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Wie verändert die Digitalisierung unser Denken und unseren Umgang mit der Welt?

Gute Frage!

Thesen:

Digitalisierung heißt erstens, dass wir es im Medium elektronischer Medien mit Bildschirmen zu tun bekommen, die uns Zugänge zu “unsichtbaren Maschinen” (Niklas Luhmann) versprechen und damit den religiösen Gedanken einer Oberfläche, die eine Tiefe verbirgt, rekonfigurieren. Das löst Faszinations- und Suchteffekte aus, die nur dadurch aufgefangen werden können, dass eine immer undurchdringlichere grafische Oberfläche dieser Bildschirme den Gedanken an die Tiefe der Datenbanken, Netzwerke und Algorithmen immer voraussetzungsvoller werden lässt. Wir benötigen Skandale um den Verlust unserer Kontrolle über unsere Daten, um der Maschine wieder gewahr zu werden.

Interessanterweise erleben wir auch hier eine Verkirchlichung des religiösen Effekts. Kaum hatten verschiedene Browser dem World Wide Web und den unerschöpflichen Tiefen des Datenraums eine Oberfläche gegeben, führten zunächst Suchmaschinen und dann soziale Netzwerke den Unterschied zwischen Oberfläche und Tiefe auf ihrer jeweiligen Oberfläche wieder ein, domestizierten die Tiefe und funktionalisierten die Oberfläche zur Erkundung genau dieser domestizierten Tiefe. Auch das beobachten wir erst, seit verschiedene Techniken des Reality-, Data- und Sentiment-Mining die verschiedenen Oberflächen aus der Tiefe konnektiver Algorithmen heraus wieder miteinander verknüpfen.

Digitalisierung heißt zweitens, dass wir in elektronischen Medien im Allgemeinen und sozialen Netzwerken im Besonderen täglichen Anschauungsunterricht in Sachen Netzwerkdynamik erhalten. Bedurfte Harrison C. White noch einer genauen Kenntnis einer Mathematik (Graphentheorie) chemischer Verbindungen, um sich Netzwerke als Ungewissheitskalkül vorstellen zu können (Elemente erhalten aus Verbindungen ihre Qualität, nicht umgekehrt), so genügt heute die Eröffnung eines Kontos in einem sozialen Netzwerk, um wenig später begriffen zu haben, dass meine Freunde nur meine Freunde sind, weil sie sich für meine Freunde interessieren, solange ich hinreichend interessante Freunde habe.

Digitalisierung heißt drittens, dass wir es mit einem neuen Überschusssinn der Kommunikation zu tun bekommen (Niklas Luhmann), der jenseits dessen liegt, woran wir uns in den Medien der Sprache, der Schrift, des Buchdrucks und der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien (Macht, Geld, Liebe, Wahrheit, Recht, Glauben, Kunst) bereits gewöhnt haben, ohne es deswegen auch bereits begriffen zu haben. Die Struktur unserer Gesellschaft beruht nicht mehr nur auf den Möglichkeiten des Redens (Referenzüberschuss), des Schreibens (Symbolüberschuss) und des Buchdrucks (Kritiküberschuss), sondern auch auf den Möglichkeiten der elektronischen Rechner (Kontrollüberschuss). Wir müssen uns eine Kultur zurechtlegen, die nicht mehr nur kontrolliert, was wir hören und sagen, aufschreiben und lesen, verbreiten und rezipieren, sondern auch kontrolliert, welche Art von Daten zu welchen unserer Praktiken alltäglicher und beruflicher Art Zugang erhält. Genügten dafür bisher und zuweilen mehr schlecht als recht Religion und Moral, Teleologie und Kosmologie, Vernunft und Aufklärung, so benötigen wir jetzt zusätzlich ein Wissen um Formen, Spiele und Systeme.

