selbst.

(13) Die Reflexionsform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr die Magie, die Macht oder das Geld, sondern die Information. Religion, Politik und Wirtschaft treten ihre Orientierungsleistung an die Massenmedien ab. Die Allianz von Nachricht, Werbung und Unterhaltung wird paradigmatisch wichtiger als die Kommunikation mit abwesenden Göttern, die Einschränkung der Willkür und die Stabilität der Instabilität.

(14) Das Individuum der nächsten Gesellschaft spielt, wettet, lacht und ist ratlos. Es zählt wie in der Stammesgesellschaft, fühlt wie in der Antike, denkt wie in der Moderne und muss sich dennoch jetzt und heute an der Gesellschaft beteiligen. Es vergewissert sich seiner Gruppe, träumt von seinem Platz, berechnet seine Chancen und erlebt, wie bereits die nächste Verwicklung es überfordert.

(15) Die Moral der nächsten Gesellschaft wird darin bestehen, auf die Unanschaulichkeit dieser Gesellschaft mit Augenmaß zu reagieren.

(16) Die Negationsform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr der Rausch, die Korruption oder die Kritik, sondern die Posse, die Transformation einer Unmöglichkeit in eine Möglichkeit. Sie ist so unberechenbar produktiv wie jede Negationsform; und dies nicht etwa, weil sie nicht wüsste, was sie tut, sondern weil niemand weiß, welche Reaktionen sie heraufbeschwört.

City Performances Within Confidence Games

Before we consider how theatre companies of all kinds from fairground jugglers to playing companies in the palaces of princes and cardinals, municipal and independent companies and street theatres perform in the city and perhaps change the city by performing there, we must consider the performance of the city itself. The city is not an empty space waiting to kissed to life by theatrical performances; it is already buzzing with life of all kinds. There are town halls, markets, churches, schools, hospitals, businesses, workshops; there is traffic and transport; there are people at home, people populating the streets, sitting in cars, waiting in hotels, arriving at airports, stations, and harbours, or leaving town.

The city is in full performance before theatre companies start thinking about how to perform there. It performs because all interaction, indeed all communication and action is carried out by somebody or something brought face to face either personally, institutionally, or anonymously with an audience, a public, or observers. All such performances, as we learn from Erving Goffman (see Goffman 1959; and with respect to a more general notion of public White 1995 and Ikegami 2000), are at constant risk of being diverted or subverted or of breaking down altogether due to performance errors, audience indignation, or switching publics. Thus, there is already knowledge of performances to be mistrusted and moderated in coping with the risks they pose when theatres begin to stage their plays, re-entering performance, audience, and mutual observation into the city (Agnew 1986).

Theatre companies may, if they consider the performances of the city at all, regard them as lacking animation, vitality, and spiritedness, and feel they should enhance them with imagination, expertise, and refinement, bringing comedy, drama, and beauty to the city. But this would amount to value judgments not necessarily shared by the people living in the city. City-dwellers may even judge a market, a schoolyard, or a protest demonstration to be much more interesting in terms of motives, purposes, procedures, addresses, and cunning than any theatre performance. Theatre companies may also come to believe that cities’ performances are somehow dishonest and deceitful because some actor or institution plays to its public and thus misleads them in certain ways. The theatre would then be the place to stage criticism of dishonesty and deceit, the place where sincere opinions and real feelings prevail. But then, how would the theatre judge its own need to gain the attention of an audience in the first place? Does it not have to play tricks as well, doing professionally in the midst of the city what other actors and institutions are still trying not only to master but also to figure out?

We thus have to compare performance with performance: performances already in progress in the city with performances intervening in the city, introduced by theatre companies acting as if they came from outside. How do theatre performances change the performance of the city, if at all?

I look firstly at how a city already performs, secondly at the role and function of theatre performing in the city, and thirdly at possible transformation of city performances by theatres performing in the city.

In a lecture given at Theatre Gessner Allee Zürich at the invitation of Imanuel Schipper, I eventually come up with the following Spencer-Brown form:

Theatre

See here the manuscript of the lecture.

The Challenge of a Triple Matrix of Social Mess

If, however, we keep, just for the sake of it, with our idea to search for, and model, triples, we may omit in our social mess matrix the domain of Nature since this one is sure to stay with us anyway and, which is more important, may be considered the ecological environment, all forms comprehensible for humans are correlates to and of (to use a phrase coined by Harrison C. White, Identity and Control, 1992, p. 3: “correlates to the ecological environment”, with respect to a biology conceiving of cells and a psychology conceiving of perception and development).

Nature thus may be considered the unknown formed and framed by, and yet at any time surprising, culture, society, and technology. As long as nature is with us, there is no stable pairing of redundancy and variety within culture, society, and technology. And any research program inquiring into possible forms and institutions of culture, society, and technology starts with the distinctions between these three domains with respect to the domain of nature, the notion of complexity describing their changing ways of mapping and matching.

Thus, our social mess matrix when reduced to the idea of pragmatic web triples reads as follows:

Getting back to our operational research form for the most general triple of all pragmatic web triples, which is:

we may call it here a form mapping transitions or transjunctional operations (after Gotthard Günther).

If we combine this form with the social mess matrix consisting of a form capturing the distinction of domains:

and of a form capturing possible inputs and outputs:

we get the following three-dimensional (or almost — we need a little imagination) diagram of our social mess matrix:

Our research question then is: Which techniques of symbolic processing, just-in-time-compilation, semantic, pragmatic, or numerical simulation, and event handling allow us to model the ways social phenomena choose, switch, and abandon to self-organize and reproduce?

The question may be clear. Any answer, it seems to me, is far afield.

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