Beitrag zur Podiumdiskussion der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit Friedrich Hesse, Matthias Kiesselbach, Claus Pias und Rudolf Stichweh, Bonn, Kunstmuseum Bonn, 4. Juni 2014

Posttheologische Beobachtertheorie

mit Dank an Christian Matthiessen

Thesen:

Eine posttheologische Beobachtertheorie ist eine Beobachtertheorie, die für die Beobachtung Gottes durch Menschen, die sich von Gott beobachtet wissen, säkulare funktionale Äquvalente bereitstellt.

Die Beobachtung Gottes blendet. Sie konfrontiert mit Seiner Herrlichkeit.

Die Beobachtung Gottes als Beobachter ist verboten. Es ist verboten, nach den Unterscheidungen zu fragen, mit denen Gott selber beobachtet. Wer es dennoch tut, wie der Engel Satan, wird verstoßen.

Entscheidend für eine Beobachtertheorie ist daher die Selbstbeobachtung der Menschen im Hinblick auf ein Sich-Beobachtet-Wissen durch Gott.

Röm 5, 12-15 hat die dafür entscheidende Stelle definiert: Ein Mensch, der sich beobachtet, stößt auf die Erbsünde, die ohne eigenes Verschulden auch seine ist, und auf die Möglichkeit der Gnade durch Gott. Sich sündhaft und gläubig zu wissen, heißt, sich beobachtet zu wissen, ohne die jeweiligen Beobachter beobachten zu können. An die Stelle der unbeobachtbaren Beobachter (der erste Mensch, Adam, und Jesus Christus, Gott) treten beobachtete Beobachtungen. Die Adressen werden eingeklammert. Man konzentriert sich auf die als Beobachtung kontingenz gesetzte Wirklichkeit.

Posttheologisch wird diese Denkfigur in der Philosophie des deutschen Idealismus (Kant, Fichte, Hegel), vorgezeichnet durch Augustinus’ Bekenntnisse, Meister Eckharts Mystik, Pascals Gedanken und Descartes’ Meditationen, die die Fiktionen der Sünde und der Gnade durch das leere Ich ersetzen, das dank der Leere seiner Selbstreferenz in einen Austausch mit der Wirklichkeit tritt, deren Wahrheit unerfindlich bleibt. Dieses leere Ich ist pure Negativität (wie es jüngst Thomas Rentsch wieder beschreibt).

Die Neurologie, Biologie, Psychologie und Soziologie ersetzen das leere Ich durch die unbeobachtbaren Beobachter Organismus, Gehirn, Bewusstsein, Geist, Gesellschaft. Und sie lassen diese Beobachter auf sich beruhen, um stattdessen Beobachtungen in verschiedenen Medien zu beobachten: Leben im Medium funktionaler Schließung des Organismus; Denken im Medium teleologischer Schließung des neuronalen Apparats; Sozialität im Medium struktureller Schließung des Verhaltens; Technik im Medium kausaler Schließungen; Kultur im Medium reflexiver Schließung.

Vor diesem Hintergrund kann man eine Soziologie entwerfen, die komplexe Systeme mit rotierenden Referenzen auf Körper, Technik, Kultur und Gesellschaft beschreibt. Von einem “System” kann die Rede sein, sobald es einem unbeobachtbaren Beobachter gelingt, Beobachtungen auszudifferenzieren und zu reproduzieren, das heißt Beobachtungen an Beobachtungen anzuschließen. Wir reden nicht mehr von Gott, Vernunft, Geist und Gesellschaft, sondern von Beobachtungen zweiter Ordnung im Medium der Störung eines sich selbst als beobachtet reflektierenden (und damit kontingent gesetzten, Abstand und Verzögerung gewinnenden) Beobachters: Reflexion im Kontext von Komplexität und problematischer Selbstreferenz, oder noch kürzer: Form.

Beitrag zur Podiumdiskussion “Transzendenz im Zeitalter totaler Immanenz” mit Norbert Bolz, Johannes Hoff, Rudolf Stichweh und Siegrid Weigel auf der Tagung “Die Beobachtung Gottes: Konstruktionen und Konsequenzen des Monotheismus”, ZKM Karlsruhe und Institut für soziale Gegenwartsfragen Freiburg, Karlsruhe, 17. Mai 2014

 

Kulturen zwischen al-Qaida und Konsumgenossenschaft

Thesen:

  1. Wer ein Netzwerk gründen will, muss sich mit Kulturen beschäftigen. Eine Kultur ist eine (bis dato vornehmlich) von Menschen verantwortete Zähmung, Züchtung und Pflege natürlicher Prozesse, die durch diese Zähmung, Züchtung und Pflege erst ihre Form gewinnen.
  2. Ein Netzwerk gründet man nicht; man findet es. Man findet natürliche Prozesse, die sich für eine Zähmung, Züchtung und Pflege eignen.
  3. Ein natürlicher Prozess ist ein Prozess der Selbstorganisation zwischen Zerfall (Entropie) und Wiederaufbau (Negentropie).
  4. Beobachtet man eine Kultur als ein Netzwerk, beobachtet man unscharfe Rände, unklare Zugehörigkeiten, fluktuierende Teilnahme, aber auch: den möglichen eigenen Anteil am Zerfall und Wiederaufbau einer Kultur.
  5. Der hier verwendete Kulturbegriff konfrontiert mit zwei Komplikationen. Erstens übergreift er natürliche Prozesse der Selbstorganisation in physischen, chemischen, organischen, psychischen und sozialen Bereichen, ohne hierfür eine andere Ordnung bereitzustellen als die der nichtkausalen Gleichzeitigkeit und wechselseitigen Einschränkung (siehe Gregory Batesons Aufsatz “Kybernetische Erklärung”). Und zweitens führt er Elemente der Beschreibung, des Vergleichs und der Kontrolle in die Kultur mit ein, deren Beitrag zur Selbstorganisation ebenfalls unklar ist, solange unklar ist, welche Rolle der Beobachter (siehe Niklas Luhmanns Aufsatz “Kultur als historischer Begriff”).
  6. Ein Netzwerk, das sich der Zähmung, Züchtung, Pflege, Beobachtung und Kontrolle einer systemtheoretisch reflektierten Familientherapie und Organisationsberatung verschreibt, ist auf einen Systembegriff angewiesen, der für Prozesse der Selbstorganisation in verschiedenen Domänen wechselseitiger Einschränkung mit unscharfen Ränder ein Gefühl und einen Sinn zu entwickeln erlaubt.
  7. Diesen Systembegriff gibt es in mehreren Varianten. Mit Ludwig von Bertalanffy kann man das Netzwerk selber als ein offenes System beschreiben, das sich in Fließgleichgewichten erhält und Mittel und Zwecke äquifinal auszutauschen erlaubt, solange eine Reproduktion möglich ist. Mit Talcott Parsons kann man das Netzwerk als die Struktur eines action system beschreiben, das sich in der Form wechselseitiger Inanspruchnahme von bestimmten Verhaltensweisen (Anpassung), bestimmten Persönlichkeitsstrukturen (Zielsetzung), bestimmten Formen der Geselligkeit (Integration) und bestimmten Werten (Latenzerhaltung) ausdifferenziert und reproduziert. Die Pointe liegt hier in der nur empirisch zu bestimmenden Bestimmtheit (Besonderheit) der aufeinander angewiesenen Elemente. Mit Niklas Luhmann kann man organische, psychische und soziale Systeme als operational geschlossene Systeme begreifen und nach Formen der Interpenetration (wechselseitige Bereitstellung von Komplexität) suchen. Dieser Begriff betont die Unwahrscheinlichkeit einer Reproduktion von Systemen, die in ihrer Umwelt auf weitere Systeme angewiesen sind, deren “konditionierte Koproduktion” (George Spencer-Brown) im Medium der Komplexität sowohl attrahiert als auch limitiert werden muss. Hierfür eignen sich Medien wie Macht, Geld, Liebe, Wahrheit, Glauben, Recht. Und mit W. Ross Ashby kann man den Systembegriff explizit beobachterabhängig als Einheit der Differenz von Organismus und Umwelt begreifen. Der Vorteil dieses Systembegriffs liegt darin, dass er aus der Sicht des Beobachters im Organismus und in dessen Umwelt “wesentliche Variablen” zu definieren erlaubt, deren Zusammenspiel die Reproduktion des Systems ermöglicht. Als “Organismus” zählt jede lebendige Einheit, die außerhalb ihrer Umwelt nicht lebensfähig wäre. Eine black box. Vermutlich selbst ein Beobachter.
  8. Zwei weitere Komplikationen kommen hinzu. Erstens müssen seit den Forschungsergebnissen der Philosophie des deutschen Idealismus und der Physiologie und Neurophysiologie des Menschen Vernunft und Verstand, Geist und Gehirn als komplexe Einheiten gelten, deren Fähigkeit zum strukturierend-strukturierten Umgang mit einer Umwelt die Annahme einzuklammern erlaubt, dass dieser Umgang nur durch das Postulat einer eigendynamischen Gesellschaft erklärt werden kann. Wir hätten es dann nicht mit sozialen Systemen, sondern mit sozialen Umwelten zu tun, deren Struktur von Vernunft und Verstand, Geist und Gehirn bewältigt wird, indem Kategorien des Unbedingten, der Freiheit, eingeführt werden (Kant). Vernunft und Verstand, Geist und Gehirn sind ihrerseits nichts anderes als Reflexionsfiguren dieser Freiheit.
  9. Und zweitens tritt neuerdings eine Sozialphysik im Umgang mit den Datenmengen, Verknüpfungsmustern und Algorithmen des Internets auf, die frei von jeder Soziologie mithilfe eines einfachen Modells einer Einflussmatrix menschliches Verhalten als das Ergebnis von Prozessen der Ansteckung zu beschreiben, zu prognostizieren und zuweilen auch zu lenken vermag (Axel Pentland, Richard H. Thaler, Cass R. Sunstein). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, mit welchen Modellannahmen die Systemtheorie diese Vorgehensweisen und Ergebnisse der Sozialphysik sowohl zu beobachten als auch möglicherweise zu konterkarieren vermag. Welche Art von Systemtheorie kann das Wissen der Soziologie um Garanten der Verhinderung von Ansteckung (Rivalität, Ausdifferenzierung, Konflikt…) aufnehmen, reformulieren und in Big-Data-taugliche Modelle einspeisen?
  10. Ashbys Systembegriff einer Triangulation zwischen Organismen, Umwelten und Beobachtern erlaubt eine empirische Schärfung des Systembegriffs, die heuristisch offen nach dem Ort und dem Stellenwert von Kontingenz, Komplexität, Kommunikation und Kontrolle zu fragen erlaubt.
  11. Eine Kultur lässt sich als ein Kontrollprojekt (im lockeren Anschluss an Gilles Deleuze) begreifen, das Netzwerke einer systemischen Reproduktion zwischen Organismen, Gehirnen, Techniken, Kultur und Gesellschaft beschreibt. Kultur kommt zweimal vor, nämlich einmal als Projekt und einmal als Vergleichshorizont und Reflexionsfigur.
  12. Eine systemische Reproduktion ist eine Reproduktion im Medium von Schließungen, Negationen und Komplexitätsreduktionen. Wir unterscheiden die funktionale Schließung des Organismus (nach Bronislaw Malinowski), die neuronale Schließung des Gehirns, die kausale Schließung einer Technik, die reflexive Schließung der Kultur und die soziale Schließung der Gesellschaft im Kontext von Sterblichkeit, Konfusion, Versagen, Unverständlichkeit und Erwartungsenttäuschung. Wir suchen nach Daten, die im orthogonalen Geflecht dieser Schließungen als Indikatoren jener Komplexitätsreduktionen gelten können, die die Kontingenz der Verhältnisse in verschiedenen Kulturen zu zähmen, züchten und pflegen vermag.
  13. Netzwerke wie diejenigen von al-Qaida oder einer Konsumgenossenschaft dokumentieren die Spannweite der Möglichkeiten solcher Komplexitätsreduktionen. Die Verteidigung des heiligen Bodens des Islam gegen das Militär und die Dekadenz der Ungläubigen ist ein ebenso unwahrscheinliches Kontrollprojekt wie eine Genossenschaft von Verbrauchern, denen es gelingt, die Einkaufspreise von Konsumgütern zu senken. Aber in beiden Fällen konnten und können Körper, Gehirne, Techniken, Werte und Normen rekrutiert werden, die die fälligen Schließungen bewerkstelligen. Es sind diese Konstellationen, die ein strikt beobachterabhängiger, also jederzeit hypothetischer Systembegriff zu beobachten versucht.

Beitrag zum 1. Jahrestreffen des Simon, Weber & Friends Alumni-Netzwerks, Berlin, 22. Mai 2014

 

 

 

 

 

 

Possibly, There Are No Social Systems

The book Soziale Systeme (1984; Engl. transl. 1995) by Niklas Luhmann tried to lead sociology out of its theory crisis. It failed to do so. There are probably several reasons, which explain this fact.

One may be that the book neither with respect to the problems raised by it, viz. operational closure, double contingency, temporalisation of basic elements and dealing with negation, nor with respect to the solutions provided, viz. communication within the medium of second-order observation, emergency of social systems, event-character of all elements and productivity of opposition and conflict, has been received appropriately.

A reason for this might be that sociologists are not used to strong theoretical thinking. They prefer to take concepts as they are introduced by people coming from other disciplines such as economics (Max Weber), philosophy (Georg Simmel), criminology (Gabriel Tarde), education (Emile Durkheim), medicine (Talcott Parsons), ethnology (Pierre Bourdieu), law (Niklas Luhmann) or physics (Harrison C. White) and to apply them to social phenomena without much thinking through of their conceptual architecture.

Another possible  reason for the book failing to solve sociology’s theory crisis might be that Luhmann identified problems of the discipline not shared by the discipline. How, if at all, are problems like operational closure, double contingency, temporalisation of basic elements and dealing with negation linked to class struggle, social inequality, the loss of the sacred, modern rationalisation or the deconstruction of authority?

Yet another reason, however, might be that Luhmann overdid his main thesis that “there are systems” (1995, p. 12) in the very moment when he added the assumption that there are also “social systems” (p. 14) as well. What if we keep the main thesis but drop its corollary?

“(…) every social contact is understood as a system (…)” (p. 15), we read further on. Perhaps we should take this as a starting point, leaving out the difficult notion of a social system, and rather conceive of any social contact like Talcott Parsons did in his AGIL-scheme as a complex event, in which body, brain, consciousness and social environment participate, and contribute to, differently and simultaneously. This contact would be a true complexity since it cannot be reduced to any one of these references and yet is indispensable for the constitution and reproduction of all of them.

Social environments with respects to bodies, brains and minds are structured as society, technology and culture, yet do not gain the character of systems. Only the organism-within-its-environment, like in W. Ross Ashby (Mechanisms of Intelligence, 1981), is to be conceived of as a “system”, differentiated as body, equipped with a brain and behaviorally oriented toward a sociality of double contingency.

This change in its basic assumption could maintain the problems raised by Luhmann as much as the solutions provided for them. His sociology could be rewritten as a sociology of social environments. The theory crisis of sociology cannot be solved by this move either, yet it could be addressed more accurately. This change in basic assumptions would get sociology once again into conversation with biology, neurology and psychology.

Proposal submitted to Sektion Soziologische Theorie at 37th Congress of Deutsche Gesellschaft für Soziologie, Trier, Germany, October 6–10, 2014 (link).

Heir to Enlightenment, or Why You Need Sociology to Understand Management

The rule of optimization, which allows management to judge whatever work, planning, prospecting, or investing is suboptimal, is a direct heir to the Enlightenment’s rule of reason. Just as the Enlightenment’s message was to scrutinize human practices, beliefs, and ideas for a lack of reason, management’s message is concerned with diagnosing deficits. In both cases, deficits are spelt out without necessarily telling anybody what to do to remedy them. To find out how to handle your affairs more reasonably and optimize your work is completely up to you as long as your efforts prove successful. And rest assured that whatever you do, both the enlightened intellectual and the trained manager will find some matters still lacking in reason and still suboptimal. At the same time, it can be unmercifully easy and shrewd to point out an unreasonable belief in tradition or a still suboptimal routine. The shrewdness consists in leaving the answer to the problem to the people plagued by it. There is possibly no better way to manage, i.e. control, processes of self-organisation.

Read more at http://ssrn.com/abstract=2429259.

Imagine Neurosociology

If Jeff Hawkins (On Intelligence, with Sandra Blakeslee, 2004) is right, we might consider most if not all of social systems’ structures externalized memory-prediction patterns trained on brains. Social networks would turn out devices to monitor how behavior (action) follows or not these patterns. Free will would be central to move across those patterns following different patterns. There would be lots of hierarchies organizing (via feedback and feedforward) these patterns, just as Hawkins would have it, yet they would be embedded in one or more heterarchies to allow not only for pattern formation (Kant’s “Reihen”) but also analysis of elements (Kant’s “Subjekte”) and division of systems (Kant’s “Systeme” and their “Teile”). Social theory in neurosociology would turn out to be about communication (redundancy & variety) and evolution of patterns entertained by cultivated brains.

Hawkins’ book and ideas are interesting because he is among the few who accept the operational closure of the brain. He is not quoting Johann Peter Müller or Heinz von Foerster but Vernon Mountcastle for this concept but never mind. The concept of operational closure and the principle of undifferentiated coding (both terms not used by him) allows him to conceive of the brain as a self-learning, auto-associative memory-prediction device determined in its older parts by genetics and evolution and in its neocortical parts by behavior, culture, and education. That makes the brain structurally deterministic, without having to assume that it determines perception, behavior, or action. Instead, it is forming information via myriads of feedback and feedforward impulses between layers and columns of neurons.

A field of neurosociology is far from being defined, let alone established (but see David D. Franks’ 2010 book on Neurosociology and its references, as well as Franks’ and Jonathan Turner’s edited Handbook on Neurosociology, to be released this July 2013), but there seem to be ways by now to avoid any kind of reductionism and to inquire instead into the co-evolution between the brain, in one hand, and its environment including many other brains, in the other. Such co-evolution concerns both mankind’s history and our everyday behavior and experience including social forms defining political, economic, aesthetic, pedagogical, religious, scientific, and other ways to shape, vary, and switch both action and experience.

It would be a non-trivial business to probe into sociology’s rôle and interaction theory, action-as-system theory, theory of self-referential social systems, game and network theories to see how they fare within a research program pursuing the assumption of a memory-prediction model of the brain. We could do without the assumptions of consciousness and society, both of them being in fact “reduced” to patterns shaping certain perceptions and actions without ever letting the brain determine either consciousness or society.

Consciousness, as Hawkins proposes, is about “declarative” memories and predictions (probably not far from Brentano’s and Husserl’s understanding of intentionality), society about memories and predictions presented to others known to be independent.

See now (March 2014): Neurosoziologie: Ein Versuch, Berlin: edition unseld, 2014, link

Zukunftsfähigkeit | 22 Thesen zur nächsten Gesellschaft

(1) Die nächste Gesellschaft unterscheidet sich von der modernen Gesellschaft wie die Elektrizität von der Mechanik. Schaltkreise überlagern Hebelkräfte. Instantaneität erübrigt Vermittlung. Wo der Buchdruck noch auf Verbreitung setzt, rechnen die Computer bereits mit Resonanzen. Die Dynamik der Moderne, die noch als Geschichte, Fortschritt und Dekadenz lesbar war, löst sich in Turbulenzen auf, die nur noch Singularitäten kennt.

(2) Die Kulturform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr das Gleichgewicht, sondern das System. Identitäten werden nicht mehr daraus gewonnen, dass Störungen sich auspendeln, sondern daraus, dass Abweichungen verstärkt und zur Nische ausgebaut werden. Gleichgewichte sind leere Zustände; sie warten auf die nächste Störung. Systeme sind von sich aus unruhig; sie verschwinden, wenn sie keinen Anschluss finden.

(3) Die Strukturform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr die funktionale Differenzierung, sondern das Netzwerk. An die Stelle sachlicher Rationalitäten treten heterogene Spannungen, an die Stelle der Vernunft das Kalkül, an die Stelle der Wiederholung die Varianz.

(4) Die Integrationsform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr die Geschichte in ihrer Gegenwart als Fortschritt oder Dekadenz, sondern die unbekannte Zukunft in ihrer Gegenwart als Krise. Solange man nicht weiß, wie es weitergeht, vergewissert man sich eines Stands der Dinge, auf den kein Verlass ist.

(5) Die Politik der nächsten Gesellschaft ist militärisch, ökonomisch und ökologisch konservativ. Die Macht, die ihr bleibt, ergibt sich aus der Überzeugungskraft des Status Quo. Sie liefert die Adressen, an die man sich wendet, wenn man einen Überblick behalten möchte, der nicht mehr möglich ist.

(6) Die Wirtschaft der nächsten Gesellschaft jagt von Asymmetrie zu Asymmetrie. Es geht darum, Zeit zu gewinnen. Wirtschaften heißt, seinem Kapital einen Schritt voraus zu sein.

(7a) Die Kunst der nächsten Gesellschaft ist wild und dekorativ. Sie zittert im Netzwerk, vibriert in den Medien, faltet sich in Kontroversen und versagt vor ihrer Notwendigkeit. Wer künstlerisch tätig ist, sucht für seinen Wahn-Sinn ein Publikum.

(7b) Die Kunst der nächsten Gesellschaft ist leicht und klug, laut und unerträglich. Sie weicht aus und bindet mit Witz; sie bedrängt und verführt. Ihre Bilder, Geschichten und Töne greifen an und sind es nicht gewesen.

(8) Die Wissenschaft der nächsten Gesellschaft ist poetisch und mathematisch. Sie entwirft und berechnet das autonome Objekt. Sie allein ist zuständig für das Neue. Ihre Mathematik einer rekursiven Komplexität tritt an die Stelle des Kalküls, der Geometrie und der Linie.

(9) Die Religion der nächsten Gesellschaft ist großartig und gnadenlos. Sie berichtet von einer Welt, die umso fremder auf den Menschen zurückschaut, je weiter dieser in sie hineinschaut.

(10) Die Erziehung der nächsten Gesellschaft bleibt ratlos. Sie verlässt sich auf eine Zweiseitenform, der gemäß wichtig nur sein kann, was nicht in der Schule vorkommt.

(11) Die Organisation der nächsten Gesellschaft ist kenogrammatisch. Sie definiert Leerstellen, die jederzeit anders besetzt werden können. Sie motiviert zu einer Arbeit, die nur in diesem Moment nicht austauschbar ist. Sie engagiert sich für Produkte, die den Kunden binden, indem sie ihn freisetzen.

(12) Die Technik der nächsten Gesellschaft macht die Welt zur Prothese ihrer selbst.

(13) Die Reflexionsform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr die Magie, die Macht oder das Geld, sondern die Information. Religion, Politik und Wirtschaft treten ihre Orientierungsleistung an die Massenmedien ab. Die Allianz von Nachricht, Werbung und Unterhaltung wird paradigmatisch wichtiger als die Kommunikation mit abwesenden Göttern, die Einschränkung der Willkür und die Stabilität der Instabilität.

(14) Das Individuum der nächsten Gesellschaft spielt, wettet, lacht und ist ratlos. Es zählt wie in der Stammesgesellschaft, fühlt wie in der Antike, denkt wie in der Moderne und muss sich dennoch jetzt und heute an der Gesellschaft beteiligen. Es vergewissert sich seiner Gruppe, träumt von seinem Platz, berechnet seine Chancen und erlebt, wie bereits die nächste Verwicklung es überfordert.

(15) Die Moral der nächsten Gesellschaft wird darin bestehen, auf die Unanschaulichkeit dieser Gesellschaft mit Augenmaß zu reagieren.

(16) Die Negationsform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr der Rausch, die Korruption oder die Kritik, sondern die Posse, die Transformation einer Unmöglichkeit in eine Möglichkeit. Sie ist so unberechenbar produktiv wie jede Negationsform; und dies nicht etwa, weil sie nicht wüsste, was sie tut, sondern weil niemand weiß, welche Reaktionen sie heraufbeschwört.

(17) Der Sport der nächsten Gesellschaft reizt hart an der Schwelle zum Doping und zur Prothese die Plastizität des menschlichen Körpers aus. In kleinste Einheiten zerlegt, um statistisch vielfältig ausgewertet werden zu können, geht es um Wettbewerbe in Wettbewerben in Wettbewerben. Noch immer jedoch begegnet der Sportler unvermeidlich auch sich selbst.

(18) Der Tod ist in der nächsten Gesellschaft nicht mehr der Abschied zu den Ahnen, nicht mehr der Platzwechsel aus dem Diesseits ins Jenseits und auch nicht mehr das finale Gleichgewicht, dem keine Unwahrscheinlichkeit mehr abgetrotzt werden kann, sondern ein unvollständiger Löschvorgang, der Spuren hinterlässt, die zu keiner Einheit mehr zusammengesetzt werden können.

(19) Die Gesundheit ist in der nächsten Gesellschaft die Kontingenzformel schlechthin auf die menschliche Existenz. Niemand ist je wirklich gesund, so dass jeder Identitätsmerkmale frei Haus geliefert bekommt, die jedoch umso weniger zur Identität beitragen, je deutlicher sie als Krankheitsmerkmale definiert sind, die ganze Populationen kennzeichnen.

(20) Die Ethik der nächsten Gesellschaft sucht nicht mehr das gute Leben, nicht mehr die vollkommene Tugend und auch nicht mehr die mögliche Anklage gegen das eigene Leben (das gute Gewissen), sondern das im Wortsinn einwandfreie Handeln. Ethisch einwandfrei ist das Handeln, dem alle Betroffenen, würden sie gefragt, zustimmen könnten.

(21) Die Architektur der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr nur die von Innen und Außen (die Höhle), Oben und Unten (der Palast), Erreichbar und Unerreichbar (der öffentliche und der private Raum), sondern die des Labyrinths. Optimiert wird die Redundanz des Redundanzverzichts. An jeder Ecke wird neu ausgehandelt, welche Überraschung an der nächsten Ecke zu erwarten ist.

(22) Der Witz in der nächsten Gesellschaft betrifft nicht mehr nur das glücklich daneben gehende Wort (inklusive der Flüche, die es treffen), die Wiedererkennung in der Metamorphose (inklusive der Tragik, die darin liegt, nicht mehr zurück zu können) und die scharfsinnig gefundene unwahrscheinliche Verbindung (inklusive der Melancholie, damit nicht weiterarbeiten zu können), sondern auch den Kurzschluss, der eine Welt begründet (und niemand weiß, wie lange).

[Die Anregung, die früheren 16 Thesen, erschienen in: Revue für postheroisches Management, Heft 9 (2011), S. 9-11, auf 22 Thesen zu erweitern, verdanke ich einem pseudonymen Zuruf. Siehe zum Kontext Dirk Baecker, Studien zur nächsten Gesellschaft, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007.]

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